Warum der Westen einen Atomkrieg nur verlieren könnte

Pershing II stehen für den Start in der McGregor Range bereit (Fort Bliss, Texas, VSA, 12.1.1987. Archivbild). Frank Trevino; Department of Defense. American Forces Information Service. Defense Visual Information Center. - National Archives at College Park; https://research.archives.gov/description/6424504 Gemeinfrei. Quelle: Wikipedia

Berlin, Deutschland (Weltexpress). Wie die Provokationen der letzten Zeit zeigen, scheint man im Westen mittlerweile davon auszugehen, ein Atomkrieg wäre doch nicht so schlimm, selbst wenn die Russen nicht bluffen. Diese Sicht könnte aber auf völlig falschen Voraussetzungen beruhen.

Es gibt eine ganze Reihe von Konzepten und Theorien rund um nukleare Kriege; bei den meisten, vor allem bei den Vorstellungen, die mit der „gegenseitig zugesicherten Zerstörung“, auch unter dem Kürzel MAD („mutually assured destruction“) bekannt, verbunden sind, hat man zumindest bei den Politikern des Westens den Eindruck, dass sie das alles längst vergessen haben.

Denn die Wahrnehmung, dass ein atomarer Angriff der einen Seite unentrinnbar einen Gegenschlag der anderen auslöse und damit am Ende beide Gegner weitgehend zerstört sind, stand einmal am Anfang der Atomwaffenkontrolle und der Abrüstungsverhandlungen, mit denen dann versucht wurde, ein einigermaßen stabiles Gleichgewicht herzustellen, das zumindest die Schranken für einen Einsatz dieser Waffen deutlich heraufsetzte. Diese ganzen Fragen sind natürlich auch heute nicht verschwunden, im Gegenteil; die vom Westen angestrebte NATO-Mitgliedschaft der Ukraine erzeugt starke Reminiszenzen an die Kuba-Krise. Aber das ist nicht der Punkt, um den es mir gerade geht.

Vor und neben all diesen Vorstellungen vom Gleichgewicht des Schreckens gibt es noch ganz andere Überlegungen, die unter anderem die Auswahl der Angriffsziele bestimmen. Dabei geht es um die Frage, was nach einem nuklearen Konflikt von der eigenen Seite übrig bleiben könnte, und in welchem Zustand. Man darf sich das keinesfalls als irgendwelche abseitigen, völlig abgekoppelten Gedankenspiele vorstellen. Im Gegenteil; genau solche Überlegungen waren nachweislich in den Vereinigten Staaten absolut zentral, wenn es um nukleare Planungen ging.

Über eines der Produkte dieser Planungen wird gerade eben dieser Text verbreitet, denn das Internet wurde einmal als Kommunikationsnetz entwickelt, das einen Atomangriff überstehen kann. Und es ist ebenfalls ein gutes Beispiel dafür, wie und warum in der heutigen Gegenwart einige entscheidende Fehler passieren könnten. Aber dazu später.

Wenn man die Dokumente liest, die sich unter dem Stichwort SIOP finden lassen (das heißt „einzelner integrierter Operationsplan“ und bezeichnete die US-Atomkriegspläne von 1961 bis 2003), dann kann man, obwohl nach wie vor viele Details in diesen Dokumenten geschwärzt sind, ungefähr erkennen, welchen Vorstellungen sie folgten. Und was nach diesen Vorstellungen als Sieg definiert wird. Hier ein Zitat aus dem SIOP von 1962:

„Als Beispiel, wenn die USA 20 Prozent ihrer industriellen Kapazität verloren haben und 30 Prozent ihrer Bevölkerung, der sino-sowjetische Block aber 40 Prozent seiner industriellen Kapazität und 60 Prozent seiner Menschen verloren hat, dann haben die USA, auf die eine oder andere Weise, den Krieg gewonnen.

Sprich, alle Überlegungen, insbesondere die Auswahl der Ziele, folgen der Vorstellung, für eine gedachte Zeit danach die günstigste Ausgangssituation zu schaffen. Weil es letztlich derjenige sei, der zuerst wieder den Status einer hochentwickelten industriellen Gesellschaft erreichen könne, der dann gewonnen hätte.

Etwas direkter formulierte das SIOP4 von 1969: „Das fundamentale Konzept, das dem Leitfaden zugrunde liegt, ist, die Macht der USA zu maximieren, eine strategische Überlegenheit anzustreben und zu erhalten, die zu einer frühen Beendigung des Krieges zu Bedingungen führt, die für die USA und unsere Verbündeten günstig sind.“

Wie gesagt, wir reden hier von den Kriterien, anhand derer Ziellisten erstellt werden. Und die natürlich auch andere Überlegungen auslösen, die dann eben beispielsweise zur Entwicklung des Internets führten, das deshalb ein besonders resistentes Kommunikationsnetz ist, weil es keine Verbindung von A nach B gibt, sondern in diesem Netz diese Verbindung über beliebig viele, jeweils unterschiedliche Netzknoten hergestellt wird, wodurch der Ausfall einer größeren Zahl dieser Knoten jederzeit kompensiert werden kann.

