Zwischen Glühwein und Gurrywurst, Fußball und Fankurve – Direktberichterstattung von der Stimmungsfront im Berliner Olympiastadion

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Auch Bauer Mendler aus Buckow ist wieder da. Mit seiner Krippe reiste er an und präsentiert für die kleinen Zuschauer das allseits beliebte Ponyreiten, wie man so sagt. Wir reiten nicht sondern gehen schnell ins Stadion, denn heiße (!) Suppe wartet in der Pressekantine auf uns und Dutzende hungrige Kolleginnen und Kollegen, die bestimmt wohl auch nicht beim Ponyreiten waren.

„Wir singen Hertha“

Das singen die Hertha-Fans in der Ostkurve und sind augenscheinlich guten Mutes, daß der Letzte gegen den Ersten seine Möglichkeiten erspielt, erkämpft und nutzen möge. Die mitgereisten Schlachtenbummler von 04 sind nicht weniger gut gelaunt. Einige Journalisten, die jetzt auf der Pressetribüne sitzen, haben ihre Finger schon auf der Tastatur ihrer Rechner, andere an Mikrofonen und Kugelschreibern. Wie immer hält ein Teil sich nur an der Kaffeetasse fest. Was machen die hier bloß zu suchen?

Arne Friedrich in der Fankurve

Da Arne Friedrich bei diesem Bundesligaspiel nichts auf dem Platz zu suchen hat, er hat Leiste, sucht er sich ein, sein Fleckchen in der Fankurve. Das wird Minuten vor dem Spiel groß auf den beiden Videowänden gezeigt und auch, wie ein Fan dem designgekleideten zwar keine Kutte, doch einen Schal um den Hals hängt. Na, das ist doch was. Rafati, Hauptschiedsrichter an diesem bitterkalten Freitagabend bittet, zu beginnen.

Kaka zeigt Nerven und in der 5. Minute seine erste Slapstickeinlage. Der Kollege spielt für Friedrich, der in der Fankurve fröstelt. Steht? Die Fans wippen und hüpfen wie sonst nur die Schlachtenbummler von Bayer Leverkusen und Werder Bremen, weil deren Mannschaften nun einmal für kontrollierte Offensive, immerhin für Offensive und also Tore, Tore, Tore stehen. Stehen? Stimmt auch nicht, diese beiden Branchenbesten lassen den Ball laufen und laufen mit dem Spielgerät, das bekanntlich eine kaiserliche Kondition hat, um die Wette. Laufen? Für der Hauptstadt Hertha läuft es auch rund. Tor für Hertha BSC! Adrian Ramos trifft in der 8. Minute. Der Stadionsprecher ist so erregt, daß der gleich drei Mal den Torschützen ausruft. Rufen? Die Rufe nach einem Elfmeter werden wenig später laut (10.). Babak Rafati aus Hannover entpuppt sich in der Hauptstadt nicht als Heimschiedsrichter. Mit zwei, drei Spielzügen überrollen die Berliner auf der linken Außenbahn die doppelte Anzahl Leverkusener Mitspieler Nur noch durch ein Foul im Strafraum, das – sie ahnen es – nicht geahndet wurde, verhindert Bayer den zweiten Treffer der Berliner.

Berlin ist keine Reise wert

Auf der Pressetribüne wird gescherzt, wie lange nicht mehr. Liegt das an der unerwarteten und zugleich verdienten Führung des Tabellenletzten gegen den Herbstmeisterschaftskandidaten oder an den frostigen Graden auf der Geraden? Egal, wir berichten wahrheitsgemäß und wortgetreu: „Offensichtlich kann Bayer in Berlin einfach nicht gewinnen.“ Richtig, zuletzt hagelte es gegen Hertha BSC in der Bundesliga und Werder Bremen im Pokalfinale Niederlagen im Olympiastadion. Ist das Galgenhumor? „Wird Zeit, daß die Mannschaft von Trainer Jupp Heynckes zu Union Berlin fährt, und dort die schwarze Serie zu beendet“, lästert einer, den wir im Stadion An der Alten Försterei noch nie gesehen haben

Wir sind Hertha und Du kannst es auch!

