„Wes Brot ich ess‘, des Lied ich sing…“ – Wie unabhängig und kritisch können Reisejournalisten heute noch sein?

Auch Weltexpress-Chefredakteur Stefan Pribnow (Bildmitte) beteiligte sich aktiv an der kontroversen Diskussion

Eine illustre Runde profilierter Reisejournalisten diskutierte im April dieses Thema auf einer Panel-Diskusson, zu der CTour ins Abacacus-Hotel am Berliner Tierpark geladen hatte. Edith Kresta (TAZ), Barbara Schaefer (freie Reisejournalistin) und Isabell Kendzia (Kleber PR) erörterten die Schwierigkeiten und unterschiedlichen Erwartungen, die der Reisejournalismus heute mit sich bringt.

Journalismus oder PR?

Zunächst einmal ging es um die Abgrenzung zwischen Journalismus und PR. Barbara Schaefer vertrat nachdrücklich den Standpunkt, dass Reisejournalismus eine Fachrichtung innerhalb des Journalismus sei, dessen Gesetze auch bei der Produktion von Reisetexten absolut gelten müssten. Allerdings räumte sie ein, dass die von einem Veranstalter bezahlte Reise verführerisch sei, letztendlich aber doch nicht mehr als ein Arbeitsmittel, wie etwa ein Buch als Rezensionsexemplar von einem Verlag. Daher müsse auch jederzeit eine Bewertung zwischen Verriss und Jubel drin sein. Eine Reise biete so oder so etliche Geschichten an, von denen sich der Journalist dann ja eine aussuchen könne. Das komme jedoch unterschiedlich in den Redaktionen an.

Der allgemeinen Zustimmung des Plenums folgte der Einwand, dass sich der Reisejournalist auf einem immer enger werdenden Markt bewege, auf dem er sein „Produkt“, den Text, anbieten und unterbringen müsse. Wohl wahr.

Edith Kresta von der TAZ war dezidiert der Meinung, dass Reiseberichte keinesfalls eine Aufforderung an den Leser sein sollten, in das beschriebene Gebiet zu reisen. Regel Nummer 1 eines guten Journalisten habe zu sein, niemals PR zu machen. In der Redaktion der TAZ sei es üblich, Länder jenseits des Fokus aktueller Nachrichten vorzustellen – und das sowohl in positiver als auch in negativer Weise.

Quasi als „Stimme der anderen Seite“ sagte Isabell Kendzia von Kleber PR dazu, dass man seitens der Auftraggeber durchaus auch mit kritischen Meinungen leben könne. Aber natürlich habe der Kunde eine gewisse Erwartungshaltung an die Texte, denn, und das sei kein Geheimnis, es werde viel Geld in die Journalisten investiert. Da sei vor allem bei kleinen Partnern, wie Fremdenverkehrsämtern mit ihren geringen Budgets, ein Wunschergebnis für die Berichterstattung vorhanden.

Als Gruppe oder individuell: Qualität ist der Maßstab

Frau Kendzia beklagte anschließend ein heutzutage allgemein sinkendes Niveau der journalistischen Arbeit. Teilnehmer an Pressereisen seien zunehmend schlecht vorbereitet und teilweise mangelhaft motiviert, was zu weniger Spaß auf beiden Seiten führe. Sie beklagte, dass einige Journalisten großer Zeitungen auch in der Freizeit umsonst Urlaub machen wollten, teilweise mit der ganzen Familie. Auch, dass das Schalten von Anzeigen teilweise als Bedingung für die Berichterstattung verlangt werde, sei mittlerweile durchaus üblich.

Die Vertreterin der TAZ meinte, dass Gruppenreisen generell problematisch seien. Für eine gute Geschichte mit einer thematischen Setzung seien Individualreisen viel besser geeignet. In der Regel übernähmen bei der TAZ heute Auslandskorrespondenten sehr viel beim Thema Reise. „Wir versuchen fast vollständig auf Veranstalterreisen zu verzichten. 80% der Journalisten auf Gruppenreisen benehmen sich wie x-beliebige Touristen. Da ist wenig pressetauglich“ wagte Edith Kresta als These aufzustellen.

Barbara Schaefer beklagte lediglich, dass Gruppenpressereisen in der Regel viel zu vollgestopft seien, das vermindere die Aufmerksamkeit der Teilnehmer. Dennoch sei es auch bei einer Gruppenpressereise möglich, gute Geschichten zu schreiben. Trotzdem sei es wünschenswert, dass Journalisten sich von Zeit zu Zeit auch wieder einmal selber auf die Reise machten und nicht nur „embedded“, von vorne bis hinten versorgt und „gepampert“, unterwegs seien. Dann könne man auch wieder ein Gefühl für das Reisen entwickeln. Was letztlich entscheide, sei aber die Qualität. Es gebe eben nur zwei Sorten von Journalisten und Texten: gute und schlechte.

Quo vadis, Reisejournalismus?

Wie rettet man also seine Arbeit in Zeiten, in denen der Journalismus im Allgemeinen und der Reisejournalismus im Speziellen den Bach runtergeht? Wie zu erwarten, gab es hier von keinem der Diskutanten ein Patentrezept mit auf den Weg. Konsens war, dass Reisejournalismus mittlerweile eine Dienstleistung ist, die nach Marktgesetzen erbracht und verkauft werden muss. Und das zunehmend von Einzelkämpfern, da feste Redaktionen zunehmend abgebaut werden und immer hermetischer arbeiten.

Isabell Kendzia von Kleber PR empfahl den Journalisten abschließend, den Dialog mit den Medienpartnern zu suchen und die Kunden aufzuklären. Durch eine vernünftige Kommunikation könnten Probleme gelöst werden. Eine gute Geschichte mit persönlichen Sichtweisen, die den Leser packe, werde immer unterzubringen sein.

Die freie Journalistin Barbara Schaefer verwies auf die freie Entscheidungsmöglichkeit des Journalisten, eine Einladung anzunehmen oder nicht. Objektivität müsse trotz emotionaler Verbindungen an erster Stelle stehen, dann sei auch das Produkt am Ende gut.

Edith Kresta von der TAZ fand zum Schluss die einfachen, aber treffenden Sätze: „Es gibt gute Texte und schlechte Texte. Punkt. Auch der Reisejournalist muss in diesen harten Zeiten die Balance halten können, sonst wird sich der Reisejournalismus über kurz oder lang selbst abschaffen.“

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