Botticelli als Porträtmaler und als Maler der Frauen, insbesondere die der Medici – Serie: Schlußspurt zur großen Botticelli-Schau im Städel in Frankfurt am Main (Teil 2/4)

0
228
Sandro Botticelli (1444/45-1510) Werkstatt

Botticelli half ihnen dabei durch seine Kunst, die ihn insbesondere zum Porträtisten seiner Zeit machte, denn heute geht man von über zwanzig männlichen und weiblichen Bildnissen aus. Allein von Giuliano de’ Medici gibt es vier, von denen zwei in der Frankfurter Ausstellung hängen. Die 75,5 x 52,5 formatige Büste, heute Washington, zeigt einen in sich gekehrten, geradezu verschlossenen jungen Mann, der bescheiden die Augen nach unten richtet, aber stolz den Kopf nach oben, aus dem Profil herausgedreht, mit langer spitzer Nase, fast einem Habsburger Kinn, insgesamt recht leblos, und einer eindrucksvollen pelzgefütterten Tunika in einem leuchtenden Rot, die das Bild dominiert. Sein lockiges dunkles Haar dagegen sticht scharf gegen den hellblauen Himmel ab, der sich hinter der Türöffnung zeigt. Eine merkwürdige Haltung, die sich in Verbindung mit dem wächsernen Inkarnat und der (Turtel)taube auf er Linken gut erklären läßt. Das Bildnis ist entstanden nach seiner Ermordung durch die Pazzi-Verschwörung im Dom zu Florenz am 26. April 1478, die auch Lorenzo, den späteren Il Magnifico, treffen sollte, der aber entkommen konnte.

Was Originale leisten und wie schnell eine Zweitfassung als solche zu erkennen ist, zeigt das Pendant aus Berlin, das eine Werkstattarbeit ist und alle Bildkompositionen zugunsten eines dunklen Hintergrunds beiseite läßt, aber den nämlichen Gesichtsausdruck Giulianos wiedergibt. Im Frankfurter Städel treffen sich nun die Bildnisse der Verstorbenen, des Giuliano und seiner Muse Simonetta, die aber im Zeitgeschmack als Allegorie erscheint. Und das Wort ’Muse’ ist auch falsch, weil es aus anderen Zusammenhängen kommt, als das, was mittelalterliche Minne bedeutete, die im Florenz dieser Tage fröhliche Urstände feierte. Dazu muß man nur an den „Il Cortegiano“ des Baldasassare Castiglione denken, der auf anderer Ebene fortsetzt, was das Turnierwesen mitsamt den Tunierdamen beginnt und ein ganzes Zeitalter für höfische Sitten reaktiviert. Denn nicht die leibhaftige Simonetta war wesentlich, sondern ihre Funktion als angebetetes Wesen, das – nicht nur von dieser Welt – einer Zwischenschicht entstammt, weshalb sie allegorisch als Nymphe, gleichzeitig jedoch auch als Minerva, also Göttin der Weisheit, Keuschheit und Kühnheit im Bild erscheint.

Dieses „Weibliche Idealbildnis“ zieht auch in dieser Ausstellung Massen an, so leuchtend, aber auch fast unwirklich ist diese junge Frau dargestellt, die jeden Betrachter in ihren Bann zieht und in gewissem Sinn Ausgangspunkt dieser Ausstellung ist. Denn seit 1849 gehört es dem Städel, ist also auch nach der Ausstellung hier zu sehen. So richtig bekannt geworden, ist dieses Bild allerdings Ende des letzten Jahrhunderts nach der Reinigung durch den Restaurator des Städel, Peter Waldeis. Mit dem frischen Ergebnis waren die Frankfurter zuerst überhaupt nicht zufrieden. Strahlte ihnen doch statt des gelblichen warmen Gesichtstons nun ein strahlend blasses Inkarnat entgegen, geradezu überirdisch, an das man sich erst gewöhnen mußte, was nach und nach alle vermochten und dieses Botticelligemälde nun international erst den Rang erhalten hat, der ihm zusteht. Simonetta Vespucci also, deren Identität lange umstritten war, deren charakteristische Züge sich aber in mehreren der übrigen mythologischen oder allegorischen Bilder durchstehlen. Dies ist ganz eindeutig auch in dieser Ausstellung zu sehen.

Das Besondere an diesem Bildnis ist auch formaler Art. Denn bis dahin waren es in Damendarstellungen bevorzugt Halbprofile, gedacht als Verlobungsbilder, die in Landschaft eingebunden waren. Diese Simonetta jedoch gewinnt ihre Blässe auch durch den rabenschwarzen Hintergrund, von dem sich sowohl die helle Haut wie auch die helle duftige Gewandung abheben, mitsamt den rotblond gelockten Haaren, die besonders kunstvoll drapiert sind, in der Art wie man Nymphen darstellte. Ihre Haare, die man später bei den Präraffaeliten wiederfindet, sind in einer Mischung aus offenen Locken, gezopften Teilen und echten langen Zöpfen, die vom Hinterkopf aus über das Dekolleté sich beidseitig vor der Brust treffen und in die kleine Perlen hineingeflochten sind, die auch als Perlschnüre mitsamt roten Bändern das Haupthaar schmücken. Die Brust ist uns stärker zugewandt als das Gesicht, das das zweite Auge nur ahnen läßt.

