„Der verbotene Ort“ von Fred Vargas beim Verlag Aufbau auf Platz 1! – KrimiWelt- Die Bestenliste von Welt, Arte und NordwestRadio für Juni 2009

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Kommissar Adamsberg ist es, der zusammen mit seinem Gehilfen nach London auf einen internationalen Polizeikongreß fährt und man könnte ja annehmen, daß bei so vielen Fachkundigen auch der eine oder andere Verbrechen entdecken könnten. Aber nein, es bleibt dem französischen Kommissar vorbehalten, zusammen mit dem Gehilfen vor dem berüchtigten Friedhof Highgate siebzehn ordentlich aufgestellte Schuhe zu finden, mit den Körperteilen, die genau in diese Schuhe passen. Grauslich. Und noch schlimmer zugerichtet finden dann Adamsberg und Anhang in Paris eine Leiche vor, wo zuerst einmal kein Zusammenhang mit dem Londoner Fund besteht, aber ein absichtlich plazierter Brief bei der Leiche und eben zwei der Schuhe aus London weisen nach Serbien, nach Transsylvanien – ist das nicht die Heimat der Vampire? – , auch nach Wien. Und nun kommt auch der Onkel des Gehilfen ins Spiel”¦aber wir sind schon draußen. Denn diese verwickelte und total spannende und äußerst skurrile Geschichte läßt sich nicht so wegerzählen, aber wunderbar weglesen, wo tatsächlich Wehmut zurückbleibt, daß es nun aus ist und noch einige Monate dauern wird, bis man einen weiteren Krimi von Fred Vargas erwarten darf.

Leif GW Persson katapultiert sich mit „Sühne“, erschienen bei btb, gleich auf den zweiten Platz, was nicht erstaunlich ist, denn er ist als spitzzüngiger Polizeisatiriker bekannt. Als Wissenschaftler hat er eine Professur als Kriminologe und in der Politik ist er als Berater der schwedischen Regierung in Sicherheitsfragen tätig. Welche der Tätigkeiten nun in „Sühne“ eine Rolle spielen und ob überhaupt, um was es überhaupt geht und welches Tierchen dieser Kommissar Bäckström ist und welche Pläsierchen ihn auszeichnen, wir wissen es noch nicht. Arbeiten aber dran. Ahnlich sieht es mit Don Winslow auf dem dritten Platz aus, dessen deutsches Debüt „Pacific Private“ bei Suhrkamp erschienen ist. In Kalifornien ist er zu Hause, dort in San Diego spielt dieser Krimi, den die Jury bezeichnet:“Ein Krimi wie ein Tsunami“.

Mit „Der Totenmeister“ von Nick Stones, verlegt bei Goldmann, ist schon der vierte Neue benannt. Er, halb Haitianer, halb Engländer, wurde durch seinen Roman „Voodoo“ bekannt, dem er nun die Vorgeschichte folgen läßt, wo Voodoo erneut eine Rolle spielt, aber eben auch Kuba und der kubanische Süden der USA, sprich: Miami. Und so geht es dem Roger Smith mit seinem „Kap der Finsternis“ bei Tropen. Gerade war er Erster geworden und schon schubst ihn der Juni auf den fünften Platz, was zwar bei so vielen Krimineuerscheinungen immer noch eine Ehre ist, aber dennoch, vom Sockel weicht keiner gerne. Sein Krimi spielt in Südafrika und die schlimmsten Verbrechen sind Alltag.

Thomas Ross’ „Der Tod des Kandidaten“ erschien auf Holländisch schon 2003 und jetzt auf Deutsch bei dtv. Ist der Mord an Pim Fortuyns wirklich schon so lange her. Sogar ein Jahr mehr: 2002. Und Ross wickelt den Fall als Rekonstruktion auf. Und steht schon auf dem sechsten Rang. Um zwei Plätze aufgestiegen ist Robert Hültner mit „Inspektor Kajetan kehrt zurück“, ebenfalls btb. Das ist die Geschichte aus der Geschichte, wie nämlich Ende der Zwanziger Jahre die Nazis schon den Endsieg für sich sehen, was Kajetan verhindern möchte.

