Hirn trifft Sexus – Serie: Bregenzer Festspiele (Teil 2/5): Premiere der Oper „König Roger“ von Karol Szymanowski im Festspielhaus

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Chor, Tänzer; vorne Mitte v.l.: Will Hartmann (Der Hirte), Olga Pasichnyk (Roxane)

Das Feuchte also, die Feuchtigkeit, die dampft, sei es am Körper herabrinnendes Wasser, Schweiß also, oder wallendes Blut oder der nasse Film auf der Haut, den körperliche Liebe unweigerlich mit sich bringt, wenn Körper sich der Sinnlichkeit überlassen. Liebesrausch ist dann auch wieder so ein Wort, das in die dionysische Welt der Antike gehört, wo der Rausch als existentielle Erfahrung und auch notwendige Erfahrung des Menschen stets Thema bleibt und weit über Körperliches hinausgeht und Seele und Hirn gleich mitbetrifft. Insofern ist die auch in der Oper erst recht in der Inszenierung vorgenommene Unterscheidung von Sinn und Sinnlichkeit eine Scheidung, die nur einem Hirn und Herzen aus dem Norden einfallen kann, da die hier beschworene Antike von der Einheit von beidem ausgeht.

Daß sich dabei intern Flügelkämpfe zwischen dem Apollinischen und dem Dionysischen ergeben, ist sicher richtig, aber in dieser Zuspitzung auch einem Nordhirn entsprungen. – Daß dieses Hirn ein männliches war und der gesamte theoretisierte Konflikt ein männlicher bleibt, weil Frauen sehr viel stärker in ihren Körpern zu Hause sind und grundsätzlich nicht „mit dem Schwanz denken“ sei hier nur eingefügt, denn die Geschlechterdifferenz spielt leider keine Rolle, weder im Stück noch in der Diskussion, wäre aber ein hochinteressanter Aspekt. – Nietzsche wird hier nicht genannt, wenn Karol Szymanowskis Oper so stark unter das Motto: „ Sinn und Sinnlichkeit“ gestellt wird, wie es hier in Bregenz unter dem Festspielintendanten David Pountney und Regisseur dieser Oper „König Roger“ geschieht.

Die Oper ist schnell erzählt. Denn in einer der sizilianischen Kathedralen – byzantinisch natürlich – kommt es infolge einer Messe zu erregten Wortgefechten und dem Hilferuf an den König durch den Erzbischof und die Äbtissin, vom anwesenden Volk lautstark unterstützt, diesen im Lande umherziehenden Hirten zu eliminieren, weil dieser völlig Unbekannte das Volk mit Ideologien umschmeichelt, die es einer anderen Religion zuführen und daraufhin Christentum und Kirche links liegen lassen sollen. Eingekerkert soll er werden, dieser Aufrührer, erwartet die Kirche, frei leben dürfen fordert vom König Roxane, dessen Frau. Ihn anzuhören und zu befragen schlägt Edrisi, der arabische Gelehrte vor, hier Freund und Mentor des Königs. So geschieht es. Und der Hirte verkündet nun öffentlich das Gesetz der Liebe, die allein ausschlaggebend für alle Menschenbelange sei. Der König befiehlt ihn des Abends in seinen Palast.

Dort erscheint der Hirte mit Anhang und stellt seine Abkunft als Gottgesandter im Namen der Liebe aus dem fernen Indien dar, was durch das Musizieren auf in Sizilien unbekannten Instrumenten unterstützt wird, die Anwesenden zum Tanzen zwingt, auch die dem Hirten verfallene Königin, was Roger erst recht eifersüchtig macht. Als er den Aufrührer verhaften lassen will, kann der sich aus seinen Seilen befreien, zieht mit Gefolge ins Gebirge, dem sich der gesamte Hofstaat, eben auch Roxane anschließt. Der König bleibt auf seinem Thron allein zurück, entledigt sich der königlichen Insignien und folgt als einfacher Pilger dem Menschenstrom, Edrisi an seiner Seite, der ihn zu den Ruinen eines griechischen Tempels führt. Roger ruft nach Roxane, die ihn im Namen der Liebe begrüßt, weil er ohne die Königswürde und ohne Waffen kam. Die Orgie kann beginnen. Auf den Altar steigt der Hirte als Gott Dionysos, der mit seinem Anhang, im Original Bacchanten genannt, zu denen sich Satyre und Dryaden gesellen, die orgiastischen Nachtstunden feiert. Als die Sonne aufgeht, immer ein Zeichen des Gottes Apoll, steigt der König auf den Altar und bietet der Sonne sein Herz dar.

