Wo ist eigentlich Werner Herzog geblieben? – 66. Filmfestspiele in Venedig bedenken auch Fatih Akin: Spezialpreis der Jury für „Soul Kitchen“

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Das ist übrigens auf palästinensischer Seite ähnlich, daß es die Filmemacher sind, die kritisch die Politik der Länder begleiten. Wenn man das auch Michael Moore unterstellen darf, der mit seinem neuen Film in Venedig zwar Furore machte, aber keinen Preis einheimste, dann muß man dennoch hinzufügen, daß es sowohl in Israel wie auch bei den Palästinensern, erst recht in den arabischen Staaten sehr viel mehr Mut bedarf, einen regimekritischen Film zu drehen. Er sei der mutigste und der beste Film der gegenwärtigen neuen israelischen Filme, der das brutale Geschehen des Libanon-Krieges von 1982 zeigt, ein Feldzug, an dem Maoz damals selbst teilgenommen hatte. Filmisch besonders ist, daß weithin das Geschehen aus dem Inneren eines Panzers erlebt wird. "Ich widme diesen Film allen Menschen, denen es vergönnt ist, gesund und sicher aus einem Kriegseinsatz zurückzukehren", sagte Maoz bei der Preisverleihung.

Wenn nun Fatih Akin, den man tatsächlich am besten als Hamburger bezeichnet, sinnvoller als dieses öde Wortgemisch türkischstämmig, das ja eigentlich wenig über einen Regisseur aussagt, wenn also nun Fatih Akin den Spezialpreis der Jury erhalten hat, in der Wertung der zweithöchste, dann ist aufgegangen, wessen sich der Hamburger Regisseur schon auf der Berlinale sicher war: das er einen Hit landet. Die Idee dazu hatte er schon sehr lange. Aber alles Mögliche kam dazwischen. Er nennt den Film, der auch in Hamburg spielt, einen Heimatfilm. Gemeinsam mit seinem Darsteller-Ensemble um Adam Bousdoukos, Moritz Bleibtreu, Anna Bederke, Pheline Roggan und Dorka Gryllus hatte Fatih Akin den Film erst am vergangenen Donnerstag am Lido vorgestellt und gleich ins Herz der Jury getroffen, in das des Publikums sowieso. Für Fatih Akin ist dies auch ein persönlicher Erfolg. Denn aller guten Dinge sind drei, kann man da nur sagen, denn dieser Spezialpreis 2009 vom Internationalen Filmfestival von Venedig kommt zum größten Erfolg, dem Goldenen Bären für „Gegen die Wand“, Berlinale 2004 und dem Preis für das beste Drehbuch für „Auf der anderen Seite“ beim Festival von Cannes 2007 als dritte Auszeichnung bei einem der drei A-Festivals hinzu.

Der Verleih teilt dazu mit: „Veni Vidi Venedig!“ freut sich Fatih Akin lachend über die Auszeichnung. Und zitiert weiter, frei nach James Brown: „Ihr wißt, was wir brauchen ist Soul Power. Ihr wißt, was wir wollen ist Soul Power!“ Wenn Akin „Soul Kitchen“ einen Heimatfilm nennt, meint er damit, das Restaurant in Hamburg, das besser eine Kneipe zu nennen ist, die nun eben als Szenelokal auf einmal vielen Heimat wird, zu dem Zeitpunkt, als Besitzer Zinon sie verlassen möchte, weil er Freundin Nadine nachreisen will, die ausgerechnet eine Shanghai Lady geworden ist, hat sie doch dort eine Spitzenstellung bekommen. Dagegen stehen die Ereignisse, auch sein Bruder, der”¦aber das ist ein lange Geschichte und bis zum Anlaufen des Films am 25. Dezember 2009 längst wieder vergessen Interessantes Datum übrigens. Soll Weihnachten einen Film mit Herz besser vermarkten? Das hat dieser Film überhaupt nicht nötig.

