Wo die Blumen sind – Julian Schnabels „Miral“ wandelt auf der „Straße der Blumen“ zwischen Poesie und Melodram

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Filmszene aus "Miral"

2004 erschien Jebreals literarische Debüt der Drehbuchautorin und Lebensgefährtin Schnabels, zehn Jahre nach dem Abkommen von Oslo, 30 Jahre nach dem Geburtsjahr der Hauptprotagonistin. Miral ist alter ego und jüngere Schwester im Geiste Rula Jebreals. In ihrer Geschichte verschmelzen autobiografische Erinnerungen der Autorin mit Elementen der realen Biografien von Hind Hussein. Gleicher zwei Wasserläufen fließen die Handlungsstränge um Hind und Nadia in Mirals Biografie zusammen. Unterschwellig speist ihre treibende Kraft den Handlungsfluss um die Hauptfigur weiter, nachdem sie oberflächlich schon versiegt ist. Die heimliche vierte Protagonistin ist das Land selbst. In sinnlichen Details enthüllen die Bilder die Schönheit der Landschaft. Farben, Düfte und Materialien lässt Julian Schnabel das Auge nur am Bildrand erhaschen. Sie finden sich überall, auf dem Markt, beim gemeinsamen Essen, in den Blumen, die wie die Miral-Blume unbemerkt am Wegrand wachsen. Die Handlung geht ganz auf ihre Charaktere ein und zeigt ihren Schmerz als einen gemeinsam erlittenen. Die militärischen Kämpfe bilden nur den Hintergrund für die persönlichen Kämpfe der Protagonisten. Anders als in seinen vergangenen Werken „Basquiat“ und „Schmetterling und Taucherglocke“ verliert Schnabel sich in Detailverliebtheit und der ausufernden Handlung. Der politische Konflikt schrumpft teilweise zur Folie für ein eher schleppendes Melodram. „Ich bin ein Künstler, kein politischer Experte.“, sagt Julian Schnabel über seinen vierten Kinofilm, „Ich versuche auch nicht, einer zu sein.“

Die äußere Gewalt dringt in Form von Misstrauen, Vorurteilen und Aggression in das Privatleben der Menschen, wo sie über Generationen weitergegeben wird gleich der inneren Trauer und Furcht, welche Miral an ihrer Mutter erlebt hat. Gegen Frauen richtete sich diese Gewalt in Schnabels Film insbesondere in sexualisierter Form. Grausam erfährt dies Mirals Mutter Nadia, die Selbstekel und Zorn schließlich selbst zu einem gewalttätigen Ausbruch treiben. Während ihrer Haft erzählt ihre Zellengefährtin, wie sie auf ein Kino einen Bombenanschlag verübte. Roman Polanskis „Ekel“ läuft in dem Kino während der Rückblende zum Attentat. Der Originaltitel „Repulsion“ bezeichnet auch die physische Abwehr eines äußere Einflusses. Stakkatoartig springt die Kamera während der Kinovorstellung von Augenpaar zu Augenpaar, alle gebannt auf die Leinwand gerichtet. Der Blick aus diesen Augenpaaren auf eine Vergewaltigungsszene auf der Leinwand ist auch Symbol für das tatenlose, fast voyeuristische Zusehen gegenüber einem Gewaltakt. Gleichzeitig spiegelt sich in dem Kinopublikum auf der Leinwand jenes davor, welches ebenfalls fiktionalisierte Gewalt – zum einen die Gewalt in den Ausschnitten aus „Repulsion“, zum anderen die Gewalt in „Miral“ – betrachtet.

Die von Schnabel kritisierte Tatenlosigkeit ist jedoch keine militärische oder aktivistische, sondern bezieht sich auf politisches Engagement. Der Einfluss Hinds und Nadias ermutigen auch Miral mit intellektuellen und humanitären Mitteln zu kämpfen – nicht gegen Menschen, sondern gegen die Gewalt. „Dieser Weg ist zu blutig.“, heißt es in „Miral“ gewaltsamen Kampf. „Er führt nirgendwohin."

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Titel: Miral

Land/ Jahr: Frankreich, Israel, Italien, Indien 2010

Genre: Drama

Kinostart: 18. November 2010

Regie: Julian Schnabel

Drehbuch: Rula Jebreal

Darsteller: Freida Pinto, Hiam Abbas, Yasmine El Masri, Alexander Sidding, Willem Dafoe, Vanessa Redgrave, Makram Khoury

Kamera: Eric Gautier

Schnitt: Juliette Welfiling

Laufzeit: 112 Minuten

Verleih: Prokino

Internet: www.prokino.de

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