Wine, dine & guck! oder Römertopf für die Pilger – Trier, älteste deutsche Stadt, ruft vom 13. April bis 13. Mai die Gläubigen der Welt zur „Heilig-Rock-Wallfahrt 2012“ und verführt zu einem Bummel durch 2.000jährige Geschichte

Der Legende nach brachte die heilige Helena, 329 gestorben, Mutter des in Trier residierenden römischen Kaisers Konstantin (306-337), das Tuch, das Christus vor der Kreuzigung getragen haben soll, nach Trier, wo es im Verborgenen verehrt wurde. Bis auf Drängen von Kaiser Maximilian beim Reichstag zu Trier 1512 das Stoffreliquiar erstmals öffentlich gezeigt wurde. Vor genau 500 Jahren. 1933 und 1959 konnte es noch hängend präsentiert werden, obwohl auch da schon der ursprüngliche Wollstoffrest – O-Ton Ulrich von Hutten: „das alte lausige Wams“ – mit neuen Textilien zu einem ansehnlichen „Gewand“ gepuzzled worden war. Schon 1996 defilierten die Pilger an einem klimatisierten Glasschrein vorbei, der das kostbare Stück vor weiterem Verfall bewahren soll.

Eine Hochglanzbroschüre des Trierer Bistums versuchte 1996, auch dem zweifelnden Menschen den Sinn dieser Tuchreliquie in Wort und Bild nahezubringen: „Ob Trikottausch nach dem Länderspiel oder T-Shirt des Pop-Idols – auch heute haben besondere Kleidungsstücke einen besonderen Wert.“  2012 steht die Wallfahrt unter dem Motto „…und führe zusammen, was getrennt ist“. Das Pilgerabzeichen für die Wallfahrt wurde von einer Chinesin entworfen. Ein Band aus Kunststoff, schlicht, an die Form einer Tunika angelehnt und leuchtend rot!

In der Zeit vom 13. April bis 13. Mai ist „Roma segunda“, das zweite Rom, zur „Heilig-Rock-Wallfahrt 2012“ gerüstet – nach Luther die „große Bescheißerei“. 2.500 ehrenamtliche Helfer, Park+Ride-Plätze und ein Pilger-Versorgungszelt werden bereitstehen. Beim Mittagessen lebt dann die Römerzeit doch noch auf. 1996 gab es „Römertopf“ für 8,50 Mark. Die Cafés verführten zu „Heilig-Rock-Törtchen“. Kamen im Jahr 1959 allein 700 Sonderzüge, rechnet die Stadt an der Mosel wie schon 1996  auch in diesem Jahr mit mehr Bussen und Privatwagen, die gegen Abend wieder abreisen.

Schade. Denn Trier bietet weit mehr Sensationen. Zum Beispiel die schönste und teuerste Turnhalle der Welt. Wer hier Korbball spielt, tut es im Angesicht des Herrn. Denn als man 1982/83 die Kasernenbauten aus der alten Benediktinerabtei St. Maximin entfernte, entpuppte sich der äußerlich unscheinbare Bau als machtvolle barocke Pfeilerbasilika. Freudig sanierte man sie für 28 Millionen Mark und – wusste nichts mit ihr anzufangen. Es mangelt an Kirchgängern. So turnen munter die Schüler, ohne der Krypta darunter, einem antiken Gräberfeld mit sieben Bestattungsschichten, etwas anzuhaben.

„Underground“ und „Abwärts“ heißen die Trendlokale in Trier und bestimmen die Richtung. Auch in St. Paulin geht`s hinunter in die Krypta, wo mit Eroten verzierte Sarkophage von Bischöfen und Märtyrern stehen. Drei Sarkophage sind noch ungeöffnet – wohl weil ein Fluch die Konservatorin mit langer Krankheit belegte. Balthasar Neumann schuf dieses als Hochzeitskirche beliebte Meisterwerk des Barock.

Gewaltige Dimensionen zeichnen die Konstantin-Basilika (um 300, etwa 1844 wiederhergestellt) aus: 65 Meter lang, 28 Meter breit und 30 Meter hoch und schon in der Antike ohne Stützen oder Emporen. Aber mit Fußbodenheizung! Heute bleibt die als evangelische Kirche genutzte antike „Palastaula“ kalt.

Kontrastreich das angrenzende Kurfürstliche Palais im Renaissancestil mit dem verspielten Schlossgarten, an dessen Ende das 2.000 Mann fassende Pilgerzelt stehen wird. Doch sollte der Besucher sich lieber das Palais Kesselstatt (1740-1745) gönnen, dem Dom gegenüber – beim Toilettengang hört man die Domglocken: mittags die rustikale Weinstube, abends heißt es „Wine & Dine“ in den pompösen Salons bei ausgezeichneten Moselweinen und Moselsekten. Trier ist die größte Sekt produzierende deutsche Stadt mit 130 Millionen Flaschen jährlich. Wein kultivierten schon die Römer, und Funde im Landesmuseum belegen das anschaulich. Berühmt das in Neumagen entdeckte „Weinschiff“ als Grabmal.

Sensationell auf dem Weg von der Porta Nigra zum Hauptmarkt das frühgotische Dreikönigenhaus (um 1230). Die einst nur über eine Holzzugtreppe erreichbare hochliegende Tür macht deutlich, dass es sich um einen wehrhaften Wohnturm handelte. Das Untergeschoss war geschlossen. Die Judengasse zeigt gut erhaltenes Mittelalter, und das Karl-Marx-Haus erinnert an den berühmten Sohn der Stadt.

Trier mit allein acht Welterbestätten lässt sich nicht abhaken. Trier braucht Muße. Sehen Sie selbst.

Info: 2 Ü/F inklusive Besuch des Heiligen Rocks im Dom und einer Stadtführung ab 79 Euro. Mehr Infos auf der Website www.trier.de.