Ein Comic nach 1500 – „Die Bibel in Bildern. Aus der Werkstatt von Lucas Cranach (1534)“ im Verlag Taschen

Buchcover

Aber Bibel ist nicht Bibel, und bebilderte Bibel nicht bebilderte Bibel, denn wenn heute berühmte Künstler wie Chagall, wie Dalí­ wie so viele andere die Bibel illustrieren, was Dürer mit der Apokalypse ein für alle Mal meisterlich aufs Papier brachte, dann ist das das eine, das Kunstfertigkeit und Religiosität vermitteln soll. Aber die Bibel zu illustrieren, hat eine ganz andere Herkunft aus einer Zeit, als das Lesen nur den höheren Schichten zukam und gleichzeitig Gottglaube nicht Privatsache war und quasi nebenbei stattfand, sondern seit dem Mittelalter in höchster Inbrunst als Gottesglaube die Stunde, den Tag, das Jahr und das Leben bestimmte. Da wurden Armenkirchen gebaut, in denen in der Apsis als Fries die Bibel lebendig wurde, die Geschichten der Bibel in Steinskulptur gelesen werden konnten und da wurden Armenbibeln gedruckt, auf daß das gottessüchtige und gottessehnsüchtige Volk vom Wirken Gottes auf Erden und nicht zu wenig von seinen Strafen für sündige Menschen erfuhr.

1534 als die letzten der vorliegenden Blätter entstanden, war die Buchdruckerkunst schon in voller Blüte, genauso wie der Humanismus, der die gelehrte Welt der Antike mit der neuen Zeit vereinen wollte, die man durch die Reformation und durch die Entdeckung Amerikas in der alten Welt spürte. Buch war auch Bildung und Bilder hatten immer noch die Funktion der sinnlichen Wiedergabe des Inhalts, aber auch schon längst ihre ästhetische Seite herausgekehrt: dem Schönheitssinn zu dienen, durchaus immer noch in Verbindung damit, Gott zu bedienen. Die Meister waren noch fromm dazumal und einem wie Cranach gelang es auf beispiellose Weise mit Martin Luther bestens befreundet zu sein und seinem katholischem Herrn untertan zu sein und mit im ins Gefängnis zu gehen. Aber das war später, noch sind wir in seiner Erfolgszeit, wo das Geschäft mit Bildern nur so brummte und Cranach den erste großen Werkstattbetrieb hierzulande führte, wo er Künstlern Brot gab, weil die alleine den Markt nicht erobern konnten, hier bei diesen Bibelholzschnitten – aus dem Original der Herzogin Anna Amalia Bibliothek in Weimer – einem gewissen Meister MS, der bis heute anonym bleibt. Werkstatt heißt also nicht zweitrangig, sondern unter einem Markenzeichen Vielfalt.

Stephan Füssel bringt eine kulturhistorische Abhandlung über die Bibel, ihre Entstehung, ihre ersten Übersetzungen in eine germanische Sprache, ins Gotische durch Wulfila aus dem 4. Jahrhundert, und dann einen Überblick über den Siegeszug der Bibelübersetzungen seit Johannes Gutenberg, der von 1452 bis 1454 die erste vollständige Vulgata druckte, das ist die lateinische Übersetzung der griechischen Originale, deren hebräischer Teil wiederum ins Griechische übersetzt wurde. Mit der Bibel fing also auch der Buchdruck an und so liest man wieder einmal, daß nicht Martin Luther die erste deutsche Übersetzung zustandebrachte, sondern daß er nach achtzehn vorliegenden Übersetzungen eine Bibel nicht nur auf Deutsch, sondern in der Sprache des Volkes schrieb, für die er neue Wörter genauso so erfand wie damalige Sprachbilder ins Gelobte Land des Alten Testamentes transportierte. Luthers Leistung liegt also von heute her absolut in seiner Sprachgewalt und der Fähigkeit, religiöse Historie zeitgemäß nahezubringen.

