Harte Vorwürfe, dünne Beweise – Ein Workshop zum Thema »Charité und MfS« bot nicht mehr als eine Pflichtübung

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Der erste Vortrag von einem Historiker der Bundesbeauftragten für die Stasiunterlagen entfiel – aus familiären Gründen, wie es hieß. So blieb den Teilnehmern vorenthalten, wie im Sinne der Ankündigung durch Marianne Birthler die Überwachung der Charité durch die Hauptabteilung XX/3 mit Hilfe von mindestens 80 inoffiziellen Mitarbeitern, »darunter viele, auch leitende Ärzte«, bewerkstelligt wurde. Hans Altendorf, Direktor der BstU, erklärte, es gäbe ja ein Forschungsprojekt der Charité, das noch Zeit braucht. Seltsam, dass trotzdem ein Workshop angesetzt wurde, wo zum Leitthema noch nichts wissenschaftlich Gesichertes hätte gesagt werden können.

Stattdessen referierte Andreas Malycha vom Institut für Zeitgeschichte München-Berlin über SED und Charité. Er bot interessante Fakten über Organisationsstrukturen der SED an der Charité, über Anzahl und Verteilung der Mitglieder und vor allem über Wege und Mittel des Einflusses der Partei auf die Gesundheitspolitik, auf Inhalte und Richtung von Lehre und Forschung, ausgehend vom Anspruch der führenden Partei, die Gesellschaftspolitik zu planen und zu leiten. Malycha sprach sowohl über die Festlegung von Schwerpunkten der medizinischen Forschung durch die SED, zum Beispiel die Erhöhung der Lebenserwartung des Volkes – was nicht im Widerspruch zur wissenschaftlichen Meinung der Mediziner stand – als auch über Konflikte und Irrtümer, so den Versuch der Durchsetzung der Pawlowschen Methode. Den Stellenwert der Humboldt-Universität und der Charité für die SED symbolisierte die Erhebung der Parteiorganisation der Universität in den Rang einer Kreisparteiorganisation und der Medizinischen Fakultät zu einer Abteilungsparteiorganisation, die (1989) 1200 Mitglieder zählte, einschließlich Studenten 2000, bei insgesamt 8562 Mitarbeitern und Studenten. Er beklagte, dass Eingriffe der SED in Wissenschaft und Forschung mehr und mehr als selbstverständlich angesehen wurden. Andererseits sei der Versuch einer weltanschaulichen Erziehungsmission in der Charité gescheitert.

Das Thema berührt Forschungsfelder, die für die Geschichte der DDR und der Arbeiterbewegung und für die Parteigeschichte wichtig sind, auch und gerade aus sozialistischer Sicht: was war richtig, was war falsch? Welche Lehren sind zu ziehen? Ein Thema, das im Dialog von Kritikern und Verteidigern der DDR zu diskutieren wäre. Diese Form der Aufarbeitung wird jedoch noch immer von den tonangebenden Institutionen blockiert, die in ihrer antikommunistischer Befangenheit unfähig sind zu begreifen, dass Kommunisten und Sozialdemokraten nach der Befreiung von kapitalistischer Ausbeutung daran gingen, einen neuen Staat zu organisieren, und sich dabei mühsam vorantasten mussten oder aus Unerfahrenheit und Dogmatismus Fehler machten, die ihrer Sache mehr schadeten als nutzten und die nach ihrer politischen Niederlage nicht korrigiert und wiedergutgemacht werden können.

