„Was schenke ich meinem Pferd zu Weihnachten? – Die Freiheit!“ – Eine Empfehlung von Maksida Vogt

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Maksida Vogt mit ihrer Stute Donna.
Maksida Vogt mit ihrer Stute Donna, Bayerisches Warmblut, ehemaliges Dressurpferd, von der Hufrehe geheilt, 2018 Bosca. © 2018, Foto/BU: Maksida Vogt

Frankfurt am Main, Deutschland (Weltexpress). In Zeiten, wo durch die klimabedingte Dürre das Heu für die Pferde auf vielen Reiterhöfen knapp wird, ist der Weihnachtstisch der Pferde wieder reichlich gedeckt mit unnützen Geschenken, von Leckerlis bis zu Winterdecken, die das Immunsystem des Pferdes bekanntlich schwächen, weil das natürliche Thermoreguliersystem des Pferdes außer Kraft gesetzt wird. Ein Ballen Heu,der normal 25 bis 30 Euro kostet, wird bereits im Norden der Republik mit 100 Euro angeboten. Was kann man in dieser Situation seinem Pferd noch schenken außer einem Ballen Heu, duftend nach wohlriechenden Kräutern?

Prolog von Bernd Paschel

In meiner Arbeit als Sportdozent sind mir in meinen Reitkursen viele ReiterInnen begegnet, die das Reiten im Verein aufgegeben hatten, weil sie nach eigenem Bekunden einerseits mit dem „Zickenkrieg“ im Reitstall nicht zurecht kamen oder/und als Kinder spürten, dass sie dem Pferd Schmerzen zufügen sollten, wenn sich zum Beispiel das Pony gegen das Gebiss beim Einführen ins Maul wehrte. Vergleichbares beschreibt Larissa Hartkopf in ihrem Buch Was sie über Reitpferde und Turniersport wissen sollten“.

Noch heute ist diese Art der Pädagogik im Reitsport sehr verbreitet, eine Pädagogik, die ich selbst als Kind der Kriegsgeneration erlebt habe:

Wenn du nicht gehorchst, wirst Du mit Strafe gefügig gemacht!

Alexander Nevzorov (Pferdemensch aus Russland), Stormy May (Pferdemensch aus USA), Maksida Vogt (Pferdemensch aus Europa) und andere ehemaliger Vertreter einer sportlichen Reitweise haben den Schritt getan, vom Pferd abzusteigen und trotzdem noch mit Pferden zu kommunizieren, jeder auf individuell unterschiedliche Weise.

Als junger Sportstudent im Modernen Fünfkampf, wo immerhin ein M-Parcour zu bewältigen ist, wurde ich nachdenklich, damals noch relativ hilflos, da ich keine Alternativen kannte.  Als Horst Stern Anfang der 70-ger und Joseph Neckermann erbittert im Fernsehen stritten über die Gewalt im Reitsport, war ich noch eher auf der Seite von Joseph Neckermann, da ich auch glaubte, dass das klassische Dressurreiten im Interesse der Gesundheit des Pferdes geschieht.

Dieser Mythos ist mittlerweile entlarvt. Damals unterdrückte ich beim Anblick von Ahlerich und Halla ein paar Tränen, wenn ich sie auf Reitturnieren Live erlebte. Ich wusste nicht „Warum“.  – Jetzt weiß ich es:

Ein Gefühl als Sportler sagte mir, dass ich selbst in meinem Sport diese Gewalt nicht akzeptieren würde, die man dem Pferd zumutet

Als Mittelstreckenläufer, Fünfkämpfer, Fechter und Radrennfahrer habe ich über 30 Jahre Leistungssport betrieben. In keiner dieser Sportarten hätte ich eine Eisenstange, geschweige denn Kandare, im Maul oder Eisen an den Sportschuhen ertragen. Selbst die damaligen Fußballschuhe waren mir ein Graus als Läufer. Bei den Fußballschuhen hat eine Weiterentwicklung zum Nutzen des Sportlers stattgefunden.

Beim Reiten hat sich im Wesentlichen für den „Sportler“ Pferd seit 1970 nichts verändert, eher verschlechtert!

Erst mit Monty Roberts (Ende der 90-er) ergab sich für mich die Möglichkeit, Pferde und Reiten noch einmal mit anderen Augen zu sehen. Andere Horsemen folgten, die das Konzept des natürlichen Umgangs mit Pferden weiterentwickelt haben.

Gleichzeitig hat die Verhaltensforschung der letzten Jahre herausgefunden, dass alle Säugetiere, einschließlich des Menschen, im Gehirn gleich strukturiert sind und Gefühle wie Schmerz, Trauer, Freude u. a. kennen.