Liest man den Text, den Komponist Karol Szymanowski mitgeschrieben hat, ist man von dessen Schwülstigkeit erschüttert. Die Inszenierung allerdings findet in geradezu apollinischer Klarheit statt. Ein klar strukturiertes Bühnenbild begleitet einen durch alle drei Akte, das einem Segment aus einem griechischen Theater entspricht, also eine gebogene Tribüne, die sowohl als Treppe wie auch als Fläche genutzt werden kann, alles in strahlender Helle und so überaus ästhetisch, daß alles, was auf ihr geschieht, die zuckenden Menschenleiber im dritten Akt, die Blutorgien mit Stier- und Widderkopf, die orgiastischen Menschenverknäulungen und blutbefleckten restlichen Bekleidungsstücke, doch alle ein Gefühl von Superästhetik erzeugen, eine Glattheit, ja eine Kühle, so wie sich eine moderne Welt, die sich mehrmals am Tage duscht, eine Orgie im Kopf vorstellt. Mit einem Wort: ästhetisch stilisiert.

Karol Szymanowski (1882.1937), der nicht weit bekannt ist, aber zu den Großen des polnischen, auch europäischen Musiklebens zählt und als Spätromantiker in einem Atemzug mit den Heroen Richard Wagner und Richard Strauss genannt wird, beginnt mit gregorianischen Gesängen, die hier byzantinisch sind, die durchbrochen werden durch Dissonanzen, aber insgesamt einen Klangteppich mitsamt orientalischer Melodien, impressionistischen Tönen und expressivem Gesang, der bis zum Schluß die Einheit der musikalischen Sprache bewahrt und dieses thematisch ideologische Gefüge zusammenhält. Sagen wir es gleich, daß uns die symbolistisch anmutende Musik und vor allem die Interpretation und Geschlossenheit, mit der Mark Elder die Wiener Symphoniker spielen ließ, sehr beeindruckt hat. Das gilt insbesondere für die Strukturierungen im Fluß der Töne, die man tatsächlich als Teppich oder Wolken aus Tönen wahrnimmt, dann aber die Differenzierungen hört, wenn beispielsweise das alte Problem von Laut und Leise im Operngeschehen hier hörbar wird. Auch bleibt das Orchester in jeder Phase Diener des Geschehens auf der Bühne und das heißt auch, daß man die Sänger sehr gut verstehen kann. Gesungen wird im polnischen Original, mit deutschen Übertiteln.

Scott Hendricks ist ein tenoraler König Roger, der mimisch und stimmlich zum Ausdruck bringt, was es heißt, Anfechtungen ausgesetzt zu sein, sich irritieren zu lassen, dem nachzugeben und dennoch die eigene Würde und Menschlichkeit nicht aufzugeben. Die Roxane der Olga Pasichnyk geistert wie ein Irrwisch durch das Geschehen. Kaum ist sie in einer der Tiefen der Stufen verschwunden, taucht sie an anderer Stelle wieder auf und ist in gewissem Sinne die soprane Kommandostelle, die das Geschehen im Fluß hält, das den Hirten aufs Erste siegen läßt. Dieser, der Tenor Will Hartmann, ist der Held des Stückes, der zum Dionysos mutiert als goldfarbener Held – James Bond läßt in Bregenz erneut grüßen –, sogar nackt auftreten darf, was er sich leisten kann. Schließlich Edrisi, warmherzig und mulitkultiorientiert dargestellt von John Graham Hall, der miteinander Ost und West versöhnen will.

Die eineinhalbstündige Premiere, der nur drei Vorstellungen folgen, wurde umjubelt, die anschließende Charakterisierung der Aufführung wurde überwiegend mit dem Attribut „genial“ versehen, und einhellig die Lobestöne der Inszenierung verkündet, die unterstützt durch das Bühnenbild von Raimund Bauer, den Kostümen der Marie-Jeanne Lecca und die gebändigten Tanzeinlagen, choreographiert durch Beate Vollack und die beeindruckenden Chorleistungen des polnischen Rundfunkchors und des Sängerensembles der Stadt Katowice, Camerata Silesia und des Kinderchors das Besondere wahr werden ließen.

