Jubiläum auf dem Schleudersitz – Die Dresdner Philharmonie begeht ihren 150. Jahrestag im Kulturpalast in unruhigen Zeiten

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Kulturpalast Dresden, 1988.
Kulturpalast Dresden, 1988. © Bildstelle Stadtplanungsamt Dresden

Dresden, Deutschland (Weltexpress). Knapp drei Jahre ist es her, dass der Kulturpalast Dresden nach seinem Umbau und dem Einbau eines neuen Konzertsaales wieder eröffnet wurde. Frauke Roth, die Intendantin der Dresdner Philharmonie, zog jetzt die Bilanz der ersten drei (Kalender-) Jahre im neuen Palast. Von 2017 bis 2019 stieg die Zahl der Besucher der Dresdner Philharmonie und ihrer Chöre von 185 000 über 190 000 auf 200 000 – allein 2019 um 20 000! Die Zahl der Konzerte stieg von 203 auf 234. Zusammen mit den Veranstaltungen anderer Agenturen besuchten 2019 313 000 Menschen den Konzertsaal. Während der Jahre der Schließung des Kulturpalasts waren die Konzerte der Dresdner Philharmonie zu 87 Prozent ausgelastet. Mit der Anziehungskraft des neuen Konzertsaals stieg sie auf 92,5 Prozent. Besonders stolz ist das Orchester auf seine Projekte der kulturellen Bildung, die von 37 im Jahre 2016 auf 87 im Jahre 2019 anwuchsen. Es will erreichen, das jedes Dresdner Schulkind in seiner Schulzeit mindestens ein Konzert im Konzertsaal mit großem Orchester gehört hat. Das hört sich einfach an, macht aber den Künstlern, Lehrern und Eltern eine Menge Arbeit, denn die Kinder müssen darauf vorberietet werden. Ab der kommenden Saison werden die Schulkonzerte kostenfrei sein.

Internationale Orchester kehren zurück

Vor dem Umbau wurde der Kulturpalast von fremden Orchestern wegen seiner schlechten Akustik gemieden. Im neuen Konzertsaal spielten unterdessen das Gewandhausorchester Leipzig, die Wiener Philharmoniker, die Staatskapelle Dresden, die Staatskapelle Berlin, das Orchestre de Paris, das London Philharmonic Orchestra, das Concertgebouworkest Amsterdam, das Orchester des Mariinski-Theaters Sankt Petersburg, das Curtis Symphony Orchestra Philadelphia, und, kurz vor der Pandemie, die Berliner Philharmoniker, nach Kenntnis des Verfassers hoch zufrieden. Dies sei einer der besten Konzertsäle der Welt. Desto unverständlicher bleibt, dass die Staatskapelle Dresden in der neuen Saison ganze zwei Sonderkonzerte im Kulturpalast spielt, aber keine Abonnementskonzerte. Es hat den Anschein, die Kapelle stehe sich selbst im Wege, obwohl sich ihre Mitglieder von der Qualität des neuen Saales überzeugt haben. Das Problem ist Generalmusikdirektor Christian Thielemann, der statt des Umbaus des Kulturpalastes ein eigenes Konzerthaus haben wollte.

Zitterpartie 2020

Wie es 2020 mit den Konzerten aussehen wird, weiß niemand. Zur Zeit ist der Kulturpalast komplett geschlossen, auch das Kabarett »Die Herkuleskeule» und die Städtische Zentralbibliothek. Wie es weitergeht, ist völlig offen, wenn man bedenkt, dass sich zum Beispiel der Berliner Kultursenator Klaus Lederer auf eine Schließung der Kulturstätten auch über den 19. April hinaus, ohne sichere Termine der Wiederinbetriebnahme, einstellt. Die Verwaltung der Dresdner Kulturbürgermeisterin Annekatrin Klepsch wartet erstmal ab, welche Entscheidungen die Sächsische Staatsregierung für die Staatstheater treffen wird, die zunächst bis Anfang April geschlossen worden waren.

Zu einer Zitterpartie wird das Jahr 2020 für die Musiker der Dresdner Philharmonie, des Hausorchesters des Kulturpalastes, die in diesem Jahr ihren 150. Jahrestag feiern. Zwar ist der Gründungstag erst am 29. November, aber die gegenwärtige Lage birgt einige Unwägbarkeiten.

Ihre Pläne für die Saison 2020/2021 haben die Philharmoniker noch kurz vor der Einstellung des Spielbetriebs bekanntgegeben, aber durch die Pandemie kann einiges ins Rutschen kommen, weil die offiziellen Prognosen nicht optimistisch sind und die Bundesregierung bewusst alle Maßnahmen darauf anlegt, der Verlauf der Pandemie zu verlangsamen. Frauke Roth meint, die Philharmonie habe ihren Spielplan und könne den Betrieb planmäßig fortsetzen, wenn die Lage die Aufhebung der Beschränkungen erlaube. Die ausgefallenen Veranstaltungen würden nach Möglichkeit nachgeholt. Das gilt auch für Fremdveranstaltungen. Nicht erfüllte Ansprüche würden »rückabgewickelt».

