Zu lange verdrängt: Deutsche Kolonien und der Völkermord an den Hereros und Nama

Namibia
Anfahrt zum Sossusvlei in Namibia. © 2018, Foto: Dr. Bernd Kregel

Berlin, Deutschland (Weltexpress). Wenn der Bundespräsident vielleicht in den kommenden Wochen nach Namibia reist und dort vor dem Parlament spricht, wird nach jahrelangen, zum Teil geheimen Verhandlungen zwischen beiden Nationen ein Streitpunkt, eine Fehde beendet. Denn endlich gibt Deutschland vor der Weltöffentlichkeit zu, dass das Vorgehen der kaiserlichen Truppen 1904 in der Kolonie Deutsch-Südwestafrika, dem heutigen Namibia, Völkermord war. Schließlich wurden die dort einheimischen Stämme der Herero und Nama fast ausgerottet – und das auf eine Weise, die an Grausamkeit nicht zu überbieten war.

Das historische Kapitel „Kolonien“, von allen Bundesregierungen und auch deutschen Parlamenten kurzerhand negiert und an den Schulen meist überhaupt nicht erwähnt, geschweige denn gelehrt, muss endlich aufgearbeitet werden. Denn die Gebiete, die sich Deutschland als Kolonien angeeignet hatte, waren immerhin nach denen Englands und Frankreichs die drittgrößten auf der Erde. In diesen deutschen Kolonien lebten 12 Millionen Menschen.

Die größten deutschen Kolonien gab es in Afrika: Deutsch-Südwestafrika, Deutsch-Ostafrika, Kamerun und Togo. Weitere „Schutzgebiete“ waren Deutsch-Neuguinea, die Marianen- und Marshall-Inseln, Nauru, Karolinen, Palau, Samoa und Kiautschou.

Dabei war das Deutschland der kaiserlichen Epoche zunächst gegen den damaligen Trend der europäischen Mächte, sich fremde, sehr weit entfernte Territorien als Kolonien anzueignen, um vor allem deren Rohstoffreserven, aber auch deren Einwohner als Sklaven auszubeuten. Der damalige Reichskanzler Bismarck brachte das unmissverständlich zum Ausdruck: „Ich will gar keine Kolonien. Die sind bloß für Versorgungsposten gut und kosten nur Geld. Diese Kolonialgeschichte wäre für uns genauso wie der seidene Zobelpelz in polnischen Adelsfamilien, die keine Hemden haben. Die Vorteile, die sich Handel und Industrie verspricht, sind zum größten Teil Illusion“.

Er änderte später seine Meinung – dem Trend folgend. Dabei hatte er absolut Recht: Deutsch-Südwest war immer Zuschussgebiet, verschlang kaiserliche Millionen.

Kolonien waren vor allem Prestige, zudem wichtige wirtschaftliche wie militärische Überseestützpunkte. Die Interessen der Eingeborenen wurden ignoriert. So war das auch in Deutsch-Südwest, wo zudem 1897 eine verheerende Viehseuche die Lage der einheimischen Stämme dramatisch verschlechterte. Deshalb kam es 1904 zum Aufstand der Herero und Nama gegen die Deutschen. Dem war die sehr kleine kaiserliche Schutztruppe nicht gewachsen, weshalb die Reichsregierung Verstärkung entsandte. Die schließlich insgesamt rund 15 000 deutschen Soldaten standen unter dem Kommando des Generalleutnant Lothar von Trotha, der in der berühmt gewordenen „Schlacht am Waterberg“ die Aufständischen besiegte.

Doch dabei beließ es der kaiserliche General nicht. Er erließ, vielmehr einen „Vernichtungsbefehl“: Die Waterberg-Überlebenden Herero und Nama sollten in die absolut wasser- und pflanzenlose Wüstenei getrieben werden. Der Wortlauf dieses Befehls von Trothas: „Jeder Herero, mit oder ohne Gewehr, mit oder ohne Vieh, wird erschossen. Ich nehme keine Weiber und Kinder mehr auf, treibe sie zu ihrem Volk zurück oder lasse auf sie schießen“. Mit „Zurücktreiben“ war die nahegelegene Wüste gemeint. Ein Historiker: „Das war ein Befehl zur Ausrottung.“

Dieser Befehl, in Berlin bekannt geworden, schockierte den Großen Generalstab und Kaiser Wilhelm II. Er musste zurückgenommen werden. Aber das war zu spät: Zwischen 50 000 und 100 000 Herero und Nama dürften diesem Völkermord zum Opfer gefallen sein. Bis zu vier Fünftel der beiden Stämme, so wird geschätzt, kamen ums Leben.

Namibia und Deutschland sind nunmehr nach jahrelangen Verhandlungen zu einem „Aussöhnungsabkommen“ bereit. Das würde mit einem Staatsbesuch des Bundespräsidenten in Namibia irgendwann in naher Zukunft besiegelt werden.

Nach dem Ersten Weltkrieg verlor Deutschland all seine Kolonien.