Bond und Boris

Auszug aus einem Screenshot von "The Telegraph" am 3.10.2021. Quelle: The Telegraph Quelle digitaleditions.telegraph.co.uk

London, Vereinigtes Königreich (Weltexpress). Einmal mehr rettet Daniel Craig als 007 im Auftrag des fiktiven britischen Geheimdienstes die Welt, doch in der realen Welt besteht für die Briten bis auf weiteres keine Aussicht auf Rettung: Lange Schlangen und Gewaltausbrüche vor geschlossenen Tankstellen, die Londoner Straßen so leer wie Zapfsäulen und Regale der Supermärkte.

But „The Show Must Go On“, wie die britische Rockband namens „Queen“ einst sang: Während draußen in der realen Welt das Chaos regierte, zelebrierten am Dienstagabend in der Londoner Royal Albert Hall geladene Gäste im Smoking sowie die unvermeidlichen „Royals“, an ihrer Spitze Thronfolger Prinz Charles, sein Sohn Prinz William mit Gattin Kate sowie die Herzog und die Herzogin von Cornwall die rituelle Errettung der Welt durch den heldenhaftesten aller Briten. Dazu stellt der konservative „Telegraph“ lakonisch fest: „Wir können uns nicht länger auf 007 verlassen, um die Situation zu retten.“

Allerdings. In Großbritannien fehlen laut Schätzungen mindestens 100 000 LKW-Fahrer. Davon waren 20 000 Ausländer, die wegen der erheblich strengeren Post-Brexit-Visabestimmungen, aber auch aus Angst vor Covid zu Hause bleiben. Die Folge: Es fehlt an fast allem. Treibstoff und Lebensmittel werden nicht ausgeliefert, Schulbusse stehen still, die Gasversorgung droht zusammenzubrechen, Tiere mussten notgeschlachtet werden, Auswirkungen auf die Müll-Entsorgung und das Gesundheitssystems sind zu befürchten. Schlimmer noch: Weihnachten rückt unerbittlich näher und der traditionelle Weihnachts-Truthahn könnte dieses Jahr auf den englischen Festtagstischen ausbleiben. Premierminister Boris Johnson hat sich hilfesuchend an seinen brasilianischen Kollegen Bolsonaro gewandt, um die Versorgung sicherzustellen: Brasilien ist einer der weltweit führenden Truthahn-Exporteure.

Boris hatte Brexit mit dem Argument propagiert, dass man sich von der EU keine fremden Arbeitskräfte aufzwingen lassen wolle. Wohl oder übel musste er jetzt 5000 Dreimonats-Visa für ausländische Lastwagenfahrer bewilligen. Der britische Arbeitsmarkt ist seit Brexit auf einen Achtel geschrumpft. Ab Montag wird die Armee – 200 Soldaten, davon 100 Lastwagenchauffeure – eingesetzt, um Treibstoff zu den Tankstellen zu transportieren. Bei den Konservativen war Kritik am Brexit lange tabu. Jetzt dämmert es allmählich auch bei den Tories, was dem britischen Desaster zugrunde liegt.

Anmerkung:

Vorstehender Beitrag von Dr. Charles E. Ritterband erschienen in „Voralberger Nachrichten“ bereits am 1. Oktober 2021.