Warum wir selbst eine etwas andere Auffassung haben, müssen wir erklären. Wenn wir äußern, daß uns die Inszenierung zu perfekt war, ist das ein guter Ansatz. Wir meinen damit, daß dieses überaus schöne Bühnenbild, eben in apollinischer Klarheit, alle Vorgänge auf ihm Zug und Zug vorausschauen ließen. Wir ahnten bald, wie der Hirte erscheinen wird, auch das Goldfarbene und Nackte, von dem wir zuvor nichts wußten, schien uns als Konsequenz dieser Ästhetisierung der Aufführung logisch, das gezielt eingesetzte Blut als überaus schön, aber gar nicht schrecklich, die Fetzen an den Körpern gestylt wie alles, was uns vor Augen kam. Wir sahen ein mit dem Kopf inszeniertes orgiastisches Menschengetümmel, das immer hell und klar und mit schönen Körpern ausgestattet, uns immer wieder den Sieg des Apollinischen über das Dionysische zeigte, wo doch umgekehrt hier das Orgiastische über Sinn und Verstand siegen sollte.

Daß man immer mit Hirn und Kopf inszenieren muß, versteht sich von selbst, aber ein bißchen weniger Ästhetizismus hätte es schon sein dürfen, ein wenig Dreck und Häßlichkeit ist ebenso Ausdruck dieser anderen Seite des Menschen und der Natur, um die es ja hier geht. In diesem Sinn hätten wir uns weniger stilisierte inszenatorische Perfektion und mehr menschliche Ausdünstungen und Schwüle gewünscht. An die Oper selbst haben wir viele Fragen, denen wir selber noch nachgehen müssen, weil sie uns weder Inszenierung noch Textheft, noch Programm erklären. Was hat es auf sich mit dem Herunterreißen der Krone und des Herrschaftsgewandes, bevor der König dann nur noch als Pilger Roger den Schalmeienklängen folgt. Soll das die mittelalterliche Theorie von den zwei Körpern des Königs symbolisieren?

Wieso ist ein Hirte die Alternativfigur zum Christentum, wo doch der gute Hirte für die ersten Jahrhunderte schlechthin das Christensymbol war, wo Kreuz und andere christliche Devotionalien verboten waren. Dessen Hirtenfigur, mit dem Lamm über den Schultern, ist der christlichen Kultur des Abendlandes als Bild so eingebrannt, daß man das schon erklären muß, weshalb hier ein Hirte das Gegenmodell verkörpern soll. Und am meisten stören wir uns an den Alternativen: asketisches Christentum und orgiastische Antike. Versteht man die griechischen Mysterienspiele richtig, so waren sie – etwa wie der von der Katholischen Kirche gern akzeptierte Karneval – eine gewollte Triebabfuhr, psychoanalytisch ausgedrückt. Sie hatten ihre Funktion im Jahresrhythmus und brachten die in die Natur eingebundene Kreatürlichkeit des Menschen zum Tragen, verbunden mit Aussäen dessen, was im feuchten heißen Boden dann wuchs oder mit der Weinlese, die einfuhr, was das Wachsen im Boden erbracht hatte.

Nie aber wurde diese Naturseite des Menschen auf Dauer abgetrennt von seinem Kopf. Das wäre eine Fehlinterpretation der griechischen Antike, auf die sich ja die Inszenierung bezieht. Tut dies auch Szymanowski? Und was hat das Ganze mit seiner, wie geschrieben steht, ’nicht ausgelebten’ Homosexualität zu tun? Das wissen wir noch zu wenig. Wir verstehen „König Roger“ eher als Ausdruck einer formatierten Gesellschaft, die in Orthodoxie erstarrt ist, und nun mit dem Neuen, das der Hirte verkündet nicht umgehen kann, es nicht in das eigene Selbst und die eigene Gesellschaft integrieren kann, sondern ein Entweder-Oder daraus macht.

Wenn David Pountney im Programmheft stetig vom Nord-Süd-Konflikt spricht, und damit ausdrücken will, daß im Norden der Mensch sich über seinen Kopf definiert und im Süden über seinen”¦na, sagen wir lieber seine Leidenschaften – er spricht von Sinnlichkeit, was kein Gegensatz zum Sinn wäre, denn Sinnlichkeit ist noch keine der körperlichen Entäußerung, sondern entspringt ja dem Wortstamm „Sinn“! – , dann konstatieren wir, daß es im Stück selbst um den Ost-West-Konflikt geht, der konstitutiv ein anderer ist. Damit aber fängt die notwendige Diskussion über das Stück und seine Inszenierung erst an, die hier als Premierenbericht zu Ende ist.

In fragenswerte Aufführungen sollte man immer gehen, insofern ist dies auch ein Appell zum Besuch dieser Oper, die leider insgesamt nur viermal zu sehen ist, weshalb Sie sich eilen müssen.

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Weitere Aufführungen am 26. Juli, 1. und 3. August 2009.

www.bregenzerfestpiele.com

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