Der Psychoanalytiker Prof. Dr. Dr. Horst-Eberhard Richter ist gestorben – Schnittstellen der persönlichen Begegnungen

Laut der Frankfurter Oberbürgermeisterin Petra Roth habe Horst-Eberhard Richter nicht nur zu der kleinen und exklusiven Reihe von Wissenschaftlern gehört, die das „Innerste“ der Menschen erforscht haben. Es sei ihm auch gelungen, den Menschen einen Spiegel vorzuhalten, in dem sie sich selbst erkennen und aus dieser Erkenntnis lernen können. Dazu sei er mit seinem Wissen nicht im akademischen Elfenbeinturm verblieben, sondern habe es in die Gesellschaft hineingetragen. Neben anderen Auszeichnungen hatte ihn die Stadt Frankfurt am Main, in der er von 1992 an ein Jahrzehnt das Sigmund-Freud-Institut leitete, 2002 mit der Goethe-Plakette ausgezeichnet.

Bei den persönlichen Begegnungen habe ich seine wohlwollende und warmherzige Haltung kennen gelernt. Wie jeder Mensch hatte er natürlich verschiedene Seiten. Als ich 1972/73 an einer psychosomatischen Klinik in Berleburg arbeitete, fuhr ich mehrere Semester nach Gießen zu Seminaren über Familientherapie und –dynamik unter Leitung von H.E. Richter. Über sein erstes Buch „Eltern, Kind, Neurose“ war sein Ruf und seine Denkweise zu mir gelangt, die meinen Horizont erweiterten und die ich weitgehend teilte. Ich wollte ihn unbedingt erleben. In seinem Seminar zeigte er Filme über Ausschnitte von Familientherapien, die anschließend gemeinsam besprochen wurden, und ließ uns in Rollenspielen thematisch kurz umrissene, typische Familiensituationen spontan spielen.

Ein Rollenspiel ist mir noch nachhaltig und denkwürdig in Erinnerung. Es gab mir Aufschluß über meine Person, die Person von H.E. und verbreitete gesellschaftliche Verhältnisse.
Die Situation war: Vater, Mutter, 15 jährige Tochter und 12 jähriger Sohn. H.E war der Vater, ich der Sohn und eine Studentin meine ältere Schwester. Das Familienproblem war, meine Schwester trieb es mit den Jungens, an sich altersgerecht ganz normal, für diese streng moralische Familie jedoch ein Problem. Die Mutter war zwiegespalten. Einerseits musste sie im Moralsinne dagegen sein, andererseits dachte sie an sich selbst zurück, gönnte ihrer Tochter die Freiheit und sah sich wohl selbst ein Stück in ihr. Ich selbst dachte spontan daran, in ein paar Jahren bin ich auch soweit, und wollte für meine Schwester in die Bresche springen. Da traf mich von der Seite ein wohlwollend-strenger Blick meines Vaters „Du willst doch nicht etwa”¦!?“ – und ich schwenkte spontan total im Sinne der Moral um, zog mit lauter Allgemeinsätzen vom Leder und machte mit diesen meine Schwester fertig. Ich hatte ein doppeltes Machtgefühl, mit der Moral die Macht in der Familie in den Händen zu tragen, als Jüngster der Stärkste zu sein. Gleichzeitig entwarf ich in meiner Zukunftsaussicht, doch später irgendwie mein Schäfchen ins Trockene zu bringen und immer zu wissen, was andere böses anstellen, um diese zu verurteilen – also eine typische Doppelmoral zu verwirklichen.

Diese meine Situation ist die mancher katholischer Priester in ihrem Verhältnis zu Frauen, Kindern und der Beichte, wie ja zunehmend heraus gekommen ist. Ich bin ja katholisch erzogen, war Ministrant, überlegte sogar mal kurz, katholische Theologie zu studieren. Aber die Mädchen waren mir wichtiger.

