Der Bauleiter, der Fußball und die Sehnsucht – Zum Buch „Das Kaff“ von Jan Böttcher

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Jan Böttcher: Das Kaff.
Jan Böttcher: Das Kaff. © Aufbau

Berlin, Deutschland (Weltexpress). Architekt Michael Schürtz kehrt für einen Auftrag als Bauleiter in seine Heimatstadt in der niedersächsischen Provinz zurück. In das „Kaff“, den Ort seiner Kindheit und Jugend, vollgepackt mit halbbitteren Erinnerungen und gleichsam lebensbestimmenden Entscheidungen. Eigentlich wollte er nie wieder zurück in das „Kaff“, trotz seiner dort lebenden zwei Geschwister.

Gemeinhin lebt Schürtz in Berlin, doch in der Millionenstadt läuft es gerade jobmässig nicht so gut.

Schürtz existiert in seinem kleinen Berliner Biotop. So lange die Schlüssel passen und die Wirklichkeit ihn nicht überholt, hält er es mit sich gut aus, das könnte er perfekt bis zum Tod so weitertreiben. Er ist mit den Jahren etwas schrullig geworden, aber das sind viele andere Großstädter auch. Er fällt nicht auf beim täglichen Ball der Einsamen Herzen. Ein unscheinbarer Herr Niemand mit einem Sack verlorener Träume, die sich immer in den falschen Momenten zurückmelden.

Nun also zurück ins Kaff in der norddeutschen Tiefebene. Nach ganz unten, sozusagen. Er hätte auch eine andere Baustelle annehmen können, hat er aber nicht. Das Zurück fühlt sich wie eine Niederlage an. Weil er einst auszog die Welt zu erobern, was ihm nicht gelang. Weil er seine Familie hinter sich lassen wollte, das Zerwürfnis mit der Mutter, was ihm ebenfalls nicht gelang.

Mit gedämpften Tönen zeichnet Jan Böttcher das Dilemma seines traurigen Helden, er nimmt uns Leser behutsam an die Hand und torpediert uns soft in Schürtzens trampelige Gedankenwelt.

Zufällig begegnet Schürtz im Kaff einigen alten Fußballkumpels. Malade Gestalten, doch immerhin ahben sie ihren Fußball. Nach kurzem Zögern nimmt er den angebotenen Posten eines Jugendtrainers an. Endlich eine Aufgabe. Schürtz war früher kein schlechter Kicker, der Verein als Ankerplatz?

Dann trifft er Carla, eine alleinstehende Mutter, die in eine der von ihm als Bauleiter betreuten Wohnungen zieht. Auf einmal traut sich Schürzt, Dinge zu tun, die ihm vorher nicht in den Sinn gekommen wären. Das „Kaff“ wandelt sich zu einem erträglichen Ort. Schürtzen wird immer lebendiger, seine fein schablonisierte Welt bekommt Risse, er lernt seiner Schwester, der er anfangs tunlichst auswich, zuzuhören. Der Fußball und Carla richten ihn auf, er vergisst seine selbstgewählte Abgrenzung und tobt mit seinen Spielern über die Dörfer.

Eine leise erzählte, leicht dramatische Familiengeschichte, eine Story von zweiten, oder dritten Chancen. Ein feiner Roman über die Möglichkeit des Abtragens von Lebenslast.

Bibliographische Angaben

Jan Böttcher, Das Kaff, 269 Seiten, Gebunden mit Schutzumschlag, Aufbau-Verlag, Berlin 2018, ISBN: 3-351-03716-1, Preis: 20 Euro

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