Die Trull, das wär’s! – „Glanz und Farbe. Glas und Porzellan aus zwei Wiener Privatsammlungen“ im Liechtensteinmuseum in Wien

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Ignaz Preissler (1676–1741), Hund mit Welpe, um 1725, Porzellan: China, Epoche Kangxi (1662–1722), Hartporzellan, Schwarzlot, Eisenrot, Vergoldung, Höhe 15,2 cm, Sammlung Rudolf von Strasser

Denn damals standen nicht nur Frauen auch gesellschaftlich ihren Mann, sondern die Künste befanden sich noch in der Einheit, die sie seit Tausenden von Jahren in allen Hochkulturen einnahmen– denken wir nur an die griechische Vasenmalerei! – und noch in der Renaissance war beispielsweise ein nach einem Bild gefertigter Gobelin wertvoller, also auch in Geld teuerer, als das Ursprungsbild. Das stelle man sich heute vor, ein Picasso sei weniger wert, als ein nach ihm gewebter Teppich. Das ist für uns unvorstellbar. Diesen Wertewandel – hie hehre Kunst, dort Gebrauchskunst – muß man im Blick haben, wenn man die prachtvolle Ausstellung von Glas und Porzellan in der genauso als Kunstwerk zu betrachtenden Bibliothek des Liechtensteinmuseums in Wien funkeln und strahlen sieht. Es waren nämlich die Künstler der Zeit, die auf Porzellan oder auch Glas ihre Kunst im selben Sinn ausübten wie auf Leinwand oder Tafeln. Hinzu kamen aber die technologischen Neuerungen, die sich im Porzellan- und Glasgewerbe durch die ’alchemistische’ Künste der Neuzeit ergeben hatten.

Jeder weiß, daß das Porzellan eigentlich in China erfunden wurde und der Buchdruck in Korea längst Praxis war, bevor Johannes von Gutenberg ihn 1452 in Mainz für die alte Welt durch Zusammenführung bekannter Techniken neu entdeckte. Das gilt auf für die Erfindung des Porzellans in Europa. So lesen wir am Eingang der Ausstellung, wo uns erst einmal auf Stelen die Porträts von Vergil und Homer begrüßen, in der ersten Vitrine mit Spannung: „Die Anfänge der Manufaktur im 17. Jahrhundert: ”¦1708 gelang es dem Dresdner Alchemisten Johann Friedrich Boettger (1682-1719) das Arkanum, die Rezeptur des echten Porzellans, zu entschlüsseln und schon zwei Jahre später wurde die Meißner Porzellanmanufaktur gegründet“.

Das dürfte der Nachfahre des Freiherrv von Tschirnhaus nicht gerne hören, der heute mit ausgesprochen vielen Gleichgesinnten dafür kämpft, daß der ’Verbrecher’ Boettger, der den Tschirnhaus um seinen Lohn der Erfindung des Porzellans gebracht hat – und auch um das Leben, wird geraunt. Und das kam so. Ehrenfried Walter Graf von Tschirnhaus (1651-1708) hatte schon das Porzellan erfunden, als er in die Dienste des sächsischen Königs, August des Starken geriet und dort als Adlatus den Boettger zugewiesen bekam, um Serienporzellan herstellen zu können. Darüber starb er und Boettger gab sich als deren Erfinder aus. Und schon fangen die ersten Museen an, auf diese historische Recherche hin ihre Texte umzuarbeiten. Sie glauben, wir befänden uns einfach in einer Glassammlung, dabei befinden wir uns gleichzeitig in einem historischen Krimi. Der muß an anderer Stelle weiterverfolgt werden, denn jetzt gilt die Aufmerksamkeit den Stücken der beiden Sammler, die hier ihre Schätze mitbewundern und von denen wir natürlich mehr über ihre Sammlungsmotive und Sammlungsanfänge hören wollen.

Rudolf von Strasser wuchs auf Schloß Majorháza, heute Slowakei, schon inmitten von Biedermeiergläsern auf. Aber die Glasproduktion selbst, wie auch die künstlerischen Veredelungen sind eine böhmische Angelegenheit. Rudolf von Strassers Lebensweg zu schildern, der ihn als österreichischen Widerstandskämpfer in die Gefängnisse der Nazis brachte, was er überlebte und von Jahren in Wien aus dann in die USA führte, würde uns genauso interessieren wie seine Sammlung, um die es aber heute geht, speziell die Sammlung Wiener Porzellane, die zum ersten Mal geschlossen gezeigt wird. Aufgewachsen ist von Strasser mit den porzellanenen Kunstwerken des Ignaz Preissler (1676-1714), der Hausmaler seiner Familie war, aber rund zehn andere Adeligenfamilien mit diversen Schlössern in Böhmen auch noch versorgte.

Und nach mehrmaligem Besichtigen der ausgestellten Stücke können wir die Vorliebe des Sammlers von Strasser für Ignaz Preissler völlig verstehen. Allein der „Hund mit Welpe“ um 1715 hat etwas Bizarres an sich, zu dem junge Leute spontan sagen täte: “Cool“ oder „Schräg“ oder „Krass!“. Ganz abgesehen davon, daß sich die Schwarzweißfanatiker sowieso darum reißen täten. Aber diese Hunde sind aus chinesischem Porzellan, Epoche Kangxi und bestehen aus Hartporzellan, Schwarzlot, Eisenrot und Vergoldung. Zusammen mit der Bemalung des Künstlers wird dieser Hund daraus, den Sie in der Abbildung sehen und den Sie in jedem besseren Kunstgewerbegeschäft heute sensationell gut verkaufen könnten, denn wie hier Ornament und Arabeske in die Flecken der Hundesrassen übergehen, also Schmuck und Natur eins werden, ist einfach hohe Kunst.

Aber wir haben vorgegriffen, denn erst einmal wird die Manufaktur Du Paquier vorgestellt, dessen allerliebste Teekanne das Urbild dessen ist, wie man sich gemütliche Teenachmittage vorstellt. Auch der kleine Henkelkrug, der Plakate und Katalogeinband schmückt, ist ein Kleinod als Wiedergabe der göttlichen Schöpfung in Schönheit. Am meisten sind wir jedoch von den geraden Formen der Kaffeetassen gefesselt, die um 1800 so Mode waren, wie sie in den Sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts als neue Einfachheit in Weiß erneut propagiert wurden und zwar in einem Bewußtsein, als ob das das erste Mal sei, daß man puristisch mit den Schwüngen und dem buntem Kitsch der Vergangenheit aufräume. Solche Ausstellungen bringen einem auch die eigene Kulturgeschichte unseres Mitteleuropas sehr plastisch zu Bewußtsein. Und auch die eigene Leselektüre nach der Frankfurter Buchmesse 2009. Die Tasse aus der Kaiserlichen Porzellanmanufaktur, Epoche Sorgenthal um 1796 oder Anton Kothgassers Tablett um 1799 sieht aus wie das Porzellan gewordene Symbolon aus Dan Browns neuestem Freimaurerschinken. „Das verlorene Symbol“, mit so vielen esoterischen Anklängen, aber auch geometrischen Mustern sind sie verziert. Einfach toll.

Auch die Sammlung Kuhn greift auf die böhmische Kunst zurück, denn es sind vorwiegend deren böhmische Gläser, die hier in einer Vielfalt ausgestellt sind, daß man schon ins Staunen gerät, wie das heute noch einer zustandebringt. Am meisten haben uns die Steingläser überrascht, die wir in solcher Dichte überhaupt noch nie sahen. Was treibt einen dazu, aus dem hellen entfärbten durchsichtigen Glas just dessen Gegenteil, das Steinerne zu machen? Der Edelstein ist es, der hier als Vorbild dient und zu Steinimitation aus Glas führt, und so sind es gewissermaßen Grale, die hier in allen Formen und Farben ausgestellt sind. Wir haben den Vorgang genau studiert, wie das entfärbte Kristallglas, der Rohling, mit Beize überzogen wird und durch den Brennvorgang Marmorierungen entstehen. Das Wie ist dann hier die große Kunst.

Überhaupt lernt man, neben dem Genießen der bunten, bemalten, geschliffenen oder geschnittenen Gläser, noch eine Menge über deren Technologie. Wie das Glas rubinrot wird? Ganz einfach. Durch Beimischung von Gold. Denn Glas braucht Metall zum Färben. Kobalt für Blau, Uran für Grün und fängt man damit erst mal an, kommt man aus dem Staunen nicht mehr heraus, wie komplex die Produktionsvorgänge sind, die wir einfach als Glas wahrnehmen. Der Siegeszug der böhmischen Biedermeiergläser hat auch mit dem neuentstehenden Badetourismus im 19. Jahrhundert zu tun. Gläser aus Karlsbad oder Marienbad waren genauso als Mitbringsel begehrt wie die aus Prag oder Wien, wobei die Veduten entweder aufgemalt wurden oder durch Schliff dem Glas einverleibt wurden.

Unmöglich die rund 700 Stücke der beiden Sammlungen hier zu würdigen, die jedes für sich eine Geschichte erzählt, in der wir die Geschichten unserer europäischen Jahrhunderte erfahren, zu denen Kriege und Entbehrungen genauso gehören wie die Feste und prallen Lebensszenen. Dennoch haben es uns zwei Stücke besonders angetan, die wir so gerne vom Sammler geschenkt bekämen, worüber dieser nur müde lächeln täte. Das sind die beiden als Ranftbecher 4.29 – mit Autorensignatur und Herz auf dem Glas – und 4.30 bezeichneten Glasgebilde, die Spielkarten zeigen. Bemalt wurden beide von Anton Kothgasser um 1820-1822, einem bekannten Historienmaler, und zeigen – und darum geht es uns – Tarockkarten. Dieses Spiel, für das wir kaum mehr Mitspieler finden, ist ein intellektueller Hochgenuß und mit diesem abgebildeten Blatt stecken wir jeden Mitspieler in die Tasche. Es ist die Trull, die Einheit aus dem Sküs, dem obersten Stecher, und dem Mond, der XXI., und dem Kind, der I., die jede Karte für sich schon viel wert ist, in der Dreieinigkeit jedoch die Potenz steigert und die in der Hand zu halten die Sehnsucht jedes Tarockspielers ist und bleibt. Würde sich der Sammler darauf einlassen, so hätten wir die Trull wenigstens im Glas in der Hand. Und gefüllt mit einem guten Wein hätten wir dann zumindest den sinnlichen Genuß pur, wenn schon der intellektuelle versagt ist. Aber”¦

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Ausstellung: bis 12. Januar 2010

Kataloge: zusammen auch im Schuber und deshalb sehr zu empfehlen, weil tatsächlich jedes Stück vorgestellt wird, inhaltlich, aber auch seiner Provenienz

Glanz und Farbe. Die Porzellansammlung Rudolf von Strasser, hrsg. von Johann Kräftner, Verlag Brandstätter 2009

Glanz und Farbe. Die Glassammlung Christian Kuhn, hrsg. von Johann Kräftner, Verlag Brandstätter 2009

Am Montag, 2. November 2009 um 18 Uhr, findet ein Sammlergespräch in der Bibliothek statt: „Sammlergeschichten – Ein Gespräch mit Christian Kuhn und Rudolf von Strasser“, moderiert von der Ausstellungskuratorin Claudia Lehner-Jobst

Am Montag, 16. November 2009 um 18 Uhr lädt die Firma Riedel Glas zu einer Weinverkostung der Weine der Fürstlichen Hofkellerei in verschiedenen Gläsern.

kunstvermittlung@liechtensteinmuseum.at

www.liechtensteinmuseum.at

Reiseliteratur: Felix Czeike, Wien, DuMont Kunstreiseführer, 2005
Baedecker Allianz Reiseführer Wien, o.J.
Lonely Planet. Wien. Deutsche Ausgabe 2007
Walter M. Weiss, Wien, DuMont Reisetaschenbuch, 2007
Marco Polo, Wien 2006
Marco Polo, Wien, Reise-Hörbuch

Tipp: Gute Dienste leistete uns erneut das kleinen Städte-Notizbuch „Wien“ von Moleskine, das wir schon für den früheren Besuch nutzten und wo wir jetzt sofort die selbst notierten Adressen, Telefonnummern und Hinweise finden, die für uns in Wien wichtig wurden. Auch die Stadtpläne und U- und S-Bahnübersichten führen– wenn man sie benutzt – an den richtigen Ort. In der hinteren Klappe verstauen wir Kärtchen und Fahrscheine, von denen wir das letzte Mal schrieben: „ die nun nicht mehr verloren(gehen) und die wichtigsten Ereignisse hat man auch schnell aufgeschrieben, so daß das Büchelchen beides schafft: Festhalten dessen, was war und gut aufbereitete Adressen- und Übersichtsliste für den nächsten Wienaufenthalt.“ Stimmt.

Anreise: Viele Wege führen nach Wien. Wir schafften es auf die Schnelle mit Air Berlin, haben aber auch schon gute Erfahrungen mit den Nachtzügen gemacht; auch tagsüber gibt es nun häufigere und schnellere Bahnverbindungen aus der Bundesrepublik nach Wien.

Aufenthalt: Betten finden Sie überall, obwohl man glaubt, ganz Italien besuche derzeit Wien! Überall sind sie auf Italienisch zu hören, die meist sehr jungen und ungeheuer kulturinteressierten Wienbesucher. Wir kamen perfekt unter in zweien der drei Hiltons in Wien, wobei Wien Mitte auch Zentrum der Viennale, des Filmfestes ist, das ab dem 22.oktober die Stadt zur Leinwand macht. Sinnvoll ist es, sich die Wien-Karte zuzulegen mitsamt dem Kuponheft, das auch noch ein kleines Übersichtsheft über die Museen und sonstige Möglichkeiten zur Besichtigung in Wien ist, die Sie dann verbilligt wahrnehmen können. Die Touristen-Information finden Sie im 1. Bezirk, Albertinaplatz/Ecke Maysedergasse.

Mit sehr freundlicher Unterstützung von Air Berlin und den Hilton Hotels Wien.

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