Wie alles anfing – Serie: Eine sensationelle und eine bequeme „Safari zum Urmenschen“ im Senckenbergmuseum in Frankfurt am Main (Teil 1/2)

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Neandertalergruppe

Also der Anfang in diesem Ausstellungskomplex nutzt den mehrgeschossigen Container im Hof des Senckenbergmuseums und nicht die ordentlichen Säle und Gänge im ehrwürdigen Museum. Gleich weiß man warum. Wir betreten nämlich auf Holzstegen die Ausgrabungsstätten, die sich rechts und links im aufgeschütteten Sand ausbreiten, darauf ein Grabungstisch, ein Sonnenhut, an der Rückwand eine Fototapete mit Landschaft: Sträucher, Wüsten, Berge und einzelne Menschen. Auf dem Tisch ein Rechner und die modernen Ausgrabungsutensilien, die dann links noch einmal extra vorgestellt werden. Davor dann Bildschirme, auf denen man die Gegend und die Gegenstände ganz nah heranholen kann. Eine richtige Inszenierung, die uns beim Eintreten mächtig gut gefällt und erst beim Herausgehen, nachdem wir tief beeindruckt vom Geschauten sind, da finden wir das ein wenig steril, weil die Leidenschaft fehlt, die Menschen antreibt, ihren eigenen Wurzeln so radikal auf den Grund zu gehen. Dazu gehören Entbehrungen genauso wie Irrtümer und dann plötzlich spektakuläre Funde. Eine spannende Wissenschaft auf jeden Fall.

Noch immer sind es Vorgeplänkel, wie Videofilme oder die Altersbestimmungen von Fossilien, die uns einstimmen, wenn die ersten Originale kommen, die im übrigen durch Schrifttafeln hervorragend unterstützt werden. Der Unterkiefer eines Löwen, von wann, aha hier der homo heidelbergensis vor 500 000 Jahren, dort der Neandertaler zwischen 120 000 und 30 000 Jahren und der homo erectus von 780 000 bis 120 000. Alle ausgestorben, denn unsere Menschheit stammt insgesamt nur von einem Typ, dem homo sapiens ab, der wie der Name sagt, durch seine Weisheit, seine Gehirnentwicklung überlebte. Zumindest bis heute.

Was diese Ausstellung einzigartig macht, ist der Blick hinter den Vorhang der Wissenschaft, die hier volkstümlich drapiert und vorgezeigt wird. „Auf den Zahn gefühlt“ heißt eine Methode, mit der sehr erfolgreich anhand von fossilen Schweinbackenzähnen die Entwicklung von relativ niedrigen zu hochkronigen langen Kauwerkzeugen nachvollzogen wird, wobei dies an den Landschaften von Buschschwein bis zur offenen Savanne gezeigt wird. Sie glauben gar nicht, wie plakativ und eindrücklich das ist, weil der Zusammenhang von Landschaft und Zahnentwicklung einen umhaut. Wir übergehen alle diese interessanten 3 D-Ausdrucke, die Stereolithgraphie, die Möglichkeit per Laser aus flüssiger Platikmasse zu formen und stehen vor Ida.

Ida ist der älteste Primat und hat 47 Millionen Jahre auf dem Buckel, den man sieht, weil dieses Halbaffenweibchen – gefunden übrigens in unserer Nähe, in der Grube Messel – mit Mageninhalt wie aufgeschnitten und versteinert vor uns liegt. Das Jungtier war nur 9-10 Monate alt und während wir noch sinnen, daß wir mit solchen Jahreszahlen einfach nichts anfangen können, weil Millionen Jahre nicht vorstellbar sind, kommt wieder ein Schocker.

1 500 000 bekannte Tierarten gibt es, von ihnen haben 48 000 ein knöchernes Innenskelett. Echte Haare, Milchdrüsen haben 4 600 Säugetiere, die Warmblütler sind, von diesen gibt es 360 Primatenarten und den einen Menschen, den homo sapiens.

Ausstellung: bis 18. April 2010

Internet: www.urmensch.senckenberg.de

Katalog: Safari zum Urmenschen, E. Schweizerbart’sche Verlagsbuchhandlung 2009

Sehr sinnvoll ist darüber hinaus den gerade erschienenen ersten Band der neuen globalen Weltgeschichte der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft zu studieren, der das in der Ausstellung Geschaute noch einmal in den weltgeschichtlichen Kontext stellt: WBG Weltgeschichte, Band I, Jockenhövel, Grundlagen der globalen Welt. Vom Beginn bis 1200 v.Chr.

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