Handball-EM der Männer 2018 in Kroatien: Risiko-Unternehmen für Bundestrainer Christian Prokop und dessen Förderer Bob Hanning

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DHB-Trainer Christian Prokop.
Berlin, 23. Oktober 2017. Christian Prokop, Trainer der Handballer der deutschen Männer-Nationalmannschaft posieren für Portraits vor weißem Hintergrund im Studio. © Foto: Sascha Klahn/DHB

Berlin, Deutschland, Zagreb, Kroatien (Weltexpress). Mut zum Risiko – so lässt sich die Mission der deutschen Handballer bei der am Freitag gestarteten Handball-EM in Kroatien beschreiben. Ob sich dieses Motto von Bob Hanning für die von Bundestrainer Christian Prokop betreuten DHB-Handballer auszahlt, wird man spätestens am 28. Januar sagen können – dem Schlußtag des kontinentalen Titelkampfes mit 16 Bewerbern in Kroatien. Am heutigen Samstag ist Montenegro Vorrundengegner der Deutschen. Es folgen Slowenien und Mazedonien.

Die deutschen Vertreter wollen mindestens bis ins Halbfinale kommen. Alles andere als diese Zielstellung sei „unglaubwürdig“, so Bundestrainer Christian Prokop mit Verweis auf die überraschend erkämpfte Europameister-Krone vor zwei Jahren in Polen.

Da trug der Isländer Dagur Sigurdsson noch die Verantwortung für die selbst ernannten Bad boys. Und Prokop machte da mit dem einstigen Traditionsverein SC DHfK Leipzig, in den 60-iger Jahren erster deutscher Europapokalgewinner, erstmals in der Branche aufmerksam. Erst hatte er die Leipziger in die erste Bundesliga geführt. Dann düpierten die Messestädter trotz bescheidener finanzieller Möglichkeiten und Liga-Neulingen im Kader höher eingeschätzte Kontrahenten.

Auch wenn es in der nach eigenem Verständnis stärksten Handball-Liga der Welt am Ende nicht zur Qualifikation für den Europacup oder die Champions League reichte – Prokop erhielt die Anerkennung als „Trainer des Jahres“. Auch, weil seine Schützlinge dessen Handball-Philosophie aufs Parkett brachten: schnell, beweglich und variabel im Angriff – schnell, aggressiv und beweglich in der Abwehr.

Diese moderne Spielauffassung möchte der junge Mann aus Köthen, wo sein Vater ein Regionalliga-Team betreute, nun in der Nationalmannschaft durchsetzen.

Ein gewagtes Unternehmen, denn vor zwei Jahren hatten die Deutschen die prominente Gegnerschaft mit einem Bad-boy-Stil regelrecht überrumpelt. Mit einem körperlich Respekt einflößenden Mittelblock und dem 2,10-m-Abwehrchef Finn Lemke im Zentrum sowie dem Weltklasse-Torhüterduo Silvio Heinevetter und Andreas Wolff dahinter. Daran scheiterten nicht nur die Ausnahme-Handballer und Erfolgsgaranten wie Nikola Karabatic (Frankreich) oder Mikkel Hansen (Dänemark) und deren Mitspieler. Die Dänen wurden 2016 unerwartet Oympiasieger und die Franzosen im Vorjahr Weltmeister.

Verzicht auf Abwehrchef Finn Lemke sorgt für Kopfschütteln

Als der Auswahl-Trainernovize Prokop nun für das erste große Turnier unter seiner Verantwortung ausgerechnet Lemke sowie die beiden Mit-Europameister Fabian Wiede und Rune Dahmke aus dem 16-er EM-Aufgebot strich, gab es im deutschen Handball-Lager skeptische und kritische Stimmen. Von den Ex-Größen Daniel Stephan über Martin Schwalb bis Michael Roth, Lemkes Heimtrainer in Melsungen, umal Prokop auf der anderen Seite für die Szene überraschend drei Leipziger Akteure berief, zwei ohne ein einziges Länderspiel zuvor. Neben Philipp Weber nun Bastian Roscheck und Maximilian Janke. Dem Vorwurf der Vetternwirtschaft begegnete der überaus selbstbewusste Prokop mit dem Hinweis auf seine „Handschrift“, die ihm auch für die Nationalmannschaft vorschwebe.
In der Tat haben die drei Ausgebooteten durchweg Defizite hinsichtlich Beweglichkeit und schneller Beinarbeit in der Abwehr. Lemke wird zudem im Angriff kaum eingesetzt. Während das DHfK-Trio mehr dem von Prokop bevorzugten Allrounder-Typ entspricht.
Hat allein diese Personaldebatte Momente eine riskanten Unternehmens – allerdings können bis zu sechs Aktive im Turnierverlauf nachnominiert werden -, so ist die Berufung Prokops wohl noch eher als Risikoentscheidung zu werten.

Prokops Spielerkarriere ist überschaubar und mit der beispielsweise von Stephan oder Schwalb nicht vergleichbar. Es blieb bei zwei Jahren beim Bundesligisten Minden. Selbst drei aufwändige Operationen an den Oberschenkelknochen nahm Prokop in Kauf, wechselte zeitweilig die Wurfhand, um seine ehrgeizigen Pläne zu verwirklichen. Doch sein Körper setzte ihm Grenzen.

Sein Ehrgeiz für den Trainerberuf blieb aber ungebrochen. Über Stationen in Braunschweig, Hannover, Schwerin, Essen kam er 2013 zum damaligen Zweitligisten Leipzig. Wo er dann die Möglichkeiten erhielt, seine Handschrift mit modernem Handballspiel auszuprägen.

Erstmals Ablöse für einen Bundestrainer

Bob Hanning, erfolgreicher Macher, Geschäftsführer der Berliner Handball-Füchse sowie als Vize-Präsident im Handball-Bund (DHB) zuständig für den Leistungssport, hat es Prokop zu verdanken, dass er vor acht Monaten zum Trainer für das DHB-Aushängeschild aufstieg. Weil der Isländer Sigurdsson, der die Auswahl eigentlich bis zu den Olympischen Spielen 2020 in Tokio leiten sollte, aus privaten Gründen um seine Entlassung bat.

Hanning, bei 1,68 m Größe ähnlich wie Prokop aus körperlichen Gründen als Aktiver limitiert, aber seit Jahren ein Jugendtrainer mit Leidenschaft, hatte da den akribisch arbeitenden und als Taktikfuchs geltenden Prokop bereits im Blick. Und setzte gegen nicht wenige Kritiker dessen Anstellung mit einem Fünfjahresvertrag durch. Auch wenn der Verband dafür eine Ablöse von 500 000 Euro aus dem noch laufenden Vertrag beim SC DHfK berappen musste.

Dass dieser Betrag selbst für den Mitglieder stärksten Handball-Verband der Welt kein Pappenstiel sein dürfte, macht der Vergleich zu der ausgehandelten EM-Prämie deutlich. Denn da können die 16 Spieler im Falle der Titelverteidigung lediglich mit insgesamt 250 000 Euro rechnen.

Alles in allem geht also nicht nur Christian Prokop mit seiner Kaderauswahl und der Hinwendung zum modernen Handballstil erkennbare Risiken ein. Auch Bob Hannings Entscheidungen für die Bestallung des jüngsten Handball-Bundestrainers aller Zeiten mit einer in diesem Zusammenhang noch nie erlebten Halbmillionen-Gebühr dürften das Wirken des Berliners infrage stellen.

Der 49-Jährige hat für sich das Motto ausgerufen: Den Mutigen gehört die Zukunft! Aber wohl nicht immer und sofort der Erfolg!

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