„Steht auf, wenn ihr Berliner seid“, rufen Hunderte und eine Hand voll Berliner stehen sogar mit nacktem Oberkörper im Stadion rum. Gut, daß die strammen Jungs rote Pudelmützen aufhaben, so sind sie besser zu erkennen. Herthas Fußballlehrer Friedhelm Funkel steht auch. „So lange stand der noch nie“, meint mein Nachbar. Noch ist er der einzige, den es nicht mehr auf der Bank hält. „Sei Berlin“, ruft ihm die Videowand entgegen. Sei Berlin? „Wir sind Hertha und Du kannst es auch“, meinen wir und schrecken nicht davor zurück, das auch zu schreiben. Raffael spielt so, daß wir sofort erraten, wo der vom Baum gefallen ist. Brasilianisch umspielt er die anscheinend völlig konstanierten Fahnenstangen vom Niederrhein. Ja, das ist Fußball vom Feinsten.

Vom Grätschen und Schinden

Nur durch bösen Beinstellen gelingt es Bayer, die wie im Rausch spielenden Berliner zu stoppen (30.). Den fälligen Freistoß hämmert Patrick Ebert mit 102 Stundenkilometern Richtung René Adler. Zu genau. Das Talent im Tor kann abklatschen und aufnehmen. Wenig später können weder Daniel Schwaab noch Arturo Vidal Herthas Mittelfeldmotor Raffael stoppen, der von der Mittellinie bis zum Toraus läuft. Die anschließende Ecke verfliegt. „Hahohe, Hertha BSC“, hallte es aus kalten Kehlen, während Stefan Kießling einen Strafstoß schindet. Rafati will nicht gesehen haben. Auf den zahlreichen TV-Bildschirmen sehen wir eindeutig die Schwalbe des Stürmers.

„Ihr werdet nie Deutscher Meister“

„Nie Deutscher Meister, Ihr werdet nie Deutscher Meister“, hänseln Hertha-Fans, während Torwart Jaroslav Drobny die Behauptung der Berliner rettet und vor Kießling, der statt zu fallen dieses Mal einköpfen will, mit der Faust an den Ball kommt. In der Tat, die Herthaner kicken heute daheim unter Funkel wie vergangene Saison unter Lucien Favre. Hinten halten 10 Mann das Tor sauber und vorne steht einer allein vorm Tor. Das ist Ramos. Der hat sein Tor schon geschossen.

„Sieht so aus, als ob sie Spaß haben, bei dem, was sie tun“, meint mein Kollege, während beinahe das 2:0 für den Tabellenletzten fällt (43.). Raffael wäre der Torschütze gewesen. Funkel steht immer noch, die Fans auch, wir gehen erneut in die Pressekantine, uns aufwärmen. Bis gleich!

„Die können ja noch Fußball spielen“

So oder ähnlich kommentieren die Kollegen von Funk und Fernsehen und auch einer der schreibenden Zunft sagt und schreibt das so. Recht hat er und die Betonung liegt auf Spielen. Selbst wenn Hertha hier und heute noch einbrechen und verlieren sollte, bleibt das festzuhalten. Der Stadionsprecher steht noch auf der blauen Bahn während er verkündet „Heute wollen wir die Leverkusener weghauen“. Na denn.

Es geht weiter in die zweite Halbzeit

„Blau-weiße Hertha, Dir gehört der Sieg, keiner spielt so schön wie Du, kämpft wie Du“, singen Herthaner wie lange nicht mehr. Stimmt, über den Kampf, hinten stehen sie mit zwei Abwehrriegeln, kamen die Berliner in der ersten Halbzeit ins Spiel. Das frühe Führungstor spielt ihnen dabei in die taktischen Karten. Die Blau-Weißen spielen wirklich sehenswert und kämpft um drei Punkte gegen den Abstieg. Unten spielt sich Hertha in einen Rausch, zaubert im Strafraum des Tabellenführers und Tor. Rafati wedelt mit den Armen und deutet Abseits an (52.). Haben wir so nicht gesehen. Doch die Wiederholung am Bildschirm zeigt, daß der Buhmann der Berliner Zuschauer dieses Mal richtig liegt.

