Alexander der Große zieht nach Indien, ans Ende der Welt – „Alexander der Große und die Öffnung der Welt“ im rem in Mannheim

Plakat zur Ausstellung

Im Ernst, das ist eine Ausstellung, im vollen Titel „Asiens Kulturen im Wandel“ hinzugefügt, die Sie sich nicht entgehen lassen sollten, wenn die Kombination von Geschichtswissen und sinnlichen Eindrücken der rund 400 Exponate Ihnen etwas bedeutet, denn beides zusammen bringt erst das zustande, was wir Geschichtsbild nennen, weil wir ohne Vorstellungen im Kopf, wie die Leute lebten, wie sie sich ernährten, woran sie glaubten, wie sie ihre Krieg führten und vor allem, warum, einfach geistig ärmer wären, uns hier aber ein geschichtlicher Reichtum entgegenspringt, an dem man noch lange zu kauen hat. Wenn wir als bequeme Mitteleuropäer, die die Welt über das Fernsehen zu Hause empfangen oder uns zu dieser per Flugzeug auf den Weg machen, uns auch nur einen Gedanken machen, was diesen Alexander aus Makedonien antrieb, über Jahre ins Ungewisse zu ziehen, dann läßt einen das Wissenwollen nicht mehr los. Mit welchem Bild von der Welt im Osten zog Alexander mit seinen Truppen los? Er ging schon von der Erde als einer Kugel aus, allerdings einer Halbkugel und nachdem er so siegreich das damals größte Perserreich der Achämeniden geschlagen hatte, – 330 vor Chr., da war er 26 Jahre alt! – und in Ägypten schon längst als Pharao verehrt wurde, wollte er das Ende der Welt erkunden und natürlich auch bis dorthin sein Imperium ausdehnen.

Indien also, denn dort glaubte man das Ende der Welt, allerdings begann Indien damals schon im Osten von Afghanistan. Und der Söldnerzug, den er zusammenstellte, war ja auch angewachsen durch die eroberten Soldaten. Wer sollte ihn aufhalten. Dazu nachher mehr. Die Ausstellung gliedert sich in sechs übersichtliche Teile und beginnt mit den Bildnissen des jugendlichen Herrschers und seinem Mythos. Schon das allein ist mehr als ein Tagesthema und beschäftigt archäologische Seminare über Semester und war auch Auftakt des an denselben Tagen stattfindenden Kolloquiums zumAlexanderzug. Es ist nämlich kein einziges Bildnis gesichert, aber die Ähnlichkeiten und verbalen Beschreibungen der Zeit machen die Zuschreibungen auf Alexander sehr wahrscheinlich. Heute wäre er mit seiner Anastolè, einem kecken Haarwirbel über der Stirn nach oben, ganz í  la mode, aber damals war das nicht Mode, sondern sagte etwas über seine Besonderheit aus, ließ ihn herausragen aus der Normalität, genauso wie seinen schräg nach oben gerichteten Blick bei leicht zur Seite geneigtem Gesicht. Aber auch das muß man sich durchdenken in einer Zeit, wo die allermeisten Leute sich davor scheuen, äußerlich oder innerlich sich von dem Normalen abzusetzen.

Die Ausstellungsmacher, neben dem rem, die Eurasienabteilung des Deutschen Archäologischen Institutes, haben das sogenannte Alexandermosaik zum Hauptbild der Ausstellung bei Plakaten und Katalog gemacht. Das wurde am 24. Oktober 1831 bei den Ausgrabungen vom verschütteten Pompeij als Bodenmosaik entdeckt und gilt als römische Nachahmung in der Mitte des 2. Jahrhunderts vor Chr. eines heute verschollenen griechischen Originalgemäldes zur Zeit Alexanders. Vergleicht man allerdings die Plakate mit dem gesamten Mosaik, das als Nachahmung des Originals in Neapel nun in Mannheim hängt, fällt zuallererst, abgesehen davon, daß rund um den Alexanderkopf die griechische Seite zerstört ist, seine Kleinheit auf im Verhältnis zum persischen Großkönig Dareios III., dessen nach allen Seiten stiebenden Pferede und Lanzenträger Zweidrittel des Bildes einnehmen und der hoch über dem Kampfgeschehen mit hoher Kopfbekrönung herausragt und das Zentrum des Bildes bildet. Aber – und jetzt kommt eine wichtige Überlegung, weil man hier der Kunstgeschichte beim ideologischen Tüfteln zusehen kann – sein Gesicht ist angstverzerrt, hilflos breitet er die Arme aus, kann die angstvoll zurückstürmende eigene Meute nicht aufhalten.