Grund dafür ist sicherlich der auffällige Schmuck. An schmalen Goldketten hängt eine goldgefaßte Kamee, in der sich die Farbverhältnisse wiederholen. Zwei helle Figuren auf dunklem Grund sind deutlich sichtbar. Es handelt sich um Apoll auf der Rechten mit seiner Leier und den an dem Baum gebundenen Satyr Marsyas, der es gewagt hatte, mit seiner Flöte den Gott zum Wettspiel herauszufordern, was übel ausging. Eine ideale Darstellung einer mythologischen Grundkonstellation, wurden doch auch die Nymphen von den Satyrn sexuell verfolgt und von echten Männern zwecks Anbetung gerettet. „Man sieht nur, was man weiß“, ist eine alte Kunsthistorikerweisheit, die man bei diesem Bildnis wieder einmal anwenden kann. Denn schaut man sich die rötliche Untergewandung der Simonetta an und nimmt auch die Agraffe mit Reiherfedern auf dem Kopf dazu, dann sieht man auf einmal selbst, was die Forschung feststellte, daß dies ein Brustpanzer ist. Denn aber trug die Minerva, die übrigens in Gestalt der Athene es war, die einst die Flöte wegwarf, die ihre Backen beim Blasen entstellte, die dann zu seinem Unglück Marsyas aufhob und zu spielen lernte. Hier schließt sich der Kreis der ineinandergefügten Geschichten, die als Allegorie eine lebendige Frau in das Mischwesen zwischen weiser und keuscher Minerva und erotisierender Nymphe verwandelt.

Daß diese Ambivalenz im wirklichen Leben nicht möglich ist, verhinderte nicht, daß genau dieser Frauentypus zur Inkarnation von widersprüchlicher Weiblichkeit in der Ideologie dieser Zeit wurde, was sich in den Dichtungen niederschlug und in solchen wunderschönen Gemälden wie diesem. Auch das Werkstattbild „Allegorisches Bildnis einer Frau (Simonetta Vespucci?)“ trägt die Züge der verstorbenen Turnierdame, so daß man zu glauben anfängt, daß der Status des Todes mit zur Anbetung gehört, diese erst richtig in Gang setzt. Dies Bildnis, heute in einer Privatsammlung, trägt so sehr die Frauenzüge des 19. Jahrhunderts, daß man die Präraffaeliten zu verstehen beginnt. Während man Simonetta in einigen mythologischen Gemälden wiedertrifft, zeigen andere Frauenbildnisse, daß Botticelli auf eigene Art ein Maler der Frauen war, bildet er diese doch nicht geschönt, dafür aber in geradezu moderner Weise an, was Kleidung, Ausdruck und Hintergrund angeht. Insbesondere bei drei Versionen von „Bildnis einer Frau“ aus Privatbesitz, aus dem Palazzo Pitti und aus Texas, glaubt man sich in die Dreißiger Jahre des 20. Jahrhunderts und in die Neue Sachlichkeit versetzt. Sehr eindrucksvoll, wohin uns die Reise mit Sandro Botticelli und seinen Frauendarstellungen brachte: aus der Antike über das Mittelalter, die Renaissance bis in unsere Tage. In der Tat, Botticelli war ein Maler der Frauen, aber auch einer der Männer, deren schöne in der Ausstellung hängende Jünglingsbildnisse wir alle unterschlagen haben, die aber zeigen, was uns vor dieser Ausstellung nicht so bewußt war: Botticelli war ein begnadeter Porträtist. Und nicht nur das, wie die Fortsetzung zeigt.

* * *

Ausstellung: bis 28. Februar 2010

Bücher zur Ausstellung

Katalog: Botticelli. Bildnis. Mythos. Andacht, hrsg. von Andreas Schumacher, Verlag HatjeCantz 2009

Da dies die erste monographische Schau in unseren Ländern ist, ist der Katalog wichtig, um all das, was sich an falschem Wissen festgesetzt hatte, herauszubekommen und mit heutiger Erkenntnis anzureichern, denn er steckt voll kluger Essays und Anmerkungen zu den Bildern. Das gilt für die, die zum Schauen der Bilder auch lesen wollen. Aber wer nur den Eindruck aus der Ausstellung von Schönem und Eindringlichem mit nach Hause nehmen möchte, erwirbt auch dieses mit diesem Katalog.

Kunst zum Hören; Botticelli, HatjeCantz 2009

Kinderbuch zu Botticelli, HatjeCantz 2009

Aktuelle Bücher zu Botticelli

Damian Dombrowski, Botticelli. Ein Florentiner Maler über Gott, die Welt und sich selbst, Verlag Wagenbach SALTO 2010

In ungewöhnlicher Art setzt sich der Autor mit dem Maler auseinander, die für Leser natürlich hinreißend ist: Er läßt die Bilder sprechen, siebzehn an der Zahl, die quer durch die Genres religiöse und mythologische Malerei, Altarbilder und Porträts ausgewählt sind. Natürlich ist es der Autor, der seine Reflexionen einbringt. Sehr interessant.

Frank Zöllner, Sandro Botticelli, Prestel Verlag 2005, Neuauflage 2009

Nach Michelangelo und Leonardo legt Frank Zöllner, Professor für Kunstgeschichte an der Universität Leipzig, mit diesem überdimensionierten Prachtband seinen dritten Renaissancemeister vor, wobei dieser eben aus der frühen Zeit der Wiedergeburt der Antike kommt, die im übrigen kontinuierlich über das Mittelalter vorhanden blieb. Der Band ist chronologisch aufgebaut und verbindet die Bilder mit dem Leben des Malers. Auch Simonetta Vespucci bekommt ihren Raum.

Frank Zöllner, Botticelli, Verlag C.H.Beck

In dem kleinen Bändchen faßt Zöllner seine Erkenntnisse in der ähnlichen Gliederung wie im Band von Prestel zusammen, wobei gerade die Funktion des Malers als Porträtmaler der Medicis ausgebaut wird. Ein Buch, das man sogar in der Handtasche unterwegs zur Ausstellung sehr gut lesen kann.

Internet: www.staedelmuseum.de

Anzeige