R wie Reich-Ranicke und rote Karte von Rafati

Schöner Freistoß von Toni Kroos. Mit 109 km/h saust die Kugel in die linke obere Ecke. Rudelbildung. Rafati zeigt wieder Gelb gegen einen Berliner, Raffael soll Vidal gelegt haben soll, der auf dem Rasen rollt, wie Marcel Reich-Ranicki das R. Den Schiri wollen die Fans ans Brandenburger Tor hängen. Das ganze Stadion ruft nach mehreren Fehlentscheidungen „Schieber, Schieber“. Funkel hüpft wie Rumpfelstielzchen, zeigt endlich an der Seitenlinie Einsatz. Rafati läßt weiterlaufen, obwohl ein Berliner nicht mehr mitlaufen kann. Das war doch Foulspiel!

Trotz 58 Prozent Ballbesitz, wie die Videowand verrät ist von Ballsicherheit bei Bayer 04 wenig zu sehen (68.). Doch der Druck des Tabellenführers wird stärker. Dennoch hängt Kießling als alleiniger Angreifer richtiggehend in der Luft, bekommt Bälle nur bei Standards. Ein Weitschuß von Kroos und es steht 1:1 (76.).

Als Gojko Kacar völlig aus der Luft gegriffen von Rafati erst die gelbe und dann die rote Karte gezeigt bekommt, hüpft Friedhelm Funkel wieder wie von der Tarantel gestochen am Spielfeldrand rum. Völlig aus der Luft gegriffen? So sehen das viel im Stadion, doch Rafati sah ein Foul mit anschließendem Ballwegwerfen. „Der Rafati pfeift einen Rotz zusammen“, hören wir, und das der Referee aus Hannover sich Rufe wie „Schiri, Du Arschloch“ schon von vielen der 40.474 zahlenden Zuschauern anhören muß.

Die Ereignisse überschlagen sich

Aus dem Nichts das 2:1 für den Tabellenführer (90.). Drobny sieht bedröppelt aus. Doch er kann nichts machen. Der Schuß von Kaplan wurde durch Lukasz Piszczek unglücklich abgefälscht, sodaß sich der Ball über den Keeper hinweg unhaltbar ins Netz segelte. Die Berliner Fans sind sauer. “Rafati, Du Fotze“, skandieren sie. Wir googlen. Fotze kann laut Wikipedia auch mit V geschrieben werden und ist ein schlimmes Schimpfwort, das sich Frauen und mitunter auch Männer anhören müssen.

Doch noch eine Ecke für Hertha. Der Ball fliegt rein und dann heißt es „Toooor für Hertha“ (90. + 2). Die Vorarbeit kam von Raffael, das Tor erzielte Ramos.

Nach dem Spiel

Trotz des einen Punktes sind die Berliner stinkesauer. „Rafati, Du Fotze“, rufen immer noch Hunderte erregt. Das war die mit Abstand schlechteste Schiedsrichterleistung, die wir in dieser Saison im Berliner Olympiastadion mitansehen mußten. Das waren ein paar unglückliche und falsche Entscheidungen dabei, keine Frage. Beim Abgang der Unparteiischen pfeifen und schimpfen selbst die Leute auf der Ehrentribüne, was gerade in der Hauptstadt selten vorkommt. Und das war die mit Abstand beste Saisonleistung der Hertha.

Stimmen zum Spiel

Jupp Heynckes sagte nach dem Spiel auf der anschließenden Pressekonferenz: „Das Spiel hat es gezeigt, dass es nicht so einfach ist, als Spitzenreiter gegen das Schlusslicht zu spielen. Der Spielverlauf hat Hertha mit dem frühen Tor in die Karten gespielt. In der zweiten Halbzeit hat meine Mannschaft besser gespielt und mehr Druck gemacht. Aber mit dem Ausgleich in der 92. Minute hat sich Hertha das Ergebnis redlich verdient.“

Friedhelm Funkel: „In der zweiten Halbzeit ist der Druck schon ein bisschen größer geworden, aber mit der Leidenschaft und der läuferischen Stärke bei allen Spielern haben wir eine sehr gute Mannschaftsleistung gezeigt. Ich hoffe, dass wir mit dem verdienten Ausgleich in der 92. Minute ein Stück weit das Glück zurück gewonnen haben, denn das brauchen wir, wenn wir dann im Januar die Aufholjagd starten wollen.“

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