Das Elbtal in Dresden ist nicht länger Teil des Weltkulturerbes

"Es ist mehr als bedauerlich, dass die Beteiligten außerstande waren, einen Kompromiss zu finden", kommentierte Kulturstaatsminister Bernd Neumann (CDU) in einer Presseerklärung die Entscheidung, die für die Präsidentin des Gremiums, Marí­a Jesús San Segundo, ein „ein sehr trauriger Moment“ gewesen sei, als die Entscheidung in Sevilla mit 14 zu 5 Stimmen bei zwei ungültigen Stimmen fiel. Dem Welterbe-Komitee gehören Vertreter aus 21 Ländern an, Deutschland ist derzeit nicht darunter. Neumann kritisierte, daß die Provinzpolitiker die Unesco nicht „rechtzeitig … informiert und beteiligt“ hätte. Nicht rechtzeitig? Die Politiker haben die Pläne bewusst ohne die Organisation, Vertreter aus 21 Ländern angehören, Deutschland ist derzeit nicht darunter, geschmiedet.

Das Elbtal war 2004 zum Weltkulturerbe ernannt worden, rutschte aber bereits zwei Jahre später auf die Rote Liste der gefährdeten Stätten. Zuvor war bekanntgeworden, dass die Stadt für rund 160 Millionen Euro eine vierspurige Elbquerung mitten durch das Tal bauen will. Diese Waldschlösschenbrücke zerschneide das Tal irreversibel und zerstöre somit die erhaltenswerte Kulturlandschaft, hatte die Unesco seinerzeit argumentiert.

Günter Grass, Martin Walser, Wim Wenders und fünf weitere namhafte Künstler forderten vor einem Jahr die Regierungschefin in einem offenen Brief zum schnellen Eingreifen auf. Für die acht stand nichts Geringeres als "der Ruf unseres Landes als Kulturnation" auf dem Spiel. "Wir befürchten, dass der bisher nicht gestoppte Frevel an einem einzigartigen Kulturerbe wie dem des Dresdner Elbtals vieles von diesem Ansehen zunichte macht", schrieben sie. Nun geht nichts mehr. Das Spiel ist verloren. Der Schaden ist da.

"Inständig" flehten Grass & Co. Merkel an, "alles zu tun, um irreparablen Schaden am einmaligen Dresdner Erbe zu verhindern." Doch die Tante im Kanzleramt tat es den Deppen aus Dresden um Sachsens Regierungschef Tillich und seinen Trottel von der CDU gleich. Die „starre Haltung sächsischer Politiker“ prangerten die Dichter und Denker damals an und das könnten sie in penetranter Permanenz ohne Unterlaß weiter tun.

„Und in Zukunft?“, fragt Luc Jochimsen von der Fraktion Die Linke im Bundestag und gibt gleich Antwort: „Auch nichts gelernt.“ Die Grünen hatten in der letzten Woche mit Unterstützung der anderen Oppositionsparteien in der deutschen Hauptstadt den Antrag auf ein Umsetzungsgesetz für die UNESCO-Welterbekonvention in nationales Recht gestellt, damit die Verpflichtung der Bundesrepublik künftig festgeschrieben ist. Abgelehnt von den Regierungsfraktionen CDU/CSU und SPD: ‚Brauchen wir nicht – bringt nichts – schafft nur bürokratischen Aufwand‘.

„Wenn die sächsische SPD-Kunstministerin jetzt davon spricht, dass durch die Aberkennung des Titels ‚die kulturelle Reputation der Republik‘ beschädigt ist, dann hat sie recht“, meint Jochimsen. Unangenehm für die Landesministerin dürfte sein, daß ihre eigenen Genossen im Bund dem Treiben tatenlos zusehen, wie das Kulturerbe missachtet wurde.

Aus dem Dresdner Desaster hätten die Berliner Bundestagsabgeordneten lernen können. Die Politiker in der Opposition lernten, aber die Politiker der Koalitionsparteien wollen noch nicht mal das.

Möglicherweise wird das Wattenmeer an der Nordseeküste eine Welterbe-Stätten in der Bundesrepublik. Die Reisenden, die Dresden künftig verliert, wollen diejenigen, die an der Küste nicht vom Fisch- sondern vom Touristenfang leben, noch hinzugewinnen. Wie weit dieser Titel auch für das Ökosystem Wattenmeer von Vorteil sein wird, steht noch in den Sternen über der Nordsee.

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Anmerkungen: mit Material der dpa