Maria Nooke von der Gedenkstätte Berliner Mauer benutzte das Thema »Charité und MfS« großzügig für die Darstellung des Grenzregimes und der Todesopfer. Ein Zusammenhang mit der Charité bestand nur begrenzt: die Leichen wurden bis 1982 in der Charité unter Aufsicht des MfS obduziert, später an anderem Ort. Ärzte der Charité wurden zum Teil gehindert, Verletzten Erste Hilfe zu leisten. Die Bergung von Toten und Verwundeten wurde von den Grenztruppen organisiert, der Charité fiel keine aktive Rolle zu. Ob und wie Ärzte und Mitarbeiter der Charité an Menschenrechtsverletzungen beteiligt waren, wurde von der Rednerin nicht belegt. Desto fragwürdiger ihre Behauptung, nicht alle Beteiligten hätten zur Aufklärung von Verbrechen beigetragen und Ärzte wären ein Schweigekartell mit den Stasileuten eingegangen (Namen wurden nicht genannt). Mehrere Fälle wären nicht aufklärbar. »Ob gesprochen oder geschwiegen wird, wissen Sie am besten.« Widerspruch war aus dem Auditorium nicht zu vernehmen.

Eine Untersuchung der Mitarbeit von Ärzten der DDR als IM des MfS führte Francesca Weil vom Hannah-Ahrendt-Institut Dresden anhand von 493 Ärzten und deren Stasiakten. Ihre Erkenntnisse deckten »Charité und MfS« nicht ab, denn nur 10 der aufgeführten Ärzte arbeiteten in der Charité – ohne weitere Angaben. Interessanter Aspekt: die IM-Berichte waren vorwiegend der Aufklärung von Absichten zur Republikflucht oder Ausreise gewidmet. Beziehungen von Ärzten zu oppositionellen Gruppen waren von völlig untergeordneter Bedeutung, das heißt, nicht vorhanden. Der Totalitarismustheorie entlehnt war Frau Weils Bemerkung: im Vergleich zur Nazizeit, in der 45 Prozent der Ärzte Mitglied der NSDAP waren, war die übergroße Mehrheit der Mediziner in der DDR weder in der SED noch ließ sie sich auf Spitzeldienste für das MfS ein. »Vielen von Ihnen ist hingegen angesichts ihrer Leistungen unter den komplizierten Bedingungen in den Gesundheitseinrichtungen der DDR großer Respekt und Anerkennung zu zollen. Dieses starke berufliche wie soziale Engagement zahlreicher Ärzte und Krankenschwestern spiegeln die IM-Berichte ebenfalls mehr als deutlich wider.«

In der Diskussion wurde erneut der Ruf laut, es sollten endlich Verbrechen wie Organraub, Ausschlachten von Mauertoten, Tötung von Kindern mit Medikamentenversuchen aufgeklärt werden. Der Dekan der Medizinischen Fakultät von 1990 bis 1995, Harald Mau, stellte klar: Unsere Untersuchungen ergaben: Nichts davon ist wahr! Alle Vorwürfe waren erfunden.

Um den Einigungsvertrag zu erfüllen, demzufolge Stasimitarbeiter nicht im Öffentlichen Dienst beschäftigt werden dürfen, wurde die Charité »durchgegauckt«, so Mau. Die Betreffenden wurden entlassen. Einige mussten durch Gerichtsurteile weiter beschäftigt werden. »Das hat viel Geld gekostet.«

Wie viele wurden nun entlassen? Im Workshop nannte der Charité-Erneuerer Wolfgang Kaufhold, der laut Begleitbuch »vorübergehend in die SED eingetreten« war, eine einzige Zahl: von 380 IM mussten 73 die Universität (!) verlassen. Andere Zahlen finden sich im Begleitbuch der Ausstellung, das jedoch im Workshop nicht zur Debatte stand. Demzufolge wurden im Februar 1991 62 Mitarbeiter entlassen. Ende 1992 wurden von zirka (!) 40 medizinischen Hochschullehrern IM-Akten gefunden. In der Ehrenkommission der Universität wurden 52 Fälle behandelt. 24 Personen schieden aus, ohne sich der Anhörung zu stellen, 14 wurden gekündigt, 10 schlossen Aufhebungsverträge. »Viele« klagten, »einige« mit Erfolg. 8 Personen durften weiter beschäftigt werden. Diese Angaben mögen dahin gestellt sein. Im Workshop selbst wurde nichts aufgeklärt.

300 Jahre Charité hätten eine bessere Würdigung verdient als ein Fake.

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Erstveröffentlichung in »Ossietzky« 23/2010

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