Wir sind Päpstin – Johanna Wokalek ist „Die Päpstin“ in Sönke Wortmanns Romanverfilmung

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Aus Geschichtsbüchern wurde “Die Päpstin” Johanna (Johanna Wokalek) getilgt. Spricht demnach der allwissende Herrgott aus dem Off zum Publikum? Im 9. Jahrhundert wird Johanna in Ingelheim geboren. “Bigotterie und religiöses Patriarchat”, gegen welche “Die Päpstin” später angeblich antritt, verkörpert Johannas Vater (Ian Glen). Der brutale Dorfpriester ist ein eindimensionales Zerrbild des Männlichen. Männer im “Mannesalter” bringen Unheil für “Die Päpstin”. Nur Greisen und Kindern ist zu trauen. Gegen den Willen ihres Vaters unterrichten ihr Bruder und der alte Domschulleiter Aesculapius (Edward Patheridge) Johanna. Praktischerweise wird der Gesandte, der anstelle Johannas ihren Bruder zum Studium in die Schule bringen soll, unterwegs von einem Pfeil niedergestreckt. Hat den jetzt Robin Hood, Retter der Entrechteten, geschossen? Nein, ein gewöhnlicher Räuber. In Gefahrensituationen ereilt Johannas Widersacher der Tod, als habe Gott die Übeltäter – natürlich Männer – niedergestreckt. Wie könnte dergleichen sein, wenn nicht Gottes Wille dahinter stecke, fragt die Hintergrundstimme. Ein Ketzer, wer vermutet, es war der Wille einer populären Romanschreiberin. Der Schulort Dorstadt, in den Johanna zieht? Ein Sündenbabel! Der Bischof schmaust mit seiner Buhle, doch erlaubt Johanna aus einer Laune den Schulbesuch. Aufnahme findet sie bei Graf Gerold (David Wenham).

Zwischen Maid und Mann keimt später die Liebe. Körperlichkeit? Da sei Gott vor. Eine Intrige zwingt Johanna zur Heirat. Doch brandschatzende Normannenkrieger hauen dem wollüstigen Bischof den Kopf ab, bevor er Johanna vermählen kann. Gottes Wege sind unergründlich. Als Mann verkleidet, lebt sie fortan im Kloster, bis ihr alter Vater Johanna aufspürt. Ein vermutlich gottgesandter Herzanfall rafft den Vater dahin, bevor er ihr Geheimnis ausplaudern kann. Johanna steigt in über zwei ermüdenden Filmstunden bis zum Vertrauten des Papstes (John Goodmann) auf. Bei einem späteren Wiedersehen erkennt Graf Gerold Johanna unter der Mönchskutte wieder. Sexualitäts- und Rollenkonflikte, welche sich durch die ständige Verkleidung aufdrängen, sind für “Die Päpstin” kein Thema. Gealtert sind die Liebenden kaum, doch Logik interessiert in “Die Päpstin“ nicht. Aus des Liebsten Armen rufen Johanna die Kirchenglocken. Der Papst ist tot. Wer die Neuwahlen gewinnt, lässt der Titel nicht lange raten. Dass korrupte Kirchdiener in Rom Waisenhäuser durch Luxuspilgerherbergen ersetzen, duldet “Die Päpstin” nicht. “Ein solches Leben darf nicht vergessen werden.“, heißt es über “Die Päpstin”. Nichts ist an Johannas Leben besonders, abgesehen davon, dass sie im Papstgewand endet. Dies in doppeltem Sinne, denn Johanna stirbt nicht durch einen Widersacher, wie bei mittelalterlichen Päpsten üblich, sondern an einer Fehlgeburt. Ja, schwache Frauenkörper sind nicht für Gottes Thron auf Erden gemacht. Wäre sie doch keusch geblieben.

“Wie viele sind noch unter uns?”, rätselt gen Filmende drohend die sich als weiblich entpuppende Hintergrundstimme. Wie viele abstruse Nachfolgerinnen der Päpstin werden folgen? Frauen in der Wiener Hofreitschule? Frauen bei den Freimaurern? Frauen, die keine Kellnerinnen sind, bei “Hooters“? Mit seinen eindimensionalen Charakteren liefert “Die Päpstin” ein gleichermaßen krudes Männer- und Frauenbild. Im Geiste des amtierenden Papstes, der Enthaltsamkeit statt Verhütung predigt, ist Wortmanns Romanverfilmung sexualfeindlich. Gibt Johanna der “Versuchung der Liebe“, wie es das Presseheft formuliert, nach, straft sie Gott mit Zwangsheirat, Krieg, Trennung und Tod. “Cogito ergo deus est.”, pervertiert “Die Päpstin” René Descartes philosophischen Grundsatz “Ich denke, also bin ich.” Entpersonalisierung und Leugnung des eignen Geistes werden damit in der vorgeblichen Selbstverwirklichungsgeschichte auf den Punkt gebracht. “Soll wirklich kein Zeugnis bleiben von ihren großen Verdiensten?” Die zweieinhalbstündige Verfilmung Wortmanns nimmt die Antwort vorweg.

Die Geschichtsbücher hätten “Die Päpstin” Johanna heimtückisch verschwiegen, heißt es. All die historischen Chroniken Lüge! Sollte Die Päpstin” eines Tages nicht im Register der Literatur-Nobel-Preisträger auftauchen, steckt garantiert Geschichtsfälschung dahinter.

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Titel: Die Päpstin

Kinostart: 22. Oktober 2009

Regie und Drehbuch: Sönke Wortmann

Darsteller: Johanna Wokalek, Ian Glen, David Wenham, Edward Patheridge, John Goodmann

Verleih: Constantin

Internet: www.paepstin.film.de

www.constantin.com

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