Gruselige Geräusche im Wettbewerb der 70. Berlinale: In dem argentinisch-mexikanischen Beitrag „El prófugo“ („The Intruder“) verschwimmen Realität und Einbildung

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Szene mit Cecilia Roth und Érica Rivas aus dem Film "El prófugo" ("The Intruder" von Regisseurin Natalia Meta. © Rei Cine SRL, Picnic Producciones SRL

Berlin, Deutschland (Weltexpress). Sie stöhnt. Sie schreit. Sie klagt und jammert. Dann fuchtelt sie mit einem Stift, als wäre der ein Dolch. Um den gespielten Emotionen noch mehr Nachdruck zu verleihen. Ines (Erica Rivas) arbeitet als Synchronsprecherin. Irgendwann läuft es nicht mehr rund. Im Studio zeichnen die Mikrofone sonderbare Töne auf. Hat Sie ihr Handy nicht ausgestellt? Liegt es an der Technik? Fehlanzeige. Die störenden Geräusche scheinen direkt von ihren Stimmbändern zu kommen. Die Töne beeinträchtigen die Synchronisation und gefährden auch ihre Stellung im Chor.

Auslöser war ein traumatisches Erlebnis im Urlaub. Ihr Liebhaber war während des Urlaubs vom Balkon des Hotelzimmers gestürzt. Warum, bleibt offen. Es spielt für den Film auch keine Rolle. Geht es doch vor allem um die Folgen dieses Unfalls. Fortan leidet die junge Frau auch noch an Schlaflosigkeit und wird von heftigen Albträumen heimgesucht. Nach und nach gerät sie in einen paranoiden Zustand, wird psychisch immer labiler. Bald verschwimmen Realität und Wahn immer mehr. Eine ältere Kollegin scheint das Problem zu kennen: Unheimliche Eindringlinge hätten sich Ines bemächtigt, meint sie. Konkreter wird sie nicht.

Ein Psycho-Sex-Thriller, das würde „The Intruder (El Prófugo)“ von Regisseurin Natalia Meta gerne sein. Doch das gelingt dem argentinisch-mexikanischen Film nur sehr bedingt, trotz ordentlicher Schauspieler und gelungener Kameraführung. Von Erotik kaum eine Spur, und auch die Gänsehautmomente sind eher rar gesät. Die Idee mit den Stimmbändern kann man als originell oder abstrus empfinden. Entscheidend in dem Film ist vor allem das Verschwimmen der Grenzen zwischen Realität und Wahn. Ein spannendes Thema, bei der filmischen Umsetzung sind da zumindest Ansätze erkennbar. Etwa in der unheimlichen Szene, wenn Ines vor ihrer Mutter steht und gleichzeitig deren Stimme aus ihrem Handy dringt. Ist diese Frau gar nicht ihre Mutter? Hört sie Stimmen? Oder bildet sie sich alles nur ein? Man hätte sich mehr von solchen Momenten gewünscht.

Und der oder die Eindringlinge? Bloßer Stress? Oder doch mehr? Das bleibt offen. Dämonen scheinen es jedenfalls nicht zu sein, der obligatorische Exorzist bleibt Ines wie auch den Zuschauern erspart. Das hat doch etwas Tröstliches. Lieber ein mäßiger Psychothriller als ein gänzlich misslungener Horrorfilm.

Filmographische Angaben

  • Originaltitel: El Prófugo
  • Englischer Titel: The Intruder
  • Staaten: Argentinien, Mexiko
  • Jahr: 2020
  • Regie: Natalia Meta
  • Drehbuch:
  • Darsteller: Cecilia Roth, Érica Rivas
  • Dauer:
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