Ein Dokument von 1991 erläutert, welche Ziele damals ins Auge gefasst wurden. Dabei gab es vier Kategorien: die nuklearen Streitkräfte, die politische und militärische Führung, andere militärische Kräfte und zuletzt die kriegsunterstützenden industriellen und Wirtschaftsfaktoren. Da finden sich nicht nur Rüstungsproduktion, Raffinerien und Eisenbahninfrastruktur, sondern auch Kohle, Stahl, Aluminium und Stromerzeugung.

Es gibt eine Webseite, auf der man eine bildliche Darstellung einer der frühen Ziellisten von 1956 sehen kann, und man wird mit Verblüffung feststellen, dass damals die überwiegende Mehrzahl der Raketen gar nicht auf die Sowjetunion gerichtet war, sondern auf Ost- und Mitteleuropa. Natürlich sehen heutige Ziellisten anders aus, und sie sind geheim; aber es gibt sie nach wie vor.

Die Frage ist nun, wenn man schon den deutlichen Eindruck gewinnt, dass sich die heutigen westlichen Politiker und Militärs an das kleine Problem der zugesicherten gegenseitigen Zerstörung nicht mehr zu erinnern scheinen, welchen Kriterien folgen sie dann in Bezug auf die Zielauswahl, und auf welcher Grundlage entwickeln sie dann ihre Vorstellung eines möglichen Sieges?

Zugegeben, es klingt erst einmal völlig bizarr, sich überhaupt solche Gedanken zu machen. Und die Gedankenwelt, der solche Ziellisten entspringen, ist nichts, in das man sich gerne hineinbegeben würde. Allerdings – wenn schon die Wahrnehmung für MAD geschwunden scheint, dann sind es letztlich die Erwartungen, was von der eigenen Seite nach einem Atomkrieg übrig bleibt, die Entscheidungen zugrunde liegen.

Auf wie gefährliche Weise diese Erwartungen von der Wirklichkeit abweichen könnten, lässt sich anhand zweier einzelner Fälle erahnen. Der Erste ist das Internet. Aus dem ursprünglich einmal vom US-Militär entwickelten Netz entwickelte sich eine Kommunikationsstruktur, die um viele Zehnerpotenzen größer ist, als das vor vielen Jahren einmal gedacht wurde, und die sich zu einem Geschäftsfeld unter Kontrolle sowohl gigantischer Konzerne als auch anderer staatlicher Behörden vieler Länder entwickelt hat. Was letztlich dazu führt, dass genau die dezentrale Struktur, die die Voraussetzung für die Widerstandskraft dieses Netzes war, immer mehr in Frage gestellt wird.

Musterbeispiel dafür ist der Frankfurter Netzknoten, über den ein Großteil der Verbindungen aus Europa in den Rest der Welt verläuft (unter der stets eifrigen Überwachung durch den BND). Allein die Existenz solcher dominanten Verbindungspunkte widerspricht der Resilienz; von Monopolen wie Google ganz zu schweigen, die zwar auf der einen Seite eine fast unerschöpfliche Datenquelle zur Überwachung liefern und sicher auch die eine oder andere Möglichkeit, ganze Teile dieser Struktur auf Kommando abzuschalten, aber eben dennoch mit ihren gigantischen Serverfarmen auch ganz neue verwundbare Punkte schaffen.

Je weiter die Abläufe in der Gesellschaft digitalisiert sind, desto empfindlicher ist die Reaktion auf ein Fehlen dieser digitalen Möglichkeiten. Aber genau dieses Fehlen ist die unvermeidbare Folge eines Atomkriegs zwischen zwei Großmächten. Selbst, wenn die digitale Infrastruktur nicht direkt Ziel sein sollte, ist da immer noch die unverzichtbare Stromversorgung, und da ist noch etwas weit Wirkungsvolleres – die elektromagnetische Abstrahlung, die bei der Zündung nuklearer Sprengköpfe entsteht. Und nicht vergessen – in der heutigen Welt existiert auch der größte Teil des Geldes nur in Gestalt von Einsen und Nullen auf irgendwelchen Rechnern.

Die Probleme, die die Corona-Maßnahmen in den verschiedensten Lieferketten geschaffen haben, haben eigentlich gezeigt, dass ein plötzliches Auseinanderbrechen von Lieferrouten unzählige unvorhergesehene Auswirkungen haben kann. Wobei nicht nur die weltweite Verteilung von Produktionsschritten Löcher reißen kann, sondern auch das in den letzten Jahrzehnten im Westen fast universell durchgesetzte Prinzip von „Just in time“. Sprich, die weitgehende Abschaffung von Lagerhaltung. Dadurch verschwand auch jede Pufferung von Ausfällen, und nicht nur in der Produktion, sondern auch in der Versorgung. Richtig, bei der Versorgung der Bevölkerung mit Lebensmitteln. Selbst die Auslieferungslager der Supermarktketten bevorraten nur den Warenbedarf für zwei Tage.

