Filmfestival Thessaloniki – Europa am Rande des Wahnsinns

In seiner Erí¶ffnungrede erinnerte Festivaldirektor Dimitris Eupides nicht nur an die wichtige Rolle des alternativen Films, sondern mahnte auch zu Menschlichkeit und Entschlossenheit in Anbetracht der Flí¼chtlingssituation. © Eudyssee, Foto: Florian Schmitz, 2015
Seit Griechenland seinen Platz unter den Toprankern im europäischen Pressespiegel räumen musste, herrscht gespenstische Stille im Land. Verbessert hat sich natürlich nichts. Anstatt Aufklärung, hat der mediale Fokus das Land eher in ein Dasein komplexbehafteter Isolation befördert. Die Menschen in Griechenland sind primär mit sich selbst und der verworrenen Situation beschäftigt. Zum Glück gibt es Filmfestivals, die das Tor zur Welt ein stückweit öffnen.
Psychos unter sich
Menschen mit psychischen Erkrankungen haben oft den Eindruck, alle anderen um sie herum seien gesund. Freud hat aus diesem Komplex ein Geschäftsmodell entwickelt und auch das Publikum in Thessaloniki konnte sich auf dem diesjährigen Filmfestival davon überzeugen, dass Griechenland nicht der einzige Patient unseres illustren Kontinents ist. Die alternaive Filmbranche verwandelte die Kinoleinwände in Fenster zu geplagten Seelen. Sie gewährten Einblicke in die psychologische Landschaft Europas heterogener Kulturwelt.
Und dabei sieht man: Ein Trauma jagt das nächste. Diktaturtrauma im Film Honey Night aus Mazedonien, Kriegstrauma in Our Everyday Life aus Bosnien, Alkoholiker-Mutter-Trauma in Glassland aus Irland, Verpatzte-Kindheit-Trauma in Silent aus Griechenland und – nicht zuletzt – das Kranke-Ikea-Höflichkeits-Trauma in White People aus Schweden. Diagnose: Kollektives Allgemeintrauma. Symptome: Krise(n). Therapie: Unbekannt.
Kollektiver Wahnsinn eint
In seiner Eröffnungrede erinnerte Festivaldirektor Dimitris Eupides nicht nur an die wichtige Rolle des alternativen Films, sondern mahnte auch zu Menschlichkeit und Entschlossenheit in Anbetracht der Flüchtlingssituation. © Eudyssee, Foto: Florian Schmitz, 201Leider vermag kein goldener Alexander, silberner Bär und keine goldene Palme die seelischen Leiden zu heilen, die sich vor den Augen der Zuschauer ausbreiten. Zwar weiß man nach über einem Jahrhundert Psychoanalyse, dass Erkenntnis der erste Schritt zur Besserung ist. Doch in der Tat sieht es eher so aus, als ob man sich dem geballten Wahnsinn einfach unterwerfen sollte.
Dabei offeriert so ein paneuropäisches Stelldichein der Seele einen entscheidenden Vorteil: Es erinnert daran, dass Europa und die Europäische Union nicht dasselbe ist. Europa ist wenn Filmschaffende von Island über Irland, Frankreich, Deutschland, Österreich, den Balkan bis hin nach Griechenland und die Türkei ihr kulturelles Anderssein zur Schau stellen und als gegeben hinnehmen. Und Europa ist auch, wenn dabei – wie am Samstagabend geschehen – die meisten Auszeichnungen (zurecht) nach Lateinamerika gehen.
Eröffnungsfilm aus Deutschland
Tausende von jungen Griechen verlassen das Land, um die Perspektivlosigkeit hinter sich zu lassen. Ebenso wie Victoria aus Madrid, die Protagonistin des gleichnamigen, schnittlosen Bankraub-Liebes-Dramas von Sebastian Schippers, mit dem das Festival eröffnet wurde. Gerade für das Publikum in Thessaloniki wirft dieser Film, in dem Einsamkeit und das Gefühl, nicht gebraucht zu werden, eine Welle der Selbstzerstörung auslösen, ein anderes Licht auf das von vielen so hochgelobte Berlin.
Europapremiere feierte außerdem Thomas Stubers beeindruckendes Langfilmdebüt Herbert. Die Geschichte eines Boxers (überragend dargestellt von Peter Kurth), der an ALS erkrankt, lieferte Einblicke in ein Leipzig fernab der renovierten Fassaden. In der Diskussion nach dem Film wurde der Regisseur auch mit der Überraschung der Anwesenden hinsichtlich sozialer Probleme in Deutschland konfrontiert.
Festival ohne Glanz und Glamour
Karten für Berlinale-Filme zu bekommen ist etwas für hartgesottene Filmfans. In Fachkreisen gilt das Festival als Treffpunkt der Branche, auf der zum Filmgucken wenig Zeit bleibt. „Ich war schon oft auf der Berlinale, habe aber noch nie einen Film gesehen,“ sagt Rúnar Rúnarsson. Der Isländer wurde für ’Sparrows,’ ein einfühlsam-leises Porträt über das Heranwachsen mit dem Artistic Achievement Award geehrt.
Das Filmfestival in Thessaloniki ist da anders. Kein roter Teppich, keine internationale Prominenz, keine Kamerateams aus den USA. Auf dem Klo im Olympion, dem schönen Hauptkino des Festivals, hat jemand an die Wand geschrieben: „Filmfestival Thessaloniki = Geldverschwendung.“ Das stimmt keineswegs. Die Auswahl ist nicht immer gut und wer nach Hollywood Ausschau hält, ist falsch. Dafür ist es ein Filmfestival für den Zuschauer. Und eine Möglichkeit, sich daran zu erinnern, dass Bankenrettung und Währungssorgen kein Monopol auf Probleme haben.

Anmerkung:

Der Beitrag von Florian Schmitz ist eine Erstveröffentlichung im WELTEXPRESS.

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