Wilde Orchideen, Wallfahrtsorte und andere heilige Stätten – Mattinata und die Halbinsel Gargano, Sporn des Stiefelabsatz` Italiens

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Das größte Gebiet Europas mit endemischen, wild wachsenden Orchideen ist Treffpunkt von internationalen Botanikwissenschaftlern – erst im vergangenen Jahr wurde eine neue Orchideenart  entdeckt: Orchidea mattinata. Nicht nur  Orchideenliebhaber bezaubern die sich – nur dem kundigen Auge sofort präsentierenden – über 65 Arten im Frühjahr von Mitte April bis Mitte Mai, Website: www.orchideedelgargano.it.

Wem als ungeübtem „Flachlandtiroler“ aus der Großstadt der Aufstieg nicht ganz gelingen sollte, kann das Ziel der Wanderung, die Ruinen der Benediktiner-Abtei SS. Trinití  auch als Modell im Museo Civico in Mattinata bestaunen. Dr. Tobias Springer, Germanisches Nationalmuseum Nürnberg, hat in jahrelanger Forschungsarbeit die Ruine erforscht und sowohl ein Modell der Ruine als auch ein Modell vom ehemaligen Aussehen der Abtei fertigen lassen. Mit großen Festakt wurden die Werke im Museo civico im Mai 2013 enthüllt und dem Bürgermeister der Stadt, Dr. Lucio Roberto Prencipe übergeben.

Mattinata selbst ist eine sympatische, kleine, ruhige Stadt mit weißgetünchten Häusern und sehr freundlichen Einheimischen.

Ganz Gargano ist eine einzige heilige Stätte und voller Heiligtümer. Rom, Jerusalem und Monte St. Angelo in Apulien wurden zur Zeit des Stauferkaisers Friedrich II (Federico II) in einem Atemzug als die wichtigsten religiösen Zentren genannt. Tempelritter schifften sich von Brindisi Richtung Jerusalem ein. Kirchen, Burgen, Schlösser – nicht nur Historiker und Architekten kommen hier aus dem Staunen nicht mehr heraus – sie  verbringen gleich ihr Leben hier an der Quelle der Studien!

Gern würde man sich hier anschließen, denn außer Kunst und Kultur gibt es noch die leckere Önogastronomie, menschenleere Strände, Buchten, Grotten und niemals Temperaturen unter 0 °C – wir sind hier in „Afrika“, wie die Norditaliener Süditalien nennen. In zwei Stunden Direktflug von Berlin – raus aus der Kälte, rein ins Vergnügen! Von Bari fahren Shuttle-Busse ins Gargano.

Nekropole am Monte Saraceno

Außer den architektonischen Besonderheiten aus der Zeit des Stauferkaisers und seiner Vorgänger der Longobarden und Normannen sind noch die Grabmäler aus der Zeit der Ureinwohner, der Daunier (1000 v. Chr.) zu bewundern. In der Nekropole auf dem Monte Saraceno finden sich in den Felsen gemeisselte, körpergroße Höhlen, in die hinein die Toten in Embryonalstellung bestattet wurden.

Monte Sant’Angelo, Basilika von S. Michele mit den langobardischen Krypten und der Kirche S.Maria Maggiore

Seit 2011 Unesco Weltkulturerbe rangiert der Monte Sant’Angelo mit der Michaelsbasilika mit dem Mont St. Michel als pari inter pares. Uns Nordeuropäern ist der Hlg. Michaels-Kult in Apulien wenig bekannt. St. Michael erschien einem Bauern in Form eines Stieres und auch später erschien er als Engel bedeutenden Persönlichkeiten. Zwei Mal im Jahr findet eine Riesenprozession zu seinen Ehren statt. Monte Sant’Angelo (der Berg des heiligen Engels) erinnert an Montmartre mit Sacré Coeur –Pilger und Devotionalienläden füllen die engen Gässchen. Durch die Basilika gehen etliche Stufen hinunter. „Der Gang hinunter zur Grotte, wo der Heilige Michael erschien und wieder hoch ist schon selbst ein Pilgerweg“, raunt mir ehrfurchtsvoll ein Monsignore ins Ohr. In der Grotte finden stündlich bewegende Gottesdienste statt. „Um den ganzen Berg mit seinen Kirchen und Grotten zu erkunden, braucht man schon einen ganzen Tag“, sagt unsere Guida (Fremdenführerin) Maria.

Sie erklärt im Vorübergehen an den Brotläden, die Focaccia und das typische Pane di Puglia feilbieten, dass eine Familie nur einen ganzen Tag an diesem Riesenbrot hat. „Früher hatten wir keine Dolce und unsere Mama nahm Pane di Puglia, streute Zucker darüber, karamellisierte dieses in der Pfanne – fertig waren unsere Süßigkeiten!“

Abtei Santa Maria di Pulsano

Das Gargano ist wirklich die Eintrittshalle zum gelobten Land: einige 10 km von Monte Sant’Angelo befindet sich eine weitere heilige Stätte – die Abbazia St. Maria  in Pulsano. Ein Mönchlein erläutert den mühevollen Wiederaufbau des geschichtsträchtigen Klosters (erbaut 591), welches 1646 von einem großen Erdbeben zerstört wurde und seitdem verschiedene Etappen des Wiederaufbaus erfuhr – ein wenig erinnert es an den Papstpalast in Avignon mit seinen An- und Aufbauten verschiedenen Stils. Ehemals lebten 50 Mönchen hier und es gab 24 Einsiedeleien – nur eine wurde bislang restauriert. Dank ehrenamtlichen Mithelfern konnte die Abtei soweit restauriert werden, dass nunmehr vier Mönche dort leben und zivilisationsmüden Menschen, die sich hier besinnen, genesen und spirituell „auftanken“ wollen, eine Unterkunftsmöglichkeit anbieten. „Eine kostbare Ikone der Mutter Gottes wurde hier 1967 gestohlen“, berichtet der Mönch traurig und zeigt uns in der Kirche die Kopie.