Highlights im Jubiläumsjahr

Wenn es gut geht, wird die Dresdner Philharmonie die neue Spielzeit vom 5. bis 13. September mit einem Festival »Herztöne» (frei nach einer Widmung Ludwig van Beethovens) eröffnen. Im Mittelpunkt steht das »Spätwerk» des Meisters. Zu Beginn dirigiert der Chefdirigent Marek Janowski die Missa Solemnis, und er wird im weiteren Verlauf mit namhaften Solisten sämtliche Klavierkonzerte Beethovens aufführen.

Interessant sind die Thementage »Geschichtsmomente» am 2. und 3. Oktober mit Kompositionen »aus der DDR-Zeit». Werken aus der DDR werden Werke zeitgenössischer westdeutscher Komponisten gegenübergestellt. Von DDR-Komponisten werden die Uraufführung der Sinfonie Nr. 2 »In memoriam Martin Luther King» von Christfried Schmidt aus dem Jahre 1968 (!) sowie »Klangszenen I» von Friedrich Goldmann geboten. Von Bernd Alois Zimmermann erklingt die »Ekklesiastische Aktion» (1970). Die Dresdner Philharmonie ist eines der wenigen Orchester, die Werke von DDR-Komponisten spielen und wahrscheinlich das einzige, das dies systematisch tut.

Erfreuen wird das Dresdner Publikum die Rückkehr des langjährigen Chefdirigenten Michael Sanderling als Gast an das Pult der Philharmonie. Er wird Gustav Mahlers »Auferstehungssinfonie» dirigieren. Sanderling ist allen in Erinnerung als der Dirigent, der 2017 den neuen Konzertsaal in Betrieb nahm und ihn gemeinsam mit dem Orchester akustisch auslotete und justierte.

Vom 22. bis 29. November soll die Festwoche zum 150. Jahrestag des Orchesters stattfinden. Sie wird eröffnet mit der Uraufführung der »Piogge diverse» – fünf Gesänge für Bariton und Orchester vom Composer in Residence, Salvatore Sciarrino. Beim Festakt am 29.November dirigiert Marek Janowski die 4. Sinfonie von Anton Bruckner. Irgendwie scheinen Festreden bei der Dresdner Philharmonie eine Domäne der CDU zu sein. Zur Wiedereröffnung im April 2017 sprach Wolfgang Schäuble, zum 150. Jahrestag wird sich Thomas de Maiziere zum Thema »Wem dient die Musik?» äußern. Beide waren einst Bundesinnenminister.

Von besonderer Bedeutung für den 150. Geburtstag wird am 23. September ein Konzert des Philharmonischen Kammerorchesters unter Leitung von Wolfgang Hentrich sein. Es ist den beiden ehemaligen Konzertmeistern Szymon Goldberg und Stefan Frenkel gewidmet. Beide waren in den zwanziger Jahren gleichzeitig Konzertmeister der Dresdner Philharmonie. Sie wurden als Juden aus Deutschland vertrieben, Goldberg 1934 vom Platz des Ersten Konzertmeisters des Berliner Philharmonischen Orchesters und Frenkel 1935 als »freischaffender» Geiger. Ein würdiges Vorhaben, das die Darbietung der »Violinen der Hoffnung» aus der Sammlung des israelischen Geigenbauers Amnon Weinstein im Rahmen der Gedenkwoche an den Pogrom 1938 fortsetzt. Verwunderlich ist jedoch, dass das Konzert im Pressematerial unter der Rubrik »Kammerkonzerte im Kulturpalast» nicht erwähnt wird.

Orchestergeschichte wird aufgearbeitet

Mit Spannung darf man das Buch zum Jubiläum erwarten, das so interessante Kapitel wie »das Orchester in der NS-Zeit» und »die Philharmonie in der DDR» enthalten wird. Es hätte der Dresdner Philharmonie gut zu Gesicht gestanden, wenn sie zum Jubiläum die Biographie Szymon Goldbergs, verfasst von seiner Witwe Miyoko Yamane-Goldberg, herausgegeben hätte. Diese ist nur auf japanisch erschienen und könnte wichtige Informationen über Goldbergs Leben und Wirken vermitteln. Auch enthält sie wertvolle Lehren für das Geigenspiel. Die Dresdner Philharmonie hat bereits sehr viel für das Gedenken an Goldberg getan – mit einer Ausstellung des ehemaligen Orchestervorstands Volker Karp und mit einem Konzert zur Eröffnung des Goldberg-Archivs in Tokio – dies alles basierend auf guten Beziehungen zu Goldbergs japanischer Familie. Frauke Roth sagt, die Arbeit an der Geschichte des Orchesters habe viel Arbeit gekostet. Zum Jubiläum müsse sie aber erscheinen, weil die Aufarbeitung der Geschichte der Philharmonie notwendig ist. Beides sei nicht zu schaffen gewesen.

Anmerkung:

Vorstehender Artikel von Dr. Sigurd Schulze wurde unter der Überschrift „Corona und Konzerte – Die Dresdner Philharmonie begeht ihren 150. Jahrestag im Kulturpalast in unruhigen Zeiten“ im KULTUREXPRESSO am 29.3.2020 erstveröffentlicht.

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