Der Wunsch nach Nichtexistenz als Ausdruck von anderen nicht geliebt und anerkannt zu werden sowie der eigenen Liebesunfähigkeit

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Eines der Fresken an den Hausfassaden in Lyon. © 2016 Foto: Elke Backert

Berlin, Deutschland (Weltexpress). Die Liebesfähigkeit ist das wichtigste Gut des Menschen, das heißt, ob er selber lieben kann und die Liebe anderer annehmen kann. Jedoch geht diese im sozialen Raum in der frühen Kindheit unter traumatischen Bedingungen verloren. Unter traumatischen Bedingungen verstehe ich, dass er in Scham, Schande und Schuld, Geboten und Verboten, die wider seine Person sind, aufgewachsen ist. Darunter leidet seine Liebesfähigkeit und seine Fähigkeit, die Liebe anderer annehmen zu können. Es sind seine grundlegenden Erfahrungen und seine Wahrnehmungen. Er nimmt sie als Wahrheit über sich, das Umfeld, und das ist sein Weltbild.

Daraus wächst sein Wunsch nach Nichtexistenz, entweder der ganzen Person, der in dem Wunsch nach Selbstmord gipfeln kann, oder er existiert nicht in einzelnen Teilen der Person wie der Scham, Schande und Schuld und den Geboten und Verboten, d.h. sie werden verleugnet oder verdrängt und nicht wahrgenommen. Damit werden sie tragischerweise zur Wahrhaftigkeit erhoben. Sämtliche Verleugnungen und Verdrängungen erheben sich zur Wahrheit. Der Sinn und die Motive, die allerdings reflexartig und automatisch wie von selbst ablaufen, das ist eine menschliche Eigenschaft, sind das eigene Überleben unter traumatisierenden Bedingungen. Dieser Wunsch kann auch bei heftigen Schmerzzuständen, im Endstadium von Krebs und anderen schweren Erkrankungen auftreten. Diese fasse ich als Ausdruck der Autoaggressionen auf, d.h. der Aggressionen gegen die verinnerlichten Objekte, die sich in der Person befinden, also gegen die eigene Person sich richten.

Dabei geht natürlich sämtliches Differenzierungsvermögen verloren, die Unterscheidung zwischen den Menschen, zwischen mir und den anderen, und das Für und Wider sozialer Begebenheiten und Umstände. Alles wird in einem negativen Bild, das für die Wahrheit gehalten und daran geglaubt wird, zusammengefasst. Da die Eltern in ihm die Schande und Schuld sahen, die sie vordergründig verurteilten und mit der Bewertung von Scham und Schande versahen, aber das heißt noch lange nicht, dass sie ihn nicht hintergründig mochten. Er ist also verurteilt dazu, dass er nur das Vordergründige und nicht das Hintergründige liest. Er bekommt etwas ab, was nicht ihm gilt, sondern transgenerationell früheren Begebenheiten und Personen galt. Dann fasst er sämtliches späteres ihm Entgegenkommen, was durchaus anders gemeint sein kann, unter den vorherigen Erfahrungen und Wahrnehmungen zusammen, d.h. er reagiert auf alles, was ihm entgegen gebracht wird, so als ob er sich nicht geliebt und geachtet fühlt. Das ist seine eigentliche Tragik.

Das schafft natürlich in ihm Aggressionen in ihm. Er wird auf sämtliches positives Entgegenkommen negativ und aggressiv reagieren. Das schafft beim anderen ebenfalls Aggressionen. Er wird mit dem positiven negativ belohnt. Ich möchte dies am Krankheitsbild der Colitis mucosa illustrieren, bei der Durchfälle mit Schleimauflagerungen vorherrschend sind. Ich hatte einmal während meiner Kliniktätigkeit einen Patienten, der unter dieser Colitis mucosa litt. In den Vorberichten las ich, dass er mit allen in Streit geriet, mit Ärzten und den Patienten. Mir kam er überfreundlich und überhöflich entgegen, aber er war mir gleich unsympathisch, und ich reagierte abwehrend. Dann fiel mir der Begriff „Schleimscheißer“ ein, und damit war mit einem Wort alles erklärt. Erstens sein Krankheitsbild, er scheißt schleimige Durchfälle, zweitens seine Form von zwischenmenschlichen Beziehungen. Er bemühte sich, den anderen freundlich entgegen zu kommen und stieß meist auf Abwehr. Wahrscheinlich hatten die meisten Familienmitglieder ein solches Verhalten, von denen er es gelernt hatte. Lange hielt er seine Freundlichkeit nicht durch, und so kam es zu Streit. Seine untergründige Aggressivität spürten die anderen sofort. Natürlich nur bei denjenigen, die dafür Antennen haben, wenn nicht, sind sie ähnlich und seelenverwandt.

