Vor der Vierschanzentournee der Skispringer – Dem 17-jährigen Domen Prevz wird alles zugetraut

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Volles Haus in Oberstdorf © Foto: Ingo Jensen, OK Vierschanzentournee

Berlin, Deutschland (Weltexpress). Einen Zweikampf der Gastgeber bei der Vierschanzen-Tournee um den Gesamtsieg ab Freitag in Oberstdorf wird es eher nicht geben. Allerdings liegen Deutschland und Österreich, Erzrivalen und Ausrichter, seit der Tournee-Premiere 1953 mit jeweils 16 Gesamterfolgen an der Spitze der erfolgreichsten Länder.

Doch nach den aktuellen Vorleistungen sieht die Fachwelt den noch 17-jährigen Slowenen Domen Prevz mit bereits vier Saisonsiegen in der Favoritenrolle. Gefolgt vom polnischen Olympiasieger Kamil Stoch und dem Norweger Daniel Andre Tande. Nicht zu vergessen der letzte Gesamtgewinner, Peter Prevz, älterer Bruder des momentanen Überfliegers Domen.

„Er ist im Moment der Einzige, der der die Ski flach und nah am Körper halten kann. Dadurch bekommt er ein System zusammen, das noch mal effizienter ist vom Flugkörper … vermutlich hatte er beim Springen noch keine Negativerlebnisse, so wie er springt, kennt er keine Grenzen“, urteilt Werner Schuster, österreichischer Trainer der bundesdeutschen Adler. Schuster traut vor allem Markus Eisenbichler, dem formstabilsten Akteur seines Aufgebots, den einen oder anderen Podestplatz zu.

Mannschaftlich gesehen dürfen die Österreicher schon noch aussichtsreicher sein, denn von den zurückliegenden acht Auflagen haben die Rotweißen sieben für sich entschieden.

Ansonsten ist die Gala der Skispringer eine Domäne der Europäer. 14 x stand ein Finne nach den vier Stationen ganz oben, 10 x ein Norweger. 1997/98 durchbrach der Japaner Kazuyoshi Funaki die Phalanx der Europäer. Sieger aus Amerika, Afrika oder Australien sind – wen wundert’s – in den Annalen nicht verzeichnet.

Ein bisschen spekuliert wurde im Vorfeld, ob der besagte Jungstar Domen Prevz als zweiter Aktiver nach dem Sachsen Sven Hannawald einen Tourneetriumph mit der Idealserie von vier Tagessiegen hinzaubern könne. Hannawalds Husarenstück 2001/02 ist zugleich der letzte deutsche Tour-Erfolg geblieben.

Prevz selbst weist auf die speziellen Tour-Schwierigkeiten hin: “Du musst auf vier verschiedenen Schanzen innerhalb kurzer Zeit acht gute Sprünge abliefern, sonst hast Du keine Chance. die Vierschanzentournee ist das härteste Springen der Saison.“ Bei Weltmeisterschaften oder Olympischen Spielen genügt bekanntlich für den ganz großen Moment lediglich an einem Tag sportliches Können, mentale Stärke und Glück bei den Wetterbedingungen zusammenzubringen.

Deshalb gibt es Ausnahmeathleten wie den Schweizer Simon Ammann (35), der vier Mal olympisches Gold holte, Weltmeister und Skiflug-Weltmeister sowie Gesamtweltcup-Erster wurde, aber in der Chronik der Tourneesieger nicht verzeichnet ist.
Einer, dem dies alles gelang, ist der Finne Janne Ahonen. Er ist Rekordgewinner des Spektakels zwischen Oberstdorf und dem Schlusspunkt in Bischofshofen mit fünf Gesamterfolgen. Zu den Eigenheiten der Veranstaltung zählt auch die Tatsache, dass insgesamt acht Gesamtbeste ermittelt wurde, die keinen Tagessieg schafften! Ein Mal, 2005/06, wurden zwei punktgleich Schlusserste geehrt – Ahonen und der Tscheche Jakub Janda.

Nationaler Tour-Heros ist mit vier ersten Rängen zwischen 1984 und 1996 Jens Weißflog, der „Floh vom Fichtelberg“. Olympiasieger, Weltmeister und Gesamtweltcup-Gewinner war er ebenfalls.

Weißflog hat nach Mauerfall und Wiedervereinigung maßgeblich dazu beigetragen, die bundesdeutsche Bilanz beim wichtigsten Sportereignis um die Jahreswende hierzulande anzureichern.

Bis zum Beitritt der DDR zur BRD hatten die DDR-Springer bis 1990 zehn Mal den prestigeträchtigen Wettbewerb gewinnen können – die bundesdeutschen Sportler lediglich zwei Mal (Max Bolkart/Dieter Thoma).

Kein Zufall, die sportwissenschaftliche Unterstützung durch die Abteilung Biomechanik der Deutschen Hochschule für Körperkultur (DHfK) in Leipzig beispielsweise war der überkommenen Trainingsgestaltung in Garmisch oder Hinterzarten weit voraus. Der DDR-Skisprung-Pionier Hans Renner entwickelte das Mattenspringen, um die geografischen Nachteile fehlender Höhenlagen für winterlich stabiler Schneegebiete zu kompensieren.

Die Skispringer der DDR genossen seitens ihrer sportlichen und politischen Führung zudem eine besondere Förderung. Im sportpolitischen Vergleich der Systeme war ein Sieg auf dem Boden des „Klassenfeindes“ wertvoller als ein erster Rang in Norwegen oder Finnland.

Das Gefühl der Genugtuung bei einem Erfolg ihrer Springer teilten in diesem Falle meist auch DDR-Bürger mit den staatlichen Institutionen, auch wenn sie ansonsten eher regimekritisch eingestellt waren. Nach dem Motto – ätsch, ihr habt zwar Bananen ohne Limit und die besseren Autos, aber die Athleten mit Herz und Athletik kommen aus Oberhof, Oberwiesenthal oder Klingenthal!

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