Ein Märchen aus Tausendundeiner Nacht, das wahr ist – Ingrid Müller-Münch erzählt vom Wiedersehen mit dem Rom Orhan Jasarovski

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Das hat Ingrid Müller-Münch auch getan und in der Frankfurter Rundschau vom 22. Februar mit der Überschrift „Der Aufsteiger“ den zweiten und so positiven Teil dieser unglaublichen Biographie geliefert, den sie im ersten Teil am 19. Januar 1993 mit „Wir sind Roma, geschätzt nur wie ein bißchen Staub“ vorgelegt hatte. Dieses Erscheinungsdatum lag zeitlich vor der letzten Möglichkeit, die Abschiebung zu verhindern, der Sitzung des Petitionsausschusses des Düsseldorfer Landtags, für den sie die soziale und menschliche Härte dieser Abschiebeaktion im Artikel darlegte.

Erinnern wir uns. Das war die Zeit der heftigen Asylantendiskussionen und heftigen Abschiebepraxis der Bundesländer. Öffentlich wurde diese meist nur, wenn es um Familien ging, wo schulpflichtige Kinder, die größtenteils schon in Deutschland geboren waren und Deutsch als Muttersprache hatten, aus ihrem Sozialgefüge und ihrer Umgebung durch die Abschiebung herausgerissen wurden und in die Heimat der Eltern abgeschoben dort mit Sprachproblemen konfrontiert wurden, die negative Auswirkungen auf die Schulleistungen und die soziale Interaktion hatten, ganz abgesehen davon, daß Kinder diese Entwurzelung verständlicherweise als von ihnen nicht durchschaubare Bestrafung erleben mußten, mit all den traumatischen Folgen, die sich daraus ergeben.

So erging es auch Orhan Jasarovski. Er ging auf die Grundschule in Meerbusch, wo nicht so sehr seine Behinderung, sondern eher seine dunklere Hautfarbe auffiel. Behindert ist Orhan durch eine Kinderlähmung, die unter anderem als Folgeschaden seine Beine betrifft, weshalb ihm – laut Artikel – die Kinder in Skopje „Schiefes Bein“ hinterherriefen. Aber er leidet auch an epileptischen Anfällen. In Deutschland erinnern sich noch heute seine damaligen Lehrer an seine Willenskraft, seine Lernbereitschaft und seine Intelligenz. Dazu sagt er selbst: „Ich wollte eine wichtige Person werden, die die Leute schätze und lieben. Um das zu werden, habe ich mir große Mühe gegeben.“

Er hatte, als er mit Familie das erste Mal nach Deutschland kam, Glück. Denn nach Meerbusch bei Düsseldorf eingewiesen zu werden, bedeutete für ihn hilfsbereite deutsche Nachbarn, die sich um die Flüchtlinge kümmerten, was für den in einem halben Jahr die deutsche Sprache Lernenden Hausaufgabenhilfe und emotionalen Halt bedeutete. Die Autorin Müller-Münch in der Frankfurter Rundschau von Dienstag: „Etwa zu der Zeit, 1993, lernte ich Orhan kennen. Einen 13jährigen vorwitzigen, altklugen Jungen, der auffiel inmitten der anderen Roma-Kinder. Dadurch, daß er sich zwar nur humpelnd vorwärts bewegen konnte, sein Defizit aber durch kluge Sprüche und wache Blicke wieder wett machte.“

Auch auf seine Lehrer machte er Eindruck, von denen eine noch nach so vielen Jahren weiß: “Als ich ihn fragte, was er denn mal vorhätte, da hat er mir geantwortet: Ich möchte mein Volk retten. Da war er im 6. Schuljahr.“ Seine guten Leistungen halfen ihm nicht, weshalb die Autorin Ingrid Müller-Münch urteilte: „Kurz darauf wurde er abgeschoben, der anhaltende Protest an seiner Schule, Eingaben an Politiker – all das hatte nicht geholfen. Wegen eines ’erheblich öffentlichen Interesses“, so stand es in der Ordnungsverfügung der Stadt Neuss, mußte die Familie Jasarovski zurück nach Skopje. Seitdem hatte ich nichts mehr von ihm gehört.“

