Wann ist die organisierte Kunstpause zu Ende? – Die Deutsche Orchestervereinigung hat den Musikern in der Pandemie geholfen. Nun verlangt sie die Rückkehr in die Konzertsäle

Ein Blick in den großen Konzertsaal der Elbphilharmonie in Hamburg. Quelle: Pixabay, Foto: Andi Graf

Berlin, Deutschland (Weltexpress). Seit einem Jahr grassiert die Pandemie, niemand blieb von den Folgen verschont. Betriebsschließungen und Kurzarbeit wurden notwendig. In ihrer Jahresmedienkonferenz am 2. Februar berichtete der Geschäftsführer der Deutschen Orchestervereinigung (DOV), Gerald Mertens, wie es die DOV gemeinsam mit dem Deutschen Bühnenverein geschafft hat, mit den 129 öffentlich geförderten Orchestern und ihren 9.700 Musikern den Schwenk in die Zwangspause und in die Kurzarbeit zu vollziehen. Ausgenommen waren die elf Rundfunkorchester, die die laufende Produktion sichern müssen. Nicht in Kurzarbeit sind Spitzenorchester wie die Berliner Philharmoniker oder die Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz, die »sich unternehmerisch dafür entschieden, überwiegend Onlineformate weiter zu produzieren». Über die Konditionen des Konzerthausorchesters Berlin wird zur Zeit verhandelt. Es fällt allerdings auf, dass acht von den neun, gute Unternehmer, in den Altbundesländern liegen.

109 Berufsorchester gingen in Kurzarbeit – rund 85 Prozent. Die öffentlichen Arbeitgeber gewährten gute Bedingungen. Durch einen gesonderten Tarifvertrag erhalten die Musiker, so wie die Beschäftigten im öffentlichen Dienst, 95 bis 100 Prozent ihres Nettomonatsgehalts. Orchester, deren Haustarifverträge unter dem Flächentarif liegen, erhalten für den Fehlbetrag 100 Prozent. Erfreulich ist, dass dem Kurzarbeitergeld die volle Tariferhöhung wie im öffentlichen Dienst ab 1. April 2020 zugrundegelegt wird. Das muss vermerkt werden, weil der Deutsche Bühnenverein beim Abschluss des neuen Tarifvertrags 2012 die Musiker mit einem bürokratischen Trick um 19 Millionen Euro betrog.

Die Festangestellten sind abgesichert. Hingegen ist die Lage der 54.000 freiberuflichen Musiker katastrophal. Ohne Proben und Konzerte verdienen sie nichts, auch nicht mit Musikunterricht, bei Kontaktverbot. Die DOV organisierte Solidarität über die gemeinnützige Orchesterstiftung, in die viele Festangestellte und Orchesterkollektive Spenden einzahlten. Es kamen 4,2 Millionen Euro zusammen, von denen an 3.300 Betroffene als Soforthilfe 600 Euro ausgezahlt wurden, insgesamt mehr als zwei Millionen. Ab Februar können 1.000 Stipendien von einmalig 2.000 Euro bewilligt werden. Das genügt nicht, schon gar nicht als Dauerlösung. Die DOV fordert vom Staat, die Arbeitslosenversicherung für Selbständige zu verbessern. Die Künstlersozialkasse soll höhere Nebenverdienste als beim Minijob anerkennen, ohne dass die Künstler den Künstlerstatus und die Altersversorgung verlieren.

Orchesterfinanzierung in Zukunft

Wie steht es mit der Orchesterfinanzierung in Zukunft? Die Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) hat für 2021 einen Neustart der Kultur verkündet. Die Belastung durch die Pandemie jedoch verleitet die Kommunen zum Sparkurs. Erfahrungsgemäß greifen sie den Kulturetat an. In München wurde der Kulturetat bereits um sechs Prozent gekürzt, in Jena werdn Kürzungen geplant. In Nürnberg wurde der Neubau des Konzerthauses abgesagt. Dem muss die Bundesregierung gegensteuern, fordert Mertens. Her müsse ein Programm zur Stützung kommunaler Kulturhaushalte – unter der Bedingung, dass die Kommunen selbst keine Kürzungen beschließen. Die Existenz von Theatern, Orchestern, Museen und Bibliotheken machen eine Stadt lebenswert.

Gibt es Pläne, weitere Orchester zu schließen? Das sieht Mertens nicht. Vielfach sind die Orchester »ausfusioniert», allein in Thüringen vier: Gera-Altenburg, Rudolstadt-Saalfeld, Gotha-Eisenach, Greiz-Reichenbach. Das wurde vollendet von der von der Linken geführten Regierung und ihrem Minister Benjamin Hoff. Doch Vorsicht: auch »Erfurt-Weimar» wurde bereits diskutiert.

Spätfolgen

Bei der ersten Spielpause im März vergangenen Jahres sah alles noch harmlos aus. »Endlich haben wir mal Zeit zum Üben», sagten Musiker. Jetzt nervt es. Das Verstörende ist nicht die Breite der Unterbrechung der Konzerte und Vorstellungen. Da gab es kaum Konkurrenzvorteile. Das Zermürbende ist die lange Dauer. Es fehlt nicht nur das Ensemblespiel mit der Nähe zueinander, sondern eben auch die schöpferische Erneuerung. Das meint die Besetzung freier Stellen, die Verjüngung, der Eintritt neuer Talente, die Kraft mitbringen. Es fehlen die Probespiele, das Hören und Unterscheiden, es verlängern sich die Probezeiten, doch ohne Möglichkeiten zur Erprobung des eigenen Könnens. Die 42 Orchesterakademien stagnieren, die eben eine hochqualifizierte Ausbildung neuer Orchestermitglieder leisten sollen. Es gibt einen Stau an Absolventen der Musikhochschulen, allerdings nicht erst seit der Pandemie.

Wenn Mertens meint, man solle trotzdem alle Musik studieren lassen, die dazu Lust haben, bedeutet das viel vergeudete Arbeit und vor allem Enttäuschungen. In der DDR wurden die Studienplätze nach Bedarf geplant. Das setzte Grenzen, doch nicht zum Schaden derer, die nach dem Studium ihren Platz fanden. Was wäre da falsch? Unbesehen der »politischen» Frage werden die Orchester ihre Talente hegen und pflegen.

Differenzierte Öffnungsperspektiven

Wann kommt die Rückkehr zum normalen Spielbetrieb? Eine zentrale Freigabe hält die DOV nicht für sinnvoll. Sie bevorzugt die örtlich und zeitlich differenzierte Wiederaufnahme des Betriebs je nach Inzidenzwert. Man solle bei der Kennziffer 50 je 100.000 Einwohner bleiben – mit Blick auf Vorschläge für einen Schwellenwert von 35 Infektionen. Ein »kraftvoller Neustart», auf den die DOV hofft, ist da weniger wichtig als die Wiederbelebung des städtischen Lebens im kleinen. Die Gefahr, dass es zu verