Friedenstaube in Nahost

Klagemauer in Jerusalem, Israel.
Tauben auf der Klagemauer in Jerusalem, Israel. © Foto: Dr. Bernd Kregel

Wien, Österreich (Weltexpress). Schon träumen manche Israeli vom Urlaub in Dubai, in der schwindelnden Höhe eines Luxus-Hotelzimmers im Burj Khalifa, mit 828 Metern Höhe gegenwärtig das höchste Gebäude der Welt, träumen von den berühmten Shopping-Malls, von preisgünstigen Badeferien, von der berühmten Indoor-Skipiste bei Pulverschnee, wenn draußen die Wüstenhitze bei 45 Grad schmort. Die Fassade des Rathauses von Tel Aviv erstrahlt in den Landesfarben der Emirate – die bis heute Inhabern eines israelischen Passes den Zugang verwehrten. Vielleicht bald schon landen Flugzeuge der israelischen Gesellschaft El Al in Dubai, fliegt Emirates den Ben-Gurion-Flughafen Tel Aviv an. Woher die plötzliche Euphorie? Vor einer Woche haben sich Israel und die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) – der israelische Regierungschef Benjamin Netanyahu und der „starke Mann“ der Emirate, Sheikh Mohammed bin Zayed Al Nahyan – telefonisch darauf verständigt, volle diplomatische Beziehungen aufzunehmen.  Eingefädelt wurde diese sensationelle Entwicklung unter anderem durch Präsident Trumps Schwiegersohn, Jared Kushner.

Ein diplomatischer Durchbruch – ein Meisterstreich. Die großen Gewinner sind Trump, dessen Wiederwahl auf Messers Schneide steht und der sich nun als Friedensstifter in Nahost aufspielen kann. Und Netanyahu, der sich im Januar wegen Korruptionsvorwürfen vor Gericht zu verantworten hat – eine willkommene Ablenkung in Israel, das in seinem permanenten Überlebenskampf schon so viele Kriege schlagen musste und dessen Grußformel ja nach wie vor „Schalom“, Friede, lautet. Ein geradezu genialer Deal: Die Akteure haben nur zu gewinnen. Der Scheich hat mit seinem Vorstoß eigenhändig die (von Netanyahu als Wahlversprechen angekündigte) Annexion des besetzten Westjordanlands verhindert. Und der israelische Premier verzichtet im Gegenzug auf eine Annexion, an deren tatsächliche Durchführung er nicht einmal im Traum gedacht hat. Genial. Also nur Gewinner? Verlierer sind, wieder, die Palästinenser. Einmal mehr hat sich gezeigt, dass sie zwar seit Jahrzehnten von den Arabern großartig als Propagandainstrument benutzt werden, aber dieselben Araber lassen die Palästinenser wie heiße Kartoffeln fallen, sobald die eigenen Interessen vorgehen. Die Einzigen, die jetzt noch „Verrat“ schreien, sind die Iraner und die Türken – und auf solche Verbündete könnten die Palästinenser gerne verzichten.

Ein historischer Neuanfang im Nahen Osten? Zwei ehemalige Kriegsgegner Israels, Ägypten und später auch Jordanien, haben längst mit dem jüdischen Staat Frieden geschlossen – einen kalten Frieden, denn viele Ägypter und die palästinensische Bevölkerung Jordaniens betrachten Israel immer noch mit Hassgefühlen – aber die technische Zusammenarbeit mit den Nachbarländern blüht. So auch zwischen den Emiraten und Israel – ohne formellen Frieden. Jüdische Geschäftsleute in Dubai halten schon lange hinter verschlossenen Türen ihre Feiertags-Gottesdienste ab. Seit langem gibt es Kooperation und Geschäfte zwischen Israel und den Golfstaaten – nicht zuletzt im strategischen Bereich, denn der gemeinsame Feind ist Iran. Die Emirate haben gigantische Militärbudgets und sie sind scharf auf die hochentwickelte israelische Waffentechnologie, und neuerdings arbeitet man auch im medizinischen Bereich, in der Covid-19-Bekämpfung, eng zusammen. Dieser neue, dritte Friedensschluss, zwischen den Golfstaaten und Israel, ist letztlich gar keiner – es ist lediglich eine „Normalisierung“ der Beziehung. Denn wirklich Krieg gab es nie, höchstens vielleicht das Lippenbekenntnis zur „gemeinsamen arabischen Front“ gegen den „zionistischen Gegner“. Eine Schwalbe mache keinen Frühling, sagt das alte Sprichwort. Eine Friedenstaube, so wäre hinzuzufügen, noch keinen Frieden.

Anmerkung:

Vorstehender Beitrag von Dr. Charles E. Ritterband wurde am 20.8.2020 in den „Vorarlberger Nachrichten“ erstveröffentlicht.

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