DSDS 2018 – Der Superstar!

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Deutschland sucht den Superstar (DSDS). Die Jury (v.l.) Mousse T., Carolin Niemczyk, Ella Endlich und Dieter Bohlen beim Auslandsrecall in Südafrika. © RTL

Berlin, Deutschland (Weltexpress). Bald haben wir ihn wieder. Zum 147ten Mal! Deutschlands neuesten Superstar. Ich frage mich, wie ich bislang ohne ihn, DSDS und die kompetente Jury überleben konnte. Das dunkle Zeitalter unerträglichen Mangels deutschen Liedgutes liegt endlich hinter mir. Vorbei ist die Zeit, in der ich mich mit dem Geträller amerikanischer Entertainer begnügen musste. Endlich würdigt man Arbeitslose, Dünnbrettbohrer und Sozialhilfeempfänger, die um die Wette trällern, ohne eine Vorstellung zu haben, welche Bedeutung ein Violinenschlüssel hat. Welch ein Glücksfall für einen aufsteigenden DSDS-Kometen, der keine Stimme hat, obwohl ihm auch das Gehör fehlt.

Fernsehen hat die Deppen sesshaft gemacht, das bemerkt man an den Einschaltquoten. Täglich fiebern Millionen von Unterbelichtete mit. Woche für Woche! Dieter Bohlens bringt die Zuschauer an den Bildschirmen hinsichtlich Inhalt, Substanz und Dramaturgie an den Rand intellektueller Überforderung. Selbst die Jury, bei der man sich des Eindrucks nicht erwehren kann, dass sie vom „Herrn“ in einem Anfall von Zorn erschaffen wurde, könnte unterirdischer nicht sein. Ohne Werbepausen würde ich diesen Thrill nicht überleben.

Wären die RTL-Macher nicht auf die geniale Idee eines Sänger-Wettbewerbes gekommen, niemals würde ich von der Existenz hunderter singender Blindgänger erfahren haben. Sie liegen nicht im Wettbewerb mit anderen, sondern mit ihren Irrtümern, sie könnten zum Star reüssieren. Nun ja, ohne Lärm fühlt sich der herkömmliche Prolet nirgends so richtig anwesend, schon deshalb darf man sich nicht über den Andrang wundern, der bei den Atem raubenden Ausscheidungskämpfen herrscht!

Doch so neu sind solcherart Veranstaltungen auch wieder nicht! Schon die Griechen trugen vor mehr als 2000 Jahren Sänger-Wettkämpfe aus. Sie waren Bestandteil des olympischen Ur-Spektakels. RTL hat den ursprünglich olympischen Gedanken wieder aufgenommen und ich muss gestehen, Deutschland befände sich ohne diesen hoch anspruchsvollen Sender in der Diaspora musikalischen Niemandslandes. Er hat sich dank einer weitsichtigen Marketingstrategie um unser Land gleich zweifach verdient gemacht. Niemand weiß besser als unsere Medienmacher, beeindruckende Persönlichkeiten, überragende Intelligenzen oder gar die Fähigkeiten des Noten Lesens sind heutzutage kontraproduktiv und machen beginnende Karrieren sofort zunichte.

Im Allgemeinen reicht es völlig aus, wenn man als Sänger einen schlechten Ruf und über einen IQ knapp über der Zimmertemperatur verfügt, dann stellt sich der Erfolg mit ziemlicher Sicherheit ein. Hilfreicher dagegen ist, wenn man dem Publikum glaubhaft versichern kann, der Künstler sei von einer lesbischen Mutter aufgezogen worden und daher schwul. Seit Jahren leide er an Bulimie, weil die eigene Schwester auf den Strich geht und der Vater wegen pädophiler Neigungen im Knast sitzt. Nur in diesem Zusammenspiel kann man in der Medienbranche richtig groß herauskommen.

Was hatte im Vergleich zu unseren „Song-Kometen“ im DSDS beispielsweise Beethoven zu bieten? Er wurde im Armengrab verscharrt und das muss seinen Grund gehabt haben. Ich versuche mir vorzustellen, Haydn und Brahms hätten sich damals in Hotelzimmern geprügelt und dabei die halbe Einrichtung demoliert. Mit dem richtigen Promoter im Rücken wäre aus den Wüstlingen der Romantik „The Synphonic-Brothers“ geworden und sie wären überdies als wegweisende Protagonisten in die Geschichte eingegangen.

Was, wenn die Modeberater der Juroren den begnadeten Wolfgang Amadeus Mozart ausgestattet hätte? Wie wäre die Karriere von Meister Bach verlaufen, würde er als Hupfdohle im schrillen Röckchen auf der Empore der Heiliggeist Kirche mit langhaarigen Blondinen im Backgroundchor aufgetreten sein? Wer weiß, Bach trüge heute den schmückenden Beinamen: „The King of the Soul-Organ“ und die Toccata hätte man als Evergreen auf der Straße gepfiffen.

Heute wissen wir: Medien, die den Skandalerwartungen nicht nachkommen, gehen unspektakulär ein. Ich bin davon überzeugt, im Zeitalter des elektronischen Meinungsterrorismus können nur noch die TV-Verweigerer das Blatt noch wenden. Ich befürchte jedoch, dass dank des unermüdlichen Einsatzes von Heidi Klum, Dieter Bohlen und Dschungelcamp Deutschland im Jahr 3244 nur noch aus Superstars bestehen wird, dann hat einer mit Gymnasialreife oder Abitur seine Daseinsberechtigung verwirkt.

Anmerkung:

Vorstehender Beitrag von Claudio Michele Mancini wurde im Scharfblick am 25.3.2018 erstveröffentlicht.

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