Diese Differenzierungslosigkeit kann sich schon bei kleinen Begebenheiten auf der Straße abspielen. Wenn etwa ein Mann einer Frau begegnet, die ihn besonders interessiert, oder umgekehrt, aber er glaubt, dass sie sich nicht für ihn interessiert, weil er die Missachtung in sich hat, dann wird er sie durch Nichtbeachtung und Missachtung strafen. Dann sieht sie sich nicht beachtet, glaubt evtl. sie sei uninteressant, wenn es so in ihr ist, und sieht nicht das besondere Interesse dahinter. Denn dann würde er sich geehrt fühlen. Oder sie glaubt, er wolle nur das Eine, und dafür ist sie sich zu schade. Das Äußere also entspricht noch lange nicht dem Inneren, aber nur das Äußere gilt.

Der Titel des Wunsches nach Nichtexistenz stammt von dem Patienten, den ich schon in mehreren Artikeln erwähnt habe, und der in Scham und Schande aufgewachsen ist, den ich auszugsweise zitieren möchte. Er ist allerdings durch eine lang dauernde Therapie soweit, dass er sein Innenleben wahr haben kann.

„Seltsam, ich glaube, ich muss hier irgendetwas Schlaues sagen, etwas Besonderes sein, und das will ich nicht. Seit letzter Stunde beschäftigt mich das Größenbild, Bild, wie ich sein soll. Ich soll, muss irgendwas sein. Wie mir zumute ist, darf nicht sein, dann erfolgt eine Verurteilung. Ich bin zu laut, lebhaft, unkontrolliert, spontan. Ich soll etwas anderes sein. Ich will mich nicht beeinflussen lassen, über dem Ganzen stehen, soll etwas Besseres sein. Alles was mit lebhaft, laut zu tun hat, ist schlecht und gefährlich. Dann fürchte ich die Folgen. Ich darf das überhaupt nicht denken, es ist zu viel mit negativem verbunden. Das darf ich nicht, muss nur ruhig, unauffällig sein, und mit dem Größenbild weise ich mich immer wieder selbst zurecht. Die Eltern hatten Angst, dass etwas heraus brechen könnte, das alles zusammen brechen könnte, und das ist immer noch in mir, immer noch die Angst, dass etwas droht, im Hintergrund lauert, und ich dann schuld wäre. Meine Reaktion ist das Größenbild, das ich über allem stehe und mir nichts passieren kann. Die Schuld ist ein schmerzhafter Knoten. Das negative Größenbild, ich bin an allem schuld.

Der kleine Junge hat so viel Macht, dass er alles kaputt machen könnte. Die Macht ist in mein Verhalten reingelegt, damit bin ich völlig überfordert. Das ist alles so ein Knäuel. Dann bin ich wütend, auch wütend ist der eine Teil auf den anderen Teil in mir, wütend auf die Überlastung, wütend auf die Größenvorstellung. Dann will ich alles kaputt machen, habe Angst davor und hänge dazwischen. Das lähmt sich gegenseitig, und darin steckt eine Überforderung. Dann habe ich Angst davor, was ich alles anrichten könnte. Da steckt etwas Wahres drin, ich glaube daran, deswegen ist alles so fixiert, weil ich entsprechend reagiert habe. In der Familie ist das wahr, woanders oft nicht wahr. Wenn ich später wahrnahm, dass die anderen anders waren, habe ich missgünstig reagiert, weil ich nicht so sein konnte wie sie. Das quält mich so, die Wut, der Neid ist da und die Überforderung. Ich habe den Wunsch, dass alles so anders ist, und das alles nicht so ist, alles weiterläuft, wie es ist, nicht dran rühren, dass ich das alles nicht weiß, merke und verstehe. Am besten alles so ist, wie es war, damit ich keine Schmerzen habe. Das Problem ist, dass es mich überfordert, nicht die Situation, sondern meine Schwierigkeiten damit umzugehen. Nicht die schlechte Nachricht ist das Problem, sondern der Bote, der sie überbringt, die widersprüchlichen Botschaften in mir.