Wie man in den Kopf eines Menschen nicht hineinsehen kann, so bleibt natürlich auch bei Tieren offen, wie genau diese Gefühle individuell erlebt werden. Ganz deutlich wird beim Pferd, dass es sehr kooperationsbereit ist.

Der Mensch hat anders als das Pferd vom Flucht- und Raubtier Anteile und lebt nicht selten beim Reiten seine dunkle Seite aus, die man in den Erziehungswissenschaften „Schwarze Pädagogik“ nennt. Oft sind Menschen, die unter der schwarzen Pädagogik Misshandlung und Missbrauch selbst erlebt haben, diejenigen, die diese später weitergeben an ihre Kinder oder Ersatzkinder – die Pferde.

Maksida Vogt mit ihren Stuten Donna (Bayerisches Warmblut) und Hera (Isländer). 2018 Bosca, BU und © Maksida Vogt

Maksida Vogt

Dieser Titel „Was schenke ich meinem Pferd zu Weihnachten? – Die Freiheit!“ als Vorlage für den Artikel hat mich sofort angesprochen. Freiheit … nichts wünsche ich mir mehr für die Pferde aber auch für die Menschen. Unausweichlich sind sie miteinander verbunden. Das Unglaubliche was jeder von uns erlebt, der einen anderen, gewaltfreien Weg mit seinen Pferden wählt – ist genau das. Die Befreiung.

Diese Befreiung bewegt ungeahntes Potential in einem, man fängt mit dem Pferd an, aber am Ende befreit man sich in so vielen Bereichen. Auf einmal zeigt das Pferd einem eine komplett andere Welt – weit weg von jeglichem Druck, Leistung, Konkurrenz, WettKAMPF, Ego, Kontrolle. Man wird vom Pferd in eine Welt voller Vertrauen, inneren Sicherheit, einer tiefen Verbindung zu Natur, Schönheit und Liebe geführt. Auf einmal ist alles anders. Man fragt sich – wie so konnte ich es nicht früher sehen?

Diesen Prozess bin ich mit meinem Pferd gegangen und es hat mein Leben verändert. Nie wieder möchte ich zurück in die gewöhnliche Reiterwelt. Ich habe es bei so vielen Pferden erlebt, etliche davon auf meinem Hof wo sie einfach Pferd sein durften. Ihre Verwandlung konnte ich hautnah beobachten und fühlen. Von einem Zustand in dem sie sich aufgegeben haben, in dem das Lebendige in ihren Augen erloschen war und sie nur noch gelernt haben so zu funktionieren, wie die Reiter es von ihnen verlangt haben – über einen Zustand in dem sie langsam wieder zum Leben erwachen, in dem sie wieder langsam Pferd werden, in dem ihre Instinkte wieder erwachen – bis zu dem Zustand in dem wieder das Feuer in ihren Augen brennt, in dem sie anfangen zu tanzen, zu leben. Mächtig und stark und schnell – FREI! Alles das, was wir an den Pferden lieben und bewundern.

Also was kann ich meinem Pferd schenken, wenn ich bisher nur die übliche Reitszene kenne? Was kann ich ihm schenken, was ihm niemand sonst schenken kann? Was kann ich ihm schenken, was sein Leben so viel zum Besseren ändern und gleichzeitig mich zu einem besseren Menschen machen würde? Weil ich dann erleben werde, was es bedeutet ein Tier so anzunehmen, wie es wirklich ist, es vielleicht zum ersten Mal überhaupt ohne Erwartungen anzusehen? Es kennenzulernen und damit gleichzeitig mich selbst kennenzulernen. Auch mich selbst besser zu verstehen. Mein Pferd bedingungslos zu lieben und daraus zu lernen auch mich selbst bedingungslos zu lieben?

Die Freiheit!

Freiheit eines freien Willens. Wenn mein Pferd zu nichts mehr gezwungen wird. Wenn ich alle Mittel der Kontrolle (Gebiss, Sporen, Hebelzäumung, Peitsche) nicht mehr an meinem Pferd benutzen werde. Ich werde mein Pferd fragen worauf es Lust hat. Will es überhaupt mit mir zusammen sein? Will es freiwillig die Herde verlassen um mit mir irgendwo zu gehen? Mag mein Pferd mich überhaupt? Oder habe ich die Liebe mit der Kontrolle verwechselt.

Ich schenke meinem Pferd die Freiheit der Wahl und finde es einfach heraus.

Weiterführende Informationenhttp://www.academialiberti.de/de/

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