Stefan Slupetzky kommt aus Wien und da kommen nicht nur die Grantler her – die Wiener allerdings behaupten, die kämen aus Niederösterreich, noch eingegrenzter dem Waldviertel – , sondern da kommt auch der schwarze Humor her, der nötig ist, damit man eine latente Larmoyanz, die auch verbreitet ist, nicht so spürt. Seine Lemminge kennt man schon. Der vierte Roman nun, „Lemmings Zorn“, herausgebracht durch Rowohlt TB, reagiert auf einen Mord, natürlich, aber eben auf einen Mord, der nie hätte geschehen dürfen. Im Himmel nicht und also auch nicht auf Erden. Doch der Sündenpfuhl Leben läßt dies zu, aber die Rache wird fürchterlich sein. Aber immerhin sind aller guten Dinge drei. Slupetzky nämlich schließt zu Wolfgang Haas, der auch einmal Rowohltautor war, auf und zu Heinrich Steinfest, verlegt im Piper Verlag.

Bleibt als Neuer noch William Gay, der mit „Nächtliche Vorkommnisse“ seinen zweiten Titel auf Deutsch vorlegt, der ins Untergenre: Schocker gehört. ein Leichenbestatter ist auch sonst kein Mann, mit dem man gerne Freund sein möchte, wie aber erst einer, der sogar mit den Leichen auf Du und Du steht. Grauslich und schockierend.

1 (-) Fred Vargas: Der verbotene Ort

Aus dem Französischen von Waltraud Schwarze

Aufbau, geb., 426 S., 19,95 €

Paris/London/Kiseljevo: Der großartigste aller Vargas-Romane beginnt mit 17 Schuhen. Darin abgeschnittene Füße, die in den Londoner Friedhof Highgate wollen. Die Überreste eines in hunderte Stückchen zermatschten Mannes führen Kommissar Adamsberg an einen Geburtsort europäischer Gewalt.

2 (-) Leif GW Persson: Sühne

Aus dem Schwedischen von Lotta Rüegger und Holger Wolandt

btb, geb., 448 S.,19,95 €

Stockholm: Typisch schwedisch die Leiche: im Suff erschlagen. Da verfolgt Kommissar Evert Bäckström lieber den Mann aus Somalia, der sie gefunden hat. Bäckström säuft, ist Rassist und überhaupt der Beste. (Frauen lieben seine Supersalami!) Kriminologe Professor Persson lässt die Bullen-Sau raus.

3 (-) Don Winslow: Pacific Private

Aus dem Amerikanischen von Conny Lösch

Suhrkamp, TB, 396 S., 9,95 €

San Diego: Die Surfer der Dawn Patrol warten auf die Jahrhundertwelle. Auch Ex-Cop Boone Daniels will sie reiten. Zuvor muss er Tammy finden. Die Stripperin ist Zeugin. Doch wofür? Das ist ein Geheimnis, das um eines Kindes willen geschützt werden muss. Ein Krimi wie ein Tsunami. Im Westküstensound.

4 (-) Nick Stone: Der Totenmeister

Aus dem Englischen von Heike Steffen

Goldmann, TB, 636 S., 9,95 €

Miami 1981: Miami erstickt an Kubanern und Koks. MTF, die Polizei, und SNBC, die mit Voodoo trickreich gesteuerte Bande Solomon Boukmans, nehmen sich nichts. Dazwischen versuchen die Detectives Max Mingus und Joe Liston den Spagat zwischen Übel und Übler. Gewaltiges Epos.

5 (1) Roger Smith: Kap der Finsternis

Aus dem Amerikanischen von Jürgen Bürger und Peter Torberg

Tropen, geb., 360 S., 21,90 €

Kapstadt: Überfall, Entführung, Erpressung, Mord. Immer rasender dreht sich das Karussell der Gewalt. Die Welt fliegt ihnen um die Ohren: dem Ex-Knacki und Nachtwächter, dem flüchtigen Ami und seiner Familie, dem frömmelnden Killerbullen. Harte Schnitte. Scharfer Blick auf Südafrikas Metropole des Verbrechens.

6 (-) Thomas Ross: Der Tod des Kandidaten

Aus dem Niederländischen von Matthias Müller

dtv, TB, 320 S., 9,95 €

Amsterdam/Den Haag/Wageningen: Anke hat vier Jahre Knast hinter sich. Als sie rauskommt, wirbelt Pim Fortuyn, schwul, populistisch, frech, die ehrpusselige Parteienlandschaft durcheinander. Unfreiwillig wird Anke wird Teil des Mordkomplotts. Faktennahe Romanrekonstruktion. 2002 wurde Fortuyn erschossen.