Aber nun zum zweiten Fall. Den liefern uns die Sanktionen gegen Russland, vielmehr, die wahrhaft erschütternde Fehlkalkulation, die der Westen dabei geliefert hat. Denn hier reden wir von der industriellen Basis, sprich, von dem, was auf den Ziellisten unter Punkt 4, den kriegsunterstützenden industriellen und Wirtschaftsfaktoren, auftaucht. Diese Fehlkalkulation betraf nicht nur eine Seite der Gleichung, es wurde nicht nur die industrielle Kapazität und vor allem Anpassungsfähigkeit Russlands gewaltig unterschätzt, es wurden gleichermaßen Kapazität und Anpassungsfähigkeit im Westen überschätzt.

Derartige Probleme entstehen immer wieder, beispielsweise bereits bei den Sanktionen gegen Venezuela. Man meinte, das venezolanische Öl mal eben sanktionieren zu können, stellte dann aber verblüfft fest, dass man Raffinerien nicht einfach mit einem völlig anderen Öl betreiben kann, und musste letztlich auf russisches Öl zurückgreifen, das dem venezolanischen ähnlich genug ist, dass damit die Benzinversorgung der USA gesichert werden konnte. Weshalb es natürlich, da man mittlerweile das russische Öl sanktioniert hat, wieder venezolanisches braucht… Was aber wiederum gleichzeitig bedeutet, dass eine atomare Auseinandersetzung schon allein dadurch die gesamte Infrastruktur der USA zum Stillstand bringen würde, weil es eben kein Benzin mehr gibt.

Und da ist jetzt die klitzekleine Falle, die sich angesichts des ersten Zitats oben bezüglich der Verlustraten der Industrie ergibt. Jede Projektion einer gesellschaftlichen Wiederauferstehung nach einem Atomkrieg (wie gesagt, das und nichts anderes ist die Grundlage der Ziellisten) setzt voraus, dass ein notwendiges Minimum an industrieller Struktur erhalten bleibt. Und nicht nur Struktur, auch Personal, und damit das erforderliche Wissen.

Damit kommen wir zu den Problemen, die die USA bei der Erweiterung der Granatenproduktion haben, wo vielfach Arbeiter aus der Rente geholt werden mussten, um überhaupt etwas zu ermöglichen. Das ist nur ein Symptom für ein viel weiter verbreitetes Problem, das, wenn auch in anderer Zusammensetzung, auch für Westeuropa gelten würde. Dass die kleine Landwirtschaft immer weiter zurückgedrängt wird, hat in diesem Zusammenhang ebenfalls gravierende Konsequenzen. Weil da nichts mehr ist, auf das die verbliebene Bevölkerung zu ihrer eigenen Erhaltung zurückgreifen könnte, und auch die erforderlichen Kenntnisse wesentlich seltener geworden sind.

Sprich, die Mischung aus Deindustrialisierung und Monopolisierung der Landwirtschaft schafft Voraussetzungen, unter denen die alte Vorstellung, mit etwas weniger anteiligen Verlusten der Sieger zu sein, völlig obsolet wird. Wenn man noch dazu nimmt, dass die westlichen Gesellschaften auch dank ihrer extremen Spaltung in Arm und Reich und den Schäden, die die neoliberale Politik der letzten Jahrzehnte ohnehin angerichtet hat, schon ohne jede äußere Einwirkung auf einen Kollaps zusteuern, wird ziemlich klar – egal, welche Berechnungen angestellt werden, am Ende bleibt etwas übrig, was Jahrhunderte zurück zu einer hochentwickelten industriellen Gesellschaft bräuchte, sofern das überhaupt gelingt.

Nichts am Verhalten der westlichen Politeliten lässt erkennen, dass sie dies überhaupt wahrnehmen. Dass, ganz unabhängig von der Zahl verfügbarer Sprengköpfe, der Möglichkeiten, Raketen abzufangen oder sich durch einen Erstschlag Vorteile zu verschaffen, das Ergebnis aus ganz anderen Gründen nicht dem ähneln würde, was damals als Sieg definiert wurde. Es wäre in so gut wie jeder Variante eine vollständige Niederlage, weil die ökonomischen Voraussetzungen für einen Sieg nicht mehr gegeben sind.

Was eigentlich bei rationalen Akteuren selbst bei völligem Unverständnis für MAD dazu führen müsste, alles zu tun, um eine Entwicklung hin zu einer nuklearen Eskalation zu vermeiden. Leider geschieht das Gegenteil, weil sie auch in diesem Kontext die konkrete, materielle Wirklichkeit und ihre Zusammenhänge nicht besser wahrnehmen, als sie dies bei der Verhängung der Sanktionen taten.

Anmerkung:

Vorstehender Beitrag von Dagmar Henn mit dem Titel „Warum der Westen einen Atomkrieg nur verlieren könnte“ wurde am 8.6.2024 in „RT DE“ erstveröffentlicht. Die Seiten von „RT“ sind über den Tor-Browser zu empfangen.

Siehe auch die Beiträge

im WELTEXPRESS.

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