Als wir am Ende der Seminarstunde hinaus gingen, traf mich ein böser Blick der Studentin. Sie sagte zu mir „genau das habe ich früher auch gehört und bin deswegen mit 15 ausgezogen!“ Ich dachte mir, anscheinend wird in vielen Elternhäusern exakt dasselbe geredet. Mehrere Monate später traf ich H.E. auf der Kliniktreppe. Er sprach mich an, und ich fertigte ihn höchst unhöflich in einem Satz ab. Anschließend machte ich mir fast entsetzt Gedanken „warum eigentlich”¦?“ und kam darauf, ich war ihm noch immer wegen der Verführung zum Selbstboykott böse. Dann machte ich mir Gedanken, was so alles in mir steckt, die Moral und Doppelmoral, die Sätze und vor allem, um das Wohlwollen meines Vaters zu erringen, war ich zu allem bereit, sogar meine eigenen Interessen, zumindest halb, aufzugeben. Andererseits meine ich noch heute, einen moralischen Nerv von H.E getroffen zu haben. Deswegen setzte er sich so aufopferungsvoll für zahlreiche gesellschaftskritische Projekte ein wie den Giessener „Eulenkopf“, die Ärzte gegen den Atomkrieg, die Friedensbewegung, schrieb sozialkritische Bücher, hielt der Gesellschaft den Spiegel vor und hatte als attraktiver Mann für die Frauen auch noch Zeit – ein Tausendsassa oder ein Hans Dampf in allen Gassen. Seine Moral sehe ich nicht nur als Folge seiner verinnerlichten Familienmoral, sondern auch als Folge seiner schlimmen Kriegserlebnisse und der Ermordung seiner Eltern.

Allerdings merkte ich weiterhin, ich hatte das Wohlwollen von H.E. errungen, vielleicht durch die Übernahme dieser Moralrolle, der „brave“ Sohn zu sein, mein spontanes Schauspieltalent und meine Selbstreflexionsfähigkeit. Da sie sich entsprachen, waren in den Rollenspielen weiterhin Spiel und Wirklichkeit nicht zu trennen. Das Spiel war auch ein Teil und Spiegel der Wirklichkeit. Sein Wohlwollen nutzte ich 1974, als ich Bedenken hatte, ob ich die Zusatzbezeichnung „Psychotherapie“ bekomme, da ich in meinen Augen den Voraussetzungskatalog nicht ganz erfüllt hatte. Ich bat ihn um ein Zeugnis. Das fiel so gut aus, wie ich es von mir selbst nie erträumt hätte. Bald darauf zog er mich als einzigen außerhalb des Mitarbeiterteams seiner Klinik zu einer Fernsehreihe im SWF hinzu, in der derartige Rollenspiele spontan gespielt werden sollten. Nach dem Spiel sollte jeder seine Befindlichkeit schildern und dann das Ganze noch wissenschaftlich für den Durchschnittsfernsehzuschauer verständlich aufbereiten. Nach Zusammenstellung eines Teams machte H.E. anscheinend gekränkt selbst nicht mehr mit, und seine Mitarbeiter waren froh, endlich mal etwas selbständig ohne ihren Übervater machen zu können. Ich sehe mich noch heute in meiner Rolle als Familienvater mit langen, pappigen Haaren und Pfeife. Da alle wohl überfordert waren, blieb es bei einer Sendung. Ohne den Übervater ging es wohl auch nicht.

Auf Tagungen und Kongressen der DAF (Deutsche Gesellschaft für Familientherapie) oder der DAGG (Deutscher Arbeitskreis für Gruppenpsychotherapie und Gruppendynamik), wo er federführend war, traf ich ihn gelegentlich.1991 begegnete ich ihm auf einer Demo gegen den Golfkrieg in Bonn. Er wusste sofort meinen Namen, obwohl wir uns lange nicht gesehen hatten. Während seiner Zeit in Frankfurt als Leiter des Sigmund-Freud-Instituts kreuzte ich dort nie auf, obwohl ich nicht weit wohne, vorher und hinterher schon gelegentlich. Vielleicht war ich ihm immer noch latent böse. Sicher spielte eine Vaterübertragung, d.h. die Erfahrungen mit meinem Vater, eine Rolle, während ich meinem Vater längst verziehen hatte, da ich seine menschlichen Schwächen auf dem Hintergrund seiner eigenen Kindheitsprägungen sah. Mein Vater hatte ebenfalls Züge der Doppelmoral in sich.

Vor wenigen Jahren mit über 80 hielt H.E. einen Vortrag beim FAPP (Frankfurter ärztliche Psychotherapeuten), ein guter Vortrag, aber ohne die frühere innere Wärme und das innere Leben. Er war ja auch schon über 80. In den Jahren in und nach der Studentenbewegung war er eine beliebte Leitfigur, bei denen, denen er den ungeliebten Spiegel vorhielt, und bei der Elfenbeinturmpsychoanalyse wohl weniger. Wir alle trauern um ihn.

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