Für diese mehrfach gedruckte und immer wieder veränderte Lutherbibel wurden die in diesem Prachtband abgedruckten kolorierten Holzstiche für den Druck von 1534 geschaffen. Die Bilder kann auch der lesen, der der Schrift unkundig ist. Und wir lesen diese Bilder heute wie eine Handlungsanweisung, wie die Welt zu verstehen ist. Von daher ist der Ausdruck ’Comic` in der Überschrift auch keine Blasphemie, sondern Ausdruck dessen, was die Bilder im Kopf und Gemüt des lesenden Menschen erzeugen sollen. Gott ist allmächtig, sagt schon das Titelbild, wo ein Gott im roten Herrschaftsmantel mit Edelsteinborte besetzt über der in sieben Tagen geschaffenen Erde thront, die in einem grünen Rund in der Mitte das Paradies zeigt und darum herum die Sterne am blauen Firmament, oben die Sonne, gegenüber der Mond. Und um alles noch einmal eine grüne Welle geschlungen, die als weiterer Weltraum das belebte und begrünte Gebilde beschützt.

Schlagen wir das Buch auf, so enthüllen die beiden Innenseite das Paradies im Detail und diese Lust, an den seitengroßen Vergrößerungen erst die Kunstfertigkeit der Holzstiche erkennen zu können, die in der Regel doch nur 10,8 x 14,7 Zentimeter betragen, die setzt sich das gesamte Buch hindurch fort. Nach den interessanten Textausführungen, die man sich auch für andere Bibelbebilderungen zu Gemüte führen kann, besteht das 200 Seiten starke Buch nur noch aus den Originalabbildungen und ihren teilweise extremen Vergrößerungen, die auch die Technik des Holzschnittes deutlich zeigen: wie mit der Schraffur gearbeitet wird, wann sie diagonal, wann horizontal verwendet wird oder wie bei den Wellenbewegungen dieses auf- und Abschwellen zur Woge gestaltet. So ist dieses Buch auch ein klein wenig eine Sicht hinter den Vorhang des Künstlers. Und man staunt einfach, wenn man die rotleuchtende Gewalt von Elias Himmelfahrt auf Seite 98 sieht, die auch für die Kunstgeschichte eine so große Bedeutung gewann.

Aber noch sind wir im Paradies. Eine füllige Eva mit langem Blondhaar und ein bärtiger Adam. Beide diskutieren, sie zeigt etwas, er hört zu und schon ringelt sich die eine Schlange behaglich zusammen, aber die andere hört hoch aufgerichtet zu. Das sieht man deutlich. Die Tiere drumherum. Hinreißend. Hinter den grünen Bäumen – in einem hüpft ein Affe – erkennen wir das Kamel und weiter hinten ein Spielzeugelefant, ein Löwe, aber vorn auch der läufige und geläufige Hase. Die Tiere rechts sehen aus wie die Bremer Stadtmusikanten, an die ja noch lange nicht zu denken ist, und das Krokodil mit aufgerissenem Rachen im Vordergrund das kommt uns vor wie aus dem Kasperletheater. Einfach rührend. Der Gockelhahn mit rotem Kamm und der Storch mit rotem Schnabel und roten Stelzen verlustieren sich im Vordergrund und sie tragen das einzige Rot in dieser irdischen Phantasie aus Blau und Grün, was korrespondiert mit zwei sehr kleinen roten Farbtupfern am oberen Bildrand, die absolut keine Bedeutung haben, aber farblich das ganze Paradies, aus dem die Menschen bald vertrieben sind, abrundet.

So blättern wir weiter, blättern zurück, ja, auf einmal holen wir uns die Textbibel und lesen nach, denn alle Blätter haben neben der Beschriftung, auf welche Bibelstelle sie sich beziehen, eine kurze inhaltliche Erklärung, die man selber weiter ausbauen kann, was man auf einmal will. Aus solchen Bildern erfährt man ja auch viel über die Kultur der Zeit, in der sie geschaffen wurde. Hier zum Beispiel, wie man sich altestamentliche Potentaten vorstellte, mit den gewaltigen Turbanen und den langen Vollbärten. Da sieht man aber auch viel Renaissancegewandung, denn das ist wie heute: „Werktreue“ wird sehr unterschiedlich eingesetzt, denn damals ging man z.T. noch ganz naiv davon aus, daß die Welt so war, wie sie ist. In der Kleidung, in der Architektur, vor allem in der Landschaft, die so saftig grün und mit so weitem Horizont erscheint, wie es in deutschen Landen üblich ist. So holt man das Fremde nach Hause und die Geschichte in die Gegenwart, die damals immer absolut die Gegenwart Gottes bedeutete. Ein schönes Buch und ein lehrreiches dazu.

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