Als 30jährigen stämmigen jungen Mann hat sie ihn, der gerade eine Universitätskarriere anstrebt, nach 17 Jahren im Hause seines Doktorvaters wiedergesehen. Über die damalige Abschiebung mag er nicht mehr sprechen, zu schlimm war das Herausreißen aus seiner heilen Welt. Geld gab es auch nicht und die 1000 DM, die die Osterrather Kirchengemeinde gesammelt hatte, mussten lange reichen. Bis ins Jahr 2000 kam von dort immer weiter finanzielle Unterstützung. Die 4köpfige Familie lebte erst einmal in einem Zimmer bei einem Onkel zusammen mit zehn weiteren Personen.

Roma allerdings leben auch in Mazedonien eingeschränkt in Ghettos. “Und da er als Rom sowieso nicht auf eine normale Schule gehen durfte, kam er zunächst in eine spezielle Einrichtung.“, heißt es weiter im Rundschauartikel, der auch von seinen Erfolgen erzählt, Schulwechseln und dem Ergebnis, daß Orhan als Jahrgangsbester das Abitur machte. Möglich wurde das auch, weil er von zu Hause aus sehr gefördert wurde. Er selbst wollte immer zurück nach Deutschland, das ihm Heimat war und das er liebte. Doch das war nicht einfach. Es brauchte nicht nur Geduld und Geld, sondern auch ein Visum, Bürgen und einen Studienplatz. Im Jahr 2000 war es soweit. Er konnte nach Deutschland einreisen und die Osterrather Kirchengemeinde unterstütze ihn weiterhin.

Im Studium wollt er sich nicht als Rom zu erkennen geben und erst als ein Professor über das Volk der Roma verächtlich sprach: Da habe ich „mich zu Wort gemeldet. Gesagt, ich kann am besten beschreiben, wie Roma sind. Denn ich bin Rom. Ich bin Zigeuner.“, beschreibt Ingrid Müller-Münch diese Situation, in der Orhan seinen Kommilitonen dann von der leidvollen Geschichte seines Volkes sprach. Die Reaktion der Studenten war positiv und sie wollten noch mehr von Orhan wissen. Inzwischen ist er Vorsitzender des nordrhein-westfälischen Landesverbandes der Roma und kümmert sich um deren Integration, die ihm persönlich schon lange gelungen ist.

Das setzt ihn erst recht in den Stand, für sein Volk Aufklärungsarbeit zu leisten, das für ihn aus seiner Opferrolle herausfinden muß. So wie Orhan selbst, der seine Opferrolle nicht akzeptierte und alle Kraft aufwandte, aktiv sein eigenes Leben zu bestimmen. Was so schön und wie ein modernes Märchen klingt, hat dem Jungen und jungen Mann nicht nur viel abverlangt, sondern seinen Preis gehabt. Neun Jahre lang konnte er seine Eltern nicht sehen. Seit 2009 können sie als Touristen nach 16 Jahren wieder in Deutschland einreisen, allerdings jährlich nur für eine begrenzte Zeit. Daß sie mit Polizeigewalt abgeschoben wurden, führt bei ihnen zu einer Grundangst in Deutschland.

Aber auch für Orhan ist noch nicht alles geklärt. Student durfte er in Deutschland sein, aber bleiben darf er nur, wenn er das Promotionsstipendium, das er bei der Friedrich-Ebert-Stiftung beantragt hat, auch erhält. Seine Studienabschlußnote von 1,0 in Germanistik ist das eine, aber von einer Stiftung, die den Namen des Sozialdemokraten und ehemaligen Staatspräsidenten trägt, darf man schon erwarten, daß er die unterstützt, die sich derart gegen verkrustete Verhältnisse wenden wie es Orhan tat und tut – auf daß Kollegin Ingrid Müller-Münch nicht noch einen dritten Artikel schreiben muß, deren zweiter uns deutlich machte, wie sehr ein Mensch sein eigenes Leben bestimmen kann, wenn er gegen bestehende Verhältnisse opponiert und deren erster der journalistischen Pflicht genügte, gegen stattfindende Ungerechtigkeit und soziale Härte öffentlich vorzugehen. Für beides Artikel sind wir der Kollegin und der Frankfurter Rundschau dankbar.

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