Und das alles vermag dieser kleine Alexander, barhäuptig und mit dem Apotropaion der Athene auf der Brust. Erst die Übermacht der Perser und die heroische Gestalt des bald besiegten Großkönigs, machen die Tat des Alexander des Großen wirklich zu einer Großtat. Das Mosaik ist übrigens so detaillreich in Kleidung, Waffen, Tieren und Menschentypen, das es nur eine Lust ist, es in Ruhe zu studieren, die man nicht hat, will man Alexanders Feldzug nach Osten, der in Babylon beginnt, Dokumente und Überbleibsel des Achämenidenreiches, die Griechen in Zentralasien, die Kunst und Kultur unter den Kuschan und – sehr wichtig – als letzte Station das Nachwirken Alexanders in Ost und West betrachten und die hilfreichen Texte und Karten lesen. Die eine Karte ist beispielsweise neun Meter lang und drei Meter hoch und Sie können mit Knöpfen einen Lichtstrahl erzeugen, wenn sie wissen wollen, wo er wann auf seinem elfjährigen Zug gen Osten war und welche Schlachten gewann. Im Frühjahr 334 vor Chr. war er mit einem 35 000 Mann starken Heer aufgebrochen gegen eine viel bedeutendere Übermacht des Weltreiches der Perser, das heute Türkei, Syrien, Libanon, Israel, Ägypten, Jordanien, Irak, Iran, Afghanistan, Turkmenistan, Usbekistan, Tadschikistan und Pakistan heißt. Siegen heißt ja nicht nur, Land erobern, sondern sich das Wissen der Zeit einverleiben, das aus dem Orient kam.

Ach, man kann die Kopf und Sinn erfreuenden Dinge nicht alle aufzählen, aber zu jeder Station sind es neue Erfahrungen und Überlegungen, die einem kommen. Nehmen wir dieses schöne Ziegelrelief mit Darstellung des Muschchuschu, Schlangendrachen genannt, dem Symboltier des babylonischen Obergottes Marduk aus Berlin. Es stammt aus der Zeit Nebukadnezars II, das war 604 -562 vor Chr., und wir würden zu dem Tier Greif sagen, aber die Bezeichnung Drachen erinnert uns sofort an einen chinesischen Abend dieser Woche, wo der Drachen als das Heil der Welt gefeiert wurde. Ausgiebig, insbrünstig und bunt. Da müssen wir uns einfach fragen, wie kam das in die Welt, daß der Drachen in der westlichen Welt zum Untier wurde, zu einem Grundübel, das man ausrotten muß und den christlichen Drachentöter Georg zum immerwährenden Helden machte. Wir werden dem nachgehen, aber was wir damit sagen wollen, ist einfach, daß solche Ausstellungen, wo Zeugnisse der Vergangenheit auch die Gegenwart erleuchten und Zeugnisse einer anderen Welt auch die eigene fragwürdig machen, das Beste ist, was einem passieren kann.

Auch wenn wir von den rund 400 Leihgaben aus über 40 Museen der Welt – nicht nur den bekanntesten, dem Louvre und dem Britischen Museum, das eh den halben Orient in der Kolonialzeit abgeräumt hat, sondern aus Duschanbe in Tadschikistan und in den Bürgerkriegszeiten auch aus Kabul in Afghanistan – , hier die Schätze nur unzureichend gewürdigt haben, wissen wir, daß Sie das alles viel besser selber sehen und immerhin bis zum 2. Februar des nächsten Jahres Zeit haben. Mannheim muß sein.

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Katalog: Hrsg.: Svend Hansen, Alfried Wieczorek, Michael Tellenbach „Alexander der Große und die Öffnung der Welt. Asiens Kulturen im Wandel, Verlag Schnell & Steiner, ein schwergewichtiges und schlau machendes Werk mit Essays namhafter Wissenschaftler und einer tollen Bebilderung, die auch Kleinteiliges groß herausbringt und die 400 Exponate ausführlich präsentiert sowie die neuesten Grabungsfunde dokumentiert.

www.alexander-der-grosse-2009.de

www.rem.de

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