Weltpoesie – Frankfurter Lyriktage 2009: international herrscht „natur, lyrisch“

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Interessante Ecke also, in dem das Institut Cervantes zu Hause ist und seit der Eröffnung im Oktober des vorigen Jahres ein reichhaltiges Programm bietet, über das wir schon mehrfach berichteten. Diesmal nun fand hier die Eröffnung der vom 3. bis 6. Juni dauernden Frankfurter Lyriktage statt, die vor zwei Jahres vom Kulturamt begründet wurden und nun 2009 sich international ausrichteten, wozu das Institut wie auch das Holzhausensschlösschen, das Museum Giersch und die Evangelische Stadtakademie ihren Beitrag leisteten. Die Begrüßung sprach Ignacio Olmos, Hausherr, der auf die Tradition des Hauses verwies – tatsächlich kann das nur ein Frankfurter begreifen, der in den Fünfziger Jahren hier den ersten Jazz, die ersten intellektuellen Gespräche, die ersten amerikanischen Dichterlesungen erlebte und den Rock n’ Roll dazu – und auch darauf, daß die spanische Sprache zu pflegen und in die Welt zu tragen eben auch Mittelamerika und Südamerika einschließe, was noch am Abend bewiesen wurde.

Der Frankfurter Kulturdezernent Felix Semmelroth hielt die Eröffnungsrede und verwies auf den Quantensprung, der nunmehr eingetreten sei, indem die Lyriktage gleich einen „so prominent besetzten Abend der Weltpoesie einläuten“ können. Zur Internationalität der Stadt paßt das gut, gibt es doch in Deutschland keine andere, in der der Ausländeranteil so hoch, aber gleichzeitig auch der Anteil der hochqualifizierten Weltbürger so steil verläuft. Semmelroth würdigte den vor drei Jahren verstorbenen Dichter Oskar Pastior, der die Lesung der Gedichte, also die menschliche Stimme ’als den eigentlichen Textgenerator des Gedichts’ bezeichnet hatte. „Die Stimme ist gewissermaßen das Instrument des Dichters und sie ist ein Schlüssel zu einem Verständnis mit allen Sinnen”¦Und darin mag auch der Grund für die Magie liegen, die Lyrik im Vortrag entfaltet.“, so Semmelroth.

Gerade angesichts der neuen Technologie des elektronischen Lesens im Kleinformat in der Westen- oder Damenhandtasche, überall verfügbar und auf Dauer billig dazu, hat die öffentliche Lesung durch Autoren oder Sprecher eine weitere Funktion der Originalität bekommen. „Weltpoesie“ ist dabei ein weites Wort, denn solange Gott sei Dank weder Esperanto noch Englisch die allein seligmachende Sprache der Welt ist, muß man entweder all die Sprachen erlernen, was bei der Kooperation von vier ausländischen Kulturinstituten, dem spanischen, italienischen, französischen und amerikanischen für diese Veranstaltungen nicht möglich ist, oder sich mit Übersetzungen begnügen. Deshalb kündigte Stadtrat Semmelroth an: „Doch wir wollen Sie bei den so herausragenden Dichterinnen und Dichtern aus Frankreich, Italien, Südamerika und Deutschland nicht allein der ’Fülle des Wohllauts’ überlassen, sondern Sie auch die semantische Ebene, das Text- und Sinngewebe und seine vielfältigen und hochreflektierten Beziehungen zur und in die Natur, entdecken lassen“.

So konnten sowohl der Dichter Juan Gelman aus Mexico Ciudad, geboren ist er in Argentinien, wie auch  Harald Hartung aus Berlin in ihrer Muttersprache vortragen und trotzdem verstanden es alle. Acuh Valerio Magrelli und Paola Barbon, Ann Lauterbach und Matthias Göritz, Jean Daive und Silke Scheuermann kamen zu Wort. Und der Empfang nach 23 Uhr zeigte, daß die Lesungen angekommen waren.

Analytisch ging Klaus Reichert im Museum Giersch tags darauf seinen Vortrag „An die Natur“ an. Er selbst nannte ihn eine tour d’horizon durch die Geschichte der Naturlyrik und setzte am anderen Ufer fort, was er vor zwei Jahren zur Geschichte der Liebeslyrik  angefangen hatte. Denn Liebe, die wurde schon immer in Gedichten besungen, aber die Natur? Doch, einzelne Rufe gab es schon in der Antike, aber insgesamt ist die Naturlyrik ein junges Genre, denn bis zur Romantik wurde die Natur doch eher als das gesehen, was sie ist: Natur: Wälder, Wiesen, Felder, Blumen und erfuhr im Barock eine metaphorische Bedeutung als die gebändigte Natur, die für den Menschen gezüchtigt wird.

„Unter dem Vogelgefieder der Nacht“ brachte dann im Holzhausenschlößchen am Freitag eine Lyriklesung von Studierenden der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität, in der klassische und moderne Naturgedichte in einen Tages- und Jahreszyklus eingebettet wurden. Am Samstag gab es von 18 Uhr bis Mitternacht eine lange Nacht der Naturpoesie „natur. lyrisch“ im Römer 9, wo die Evangelische Stadtakademie Frankfurt zu Hause ist. Da kamen jeweils mehrere Lyriker zu Wort, wobei die deutliche Abgrenzung zwischen Dichter und Schriftsteller sowieso nicht zu leisten ist, wir aber bei Gedichten doch lieber vom Dichter, denn Autor sprechen. In vier Durchgängen gab es also zum Abschluß die lebenden Dichter mit ihrer in unserer Zeit geschaffenen Poesie, die so unterschiedlich ist wie die Welt different.

www.kultur.frankfurt.de

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