Wenn die iranische Videokünstlerin und Fotografin Shirin Neshat, die man nur aus der Kunstszene kennt, für ihren ersten Kinofilm „Woman Without Men“ gleich den Silbernen Löwen für die beste Regie bekommen hat, weiß man, daß längst auch das Filmemachen keine Spezialdisziplin mehr ist, sondern Bildkünstler lernen, sich nach und nach aller Medien zu bedienen. Shirin Neshat hat das allerdings schon an die Videos vorexerziert. Aber, so sagt sie, sechs Jahre habe sie an diesem Film gearbeitet, der auch handwerklich so sauber sein sollte, daß ihn auch ihre Mutter verstehen könnte. Shirin Neshat wurde 1957 im Iran geboren und ging eigentlich nur zum Studieren (Kunst) in die USA, kam in den Iran zurück und erlebte, daß alles schlimmer wurde, statt besser. Seit dieser Zeit hat sie mit Kunst auf die sozialen Katastrophen im Iran reagiert, die die Frauen besonders hart treffen. Ihr Film spielt im Teheran des Jahres 1953 und erzählt das Schicksal von vier Frauen unterschiedlicher Herkunft, als die linksgerichtete Regierung von Mohammed Mossadegh mit Hilfe des US-Geheimdienstes CIA gestürzt wurde. Eine der vier widerständigen Frauen. Munis, mischt sich auf der Straße unter demonstrierende Demokraten – eine fiktive Vorwegnahme der Ereignisse dieses Sommers, in der die junge Frau Neda getötet wurde und dadurch zu einem Symbol für den Widerstand wurde?

Die Parallelen hätten sie auch erschüttert zwischen 1953 und dem Sommer 2009, sagt dazu die Regisseurin, die ihren Film nach einem im Iran verbotenen Buch drehte, "Women Without Men" von der Perserin Shahrnush Parsipur, die mehrmals verhaftet wurde und heute recht gebrochen in den USA lebt. Neshat ist sicher, daß ihr Film seinen Weg durch den Iran machen wird, wie auch das Buch dort jedes Kind kenne. „Was verboten ist, das macht uns grade scharf“, hat dazu Wolf Biermann gesungen, aber die unterdrückenden Mächtigen aller Erde werden nie verstehen, daß sie den Widerstand erst so richtig züchten durch die Maßnahmen, den sie gegen ihn vornehmen.

Bleibt die Frage, wo Werner Herzog geblieben ist? Er hatte die ersten Tage am Lido alleine bestritten, auch medial, denn die Medien machten ihn schon frühzeitig zum Meister, war er doch gleich mit zwei Filmen vertreten, von denen der eine seiner Zeit voraus war, hatte er doch die jüngste Weltwirtschaftskrise, die als Finanzkrise entstand, im Film schon längst abgedreht gehabt. „Bad Lieutenant“ heißt dieser Film, der eigentlich ein Remake eines Polizei-Undergroundfilms von 1992 ist, den Herzog aber nie gesehen zu haben vermeldet, durchaus glaubwürdig übrigens. Sein Star ist Nicolas Cage, der seine Karriere aufpolieren muß. Warum sich Herzog mit „My Son, My Son, What Have YE Done“ selber Konkurrenz macht, ist merkwürdig. Im Film ist das alter Ego der gute Polizist, den Willem Dafoe darstellt, der irgendwie in letzter Zeit überall dabei ist, was uns gefällt.

Als bester Hauptdarsteller wurde Colin Firth ausgezeichnet. Er spielt einen schwulen Professor in dem Erstlingswerk "A Single Man" des früheren Gucci-Topdesigners Tom Ford. Beste Schauspielerin war nach Meinung der Jury die Russin Ksenia Rappoport im Psychothriller "La doppia ora" des Italieners Giuseppe Capotondi. Jasmine Trinca in "Il grande sogno" von Michele Placido erhielt den Marcello-Mastroianni-Preis für die beste schauspielerische Nachwuchsleistung.

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