Ich müsste die anderen angucken, nicht nur mich selbst, jedoch beides ist verboten. Das, was ich hier mit der Therapie seit vielen Jahren mache, ist verboten. Die Schande, die Umstände der Flucht und die gegenseitigen Vorwürfe von Eltern und Großeltern, das alles ist mit einem Verbot belegt, das darf ich nicht durchschauen. Alles ist mit einem Tabu belegt. Immer stand eine Drohung im Raum, das war wie ein Vorwurf gegen mich. Die Sperre sie ist in mir, als ob sie sagen würden „das wäre alles nicht passiert, wenn du nicht geboren wärst“. Red’ nicht rüber, denke nicht nach, ich spüre jetzt das Tabu, als würde ich die Schande spüren, als wäre ich der lebende Beweis. Deswegen darf ich nicht da sein, zu sehr präsent sein, möglichst unauffällig. Über allem thront die Schande, nicht lebhaft zu sein, nicht zu sehr in Erscheinung zu treten. Damit muss ich die Eltern schützen. Dass ist auch in meinem Interesse, ich will ja schließlich stabile und gute Eltern haben. Das Elternbild ist sehr verklumpt, daneben taucht ein anderes Elternbild auf, als würde der Klumpen sich ein Stück weit auflösen. Da ist eine ganze Menge angestoßen.“

Der Patient beschreibt seine wechselvolle und widersprüchliche Innenbefindlichkeit als Folge der Schande und Schuld. Er wird zerrieben und zerrissen zwischen unterdrückter Wut, die teilweise als Autoaggressionen sich gegen ihn selbst richtet, Scham, Schande und Schuld, die er allein in sich spürt, den Größenbild und der Überforderung, dass aber gleichzeitig verdrängt ist, und dem Neid auf die, denen es angeblich besser geht. Das alles hat er von seinen Eltern verinnerlicht, denen es ja auch nicht viel besser erging.

Er ist aber so weit, dass er seine widersprüchliche Innenbefindlichkeit wahrnehmen kann. Er meint sogar, er müsse die anderen angucken, was ihm gleichzeitig verboten ist, um diese auf ihre Hintergründe und Zusammenhänge abzuklopfen. Das meine ich mit Differenzierungsvermögen. Dann stellte er fest, dass es nicht nur ihm alleine so ergeht, sondern vor allem seinen Eltern so ergeht, und dann verzehrt er sich nicht so in Wut und Trotz gegen über diesen. Das schafft bei ihm ein Stück Versönlichkeit, die er dringend benötigt, um mit sich und den anderen ins Reine zu kommen. Die verinnerlichte Beziehung zu den Eltern sind die Vorlage für spätere Beziehungen. Wenn ein Differenzierungsvermögen vorliegt, dann braucht er auch nicht auf spätere Beziehungspartner so neidisch zu sein. Aber wie soll das geschehen in Zeiten, wo der Wille des Kindes um jeden Preis zu brechen ist, die auch heute noch weit verbreitet sind.

Diese Kinder haben aber auf jeden Fall einen Feind, der sie bricht, auch wenn sie an die Berechtigung glauben, Kinder glauben immer Eltern, und werden zwischen sich selbst und den Zielen der Eltern zerrissen. Aber er selbst hat es durch das schmerzvolle Gesicht der Mutter um vieles schwerer, da er spürt, dass sie einbezogen ist und so kann er nur an sich selbst die Schuld festmachen. Ich bringe diesen einzelnen Fall, weil er so typisch in unserer Kultur für viele Fälle ist, in der Depressionen, Schmerzen und andere schwere Erkrankungen so weit verbreitet sind, dass man nicht mehr leben möchte oder durch einen plötzlichen Herzinfarkt oder Schlaganfall dahingerafft wird.

Der Mensch ist gezwungen in jedem Moment Tag und Nacht, die nächtliche Gedanken und Wahrnehmungen erscheinen uns als Träume, an etwas zu glauben oder von Gott und den Göttern dazu verurteilt. Es ist sein menschliches Schicksal, dem er nicht entrinnen kann. Wo er geht und steht, nimmt er sich, seine Mitmenschen und seine Umwelt mit seinen Sinnen und Gedanken wahr. Sie sind für ihn die persönliche Wahrheit. Er konstruiert sich sozusagen seiner Wahrheit, und dabei spielen die früheren Erfahrungen und Wahrnehmungen eine prägende Rolle. Sie bilden seinen Charakter. Aber an seine Schuld und Schande, die Gebote und Verbote braucht er ja nicht zu glauben. Sich selbst und die Inneren Wahrnehmungen in jedem Augenblick zu hinterfragen, ist die Kunst des Lebens. Je mehr er weiß und in sich gedrungen ist, desto mehr Fragen erheben sich für ihn.

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