7 (9) Robert Hültner: Inspektor Kajetan kehrt zurück

btb, geb., 288 S., 17,95 €

München/Zellach: 1928. Ex-Polizist Kajetan jagen die Nazis. Den Arbeiter und Kommunisten Lipp Kerschbaumer die Polizei. In Zellach wollen sie über die Berge. Ein Hotelier wird erschlagen, Sündenböcke werden gesucht. Nach langem wieder ein Kajetan-Roman: Ruhiges, genaues Erzählen.

8 (-) Stefan Slupetzky: Lemmings Zorn

Rowohlt, TB, 304 S., 8,95 €

Wien: Dem Lemming und seiner Klara wird ein Kind geboren. Eine Weihnachtsgeschichte. Doch der Engel, der bei der Notgeburt half, wird ermordet. Slupetzky grandios: In diesem Kriminalfall versteckt er eine wütende Klage. Gegen den fortdauernden Mord am Lebenden durch Lärm.

9 (-) William Gay: Nächtliche Vorkommnisse

Aus dem Amerikanischen von Jochen Körber

Arche, geb., 288 S., 19,90 €

Centre, Tennessee 1951: Bestatter Fenton Breece lebt von Leichen. Und mit ihnen, davon zeugen die Fotos, die Tyler ihm geklaut hat. Tylers Schwester will den Leichenschänder erpressen. Doch der zieht Sutter auf seine Seite: zwei Monster auf Tyler-Jagd. Südstaaten-Gothic: blanke Triebe, Waldesdunkel.

10 (5) Oliver Bottini: Jäger in der Nacht

Scherz, geb., 336 S., 14,95 €

Freiburg/Oberrimsingen: Eine Scheune, eine zerschlagene Frau, ein neugieriger, wütender Junge. Ein prügelnder Vater, ein anderer, dessen Tochter verschwand. Männer, denen das Schlagen Spaß bringt. Deutschland 2005. Ein Karussell der Gewalt. Louise Boní­ zweifelt an den Kollegen: Einer ist Menschenjäger.

Die „Bestenliste“ wird im Hörfunk immer am letzten Wochenende des Monats: Samstag 8.05 – 9.00 Uhr; Sonntag 15.05 – 16.00 Uhr in der „Literaturzeit“ des NordwestRadio vorgestellt. Das Beste vom Besten: Immerhin erscheinen übers Jahr verteilt über 800 Kriminalromane auf Deutsch. An jedem letzten Samstag im Monat geben 19 Literaturkritiker und Krimispezialisten aus Deutschland, Österreich und der Schweiz die Kriminalromane bekannt, die ihnen am besten gefallen haben. Sie halten nach dem literarisch interessanten, thematisch ausgefallenen, besonderen Kriminalroman Ausschau. Die besten Zehn werden mit Bibliographie und Kurzbeschreibung hier veröffentlicht.

Die Jury setzt sich zusammen aus:
Tobias Gohlis, Hamburg, Kolumnist DIE ZEIT, Moderator und Jury-Sprecher der KrimiWelt
Volker Albers, Hamburg, Hamburger Abendblatt, Herausgeber „Schwarze Hefte“
Andreas Ammer, Berg, „Druckfrisch“, Dlf, BR
Sven Boedecker, Zürich, Sonntagszeitung
Kathrin Fischer, Frankfurt/Main, Hessischer Rundfunk
Fritz Göttler, München, Süddeutsche Zeitung
Michaela Grom, Heidelberg, SWR
Lore Kleinert, Bremen, Radio Bremen
Thomas Klingenmaier, Stuttgart, Stuttgarter Zeitung
Ekkehard Knörer, Berlin, Perlentaucher, Crime Corner
Kolja Mensing, Berlin, Tagesspiegel
Ulrich Noller, Köln, Deutsche Welle, WDR
Jan Christian Schmidt, Berlin, Kaliber 38
Jochen Schmidt, Düsseldorf, elder critic
Margarete v. Schwarzkopf, Köln, NDR
Ingeborg Sperl, Wien, Der Standard
Sylvia Staude, Frankfurt/M., Frankfurter Rundschau
Hendrik Werner, Bremen, DIE WELT
Thomas Wörtche, Berlin, Kolumnist Freitag, Plärrer

Alle weiteren plazierten Krimis entnehmen Sie bitte den Krimi-Besprechungen in den vormonatlichen Artikeln, die Sie unter Kultur.Bücher oder unter dem Autorennamen im Archiv finden. Dreimal darf ein Buch einen Platz bekommen, dann scheidet es aus und hat nur noch die Chance, in der Jahresbestenliste wieder aufzutauchen.

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