2010 erwählte die FAI (Fondo Ambiente Italiano, die italienische Umweltorganisation) das Kloster zum „Ort des Herzens“. Abbazia St. Maria di Pulsano: http://www.youtube.com/watch?v=jmDS4bH1bog

Manfredonia – Castello Svevo

In Manfredonia (ca. 57.000 Einwohner), gegründet 1256 durch Manfred, Sohn des Stauferkaisers Friedrich II., lassen sich noch die Reste des Schlosses und der Festungsmauern bewundern. Hier finden Ausstellungen statt, wie z.B. die Grabstelen der Daunier, der vorchristlichen Urbevölkerung. Die mittelalterliche Magdalenenkapelle im Palazzo San Domenico steht ebenfalls unter dem Protektorat der FAI, der italienischen Umweltorganisation.

Castel del Monte: Tempelritter, Mystik und Magie

Die „Krone Apuliens“ wird das Unesco-Weltkulturerbe, das mittelalterliche „Castel del Monte“ auch genannt. Achteckig thront sie hoch über dem weiten Land mit Ausblick aufs weite Land und das Meer. Sie diente als Vorlage für den Film „Im Namen der Rose“ und hinterläßt einen wirklich geheimnisvollen Eindruck. Das Studium seiner magisch-mystischen Architektur bedarf eines besonderen Fachwissens und einer Führung. Der Stauferkaiser Friedrich II. lies es wohl zur Demonstration seiner kaiserlichen Macht und Kultur bauen und als Symbol für Wohlstand und Wissen, denn es war ehedem prächtig ausstaffiert, wurde jedoch komplett leergeräubert. Traurig ist auch, dass es als Gefängnis für die Kaiserenkel Heinrich und Enzo diente im Zuge von Machtkämpfen der Nachfolger.

Friedrich II. von Hohenstaufen, deutsch-römischer Kaiser, König von Sizilien und „Sohn Apuliens“, wie er sich selbst nannte. „Stupor mundi“ nannten ihn Zeitgenossen – er versetzte alle in Staunen, da er der erste hochkultivierte, gebildete, mehrsprachige Monarch war, der die Welt mit Hilfe internationaler Wissenschaftler zu erklären versuchte.

Ein weiteres interessantes Phänomen gibt Rätsel auf: in einem Turmraum sind magische Kreise auf dem Boden markiert. Unter dem Raum verlaufende Wasserstraßen erzeugen Magnetismus. Unser Fremdenführer führt das Phänomen vor: außerhalb des Kreises schafft er es nicht, meinen Arm gegen meinen Willen hochzuheben. Im Kreis hingegen geht es fast wie von selbst – unheimlich und ich grübele, welche Pathophysiologie hier wirkt auf die Nerven oder auf die Muskelzellen?

Erst bei meinem diesjährigen, zweiten Besuch des Castel del Montes erfahre ich von einem weiteren, heiligen Zweck der Architektur: Die Gestaltung und Anordnung der Räume, mit den verschiedenen Dekors, dient von der untersten Etage bis hinauf zur zweiten Etage der Läuterung der Tempelritter. Im letzten Raum mit einem Kamin wurden dann die heiligen Bücher aller Religionen verbrannt: Die Bibel, die Thora und der Koran, denn die Tempelritter sollten allwissend sein. Das Motto beim Betreten des Castels lautet – frei zitiert -: „Wenn Du kein guter Mensch bist beim Durchschreiten der Pforte, so wirst Du hier beim Durchschreiten einer werden.“ Mein Heiligenschein glänzt bis hinauf zu anderen Milchstraßen bei so viel Heiligkeit in Apulien!

Website: http://www.castel-del-monte.de

Infos

Allgemeines zu Mattinata: http://www.mattinata.it

Fotos aller Orchideen: www.orchideedelgargano.it

Monte Sant’Angelo und Michaels-Basilika: http://www.unesco.de/5844.html

Monte Sant’Angelo, Prozession Heiliger Michael: http://www.youtube.com/watch?v=t_RdbA1EkvU

Buchtipp: Reiseführer “Merian live! Apulien”, Autorin Nicoletta De Rossi

Comune Mattinata, Dott.ssa Maria Coccia, Telefon: +39 334 3631772, Email: info@agriturismogargano.it

Empfehlung von Hotels und Restaurants mit apulischen Köstlichkeiten:

Hotel Il Porto ****, Localití  Principe Sp 53 Litoranea per Vieste km 1,5 da Mattinata, Telefon: +39 0884 552511, Email: info@ilportohotel.it, Website: www.ilportohotel.it

Agriturismo Madonna Incoronata, Localití  Madonna Incoronata, Mattinata, Telefon: +39 0884 550228, Email: info@agriturismogargano.it, Website: www.agriturismogargano.it

Ristorante Masseria Liberatore, Contrada Liberatore, Mattinata, Telefon +39 0884 550613, info@ilpagliaio.com, Website: www.ilpagliaio.com

Ristorante Giardino Monsignore, Contrada Torre del Porto, Mattinata, Telefon: +39 0884 559934, Email: info@monsignore.it, Website:www.monsignore.it

Masseria Terre di Traiano, ökologisch-biologischer Agriturismus in sehr schöner weitläufiger ruhiger Landschaft unweit des Castel del Monte: http://www.terreditraiano.it

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