Hans Thoma, der „Lieblingsmaler des deutschen Volkes“?

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© Dr. Jürgen Pyschik

Die Brockhausausgabe von 1907 feiert Thoma als den „Lieblingsmaler des deutschen Volkes“, die im gleichen Jahr wiederaufgelegte populäre „Vorschule der Kunstgeschichte“ von Georg Warnecke formuliert etwas zurückhaltender, aber im gleichen Tenor: „Ein Dichter und Träumer ist auch Hans Thoma ”¦, er bringt  die schlichte Poesie des deutschen Volkslieds und Märchens in Linien und Farben zum Ausdruck. In seinen Lithographien geht er die Pfade einer rechten Volkskunst, die schon wegen ihrer Billigkeit in jedes Haus führt. Er erinnert damit an Ludwig Richter, aber Thoma ist fortgeschrittener in der Kunst des Ausdrucks der Empfindungen und die Art, wie er das Landschaftliche und hier auch die Tierwelt verwertet, ist viel stimmungsvoller.“ Damit scheint in der Tat ein Teil des Werkes beschrieben, die sehr grünen Landschaften mit und ohne pausbäckige Kinder bis hin zu den Vorlagen für (Aus-)Malbücher.

Dies ist aber nur die eine Seite des Werkes. Wie Böcklin, den er auch als Kollegen schätzte, malt er phantastische Szenen, Meerwesen , Faunen und Nymphen, aber auch erstklassige Portraits. In seiner Frankfurter Zeit kommt er in Kontakt mit Cosima Wagner und setzt sich mit Motiven aus Richard Wagners Werken auseinander. Es entstehen entsprechende Gemälde für Frankfurter Auftraggeber, aber auch Kostümentwürfe für Bayreuth. Auch der Schwiegersohn Cosimas, Henry Thode, für kurze Zeit Direktor des Frankfurter Städels, unterstützt ihn. Wie Steinhausen, Freund und Malerkollege, mit dem er in der Wolfsgangstrasse „Haus an Haus“ wohnt, erhält er Aufträge reicher Frankfurter Bürger zur Dekoration ihrer historistischen Villen und dennoch fühlt er sich in der Stadt nicht richtig wohl. Schon damals ist ihm das Klima zu sehr vom Geld und Gelderwerb bestimmt. Als er 1899 die Chance erhält, Direktor der Großherzoglichen Gemäldegalerie in Karlsruhe zu werden, ergreift er gerne diese Möglichkeit und ist dort noch 20 Jahre tätig.

Aus heutiger Sicht sind zwei Aspekte von besonderem Interesse: Seine Darstellung der Welt als vorindustrieller, durch keine Erwerbsarbeit verunstalteter Kosmos und die Unbeachtetheit, der sein Werk nach dem zweiten Weltkrieg verfiel. Letzteres lässt sich sicher daraus erklären, dass seine Klassifizierung als „besonders deutsch“ und der Missbrauch solcher Kunst durch die Nazis zunächst dazu führten, dass man bewusst oder aus Ängstlichkeit auf Abstand ging.

Mit seinen Landschaften schuf er eine „rückwärtsgewandte Utopie“, bediente er die Sehnsucht von Menschen, die sich in einer industrialisierten Welt unbehaglich und fremd fühlten. Es muss offen bleiben, ob dies auch seine Grundstimmung war oder er vor allem einem Trend der Zeit folgte. Paradoxerweise hingen aber seine Bilder dann in den Räumen jener Leute, die durch eben jene Industrialisierung über die Mittel verfügten, sie zu erwerben. In den Jahren des Wirtschaftswunders und einer technologischen Fortschrittsgläubigkeit, wie sie die 50er Jahre beherrschten, bestand an solchen Idyllen aber auch kein Bedarf.

Die Ausstellung läuft bis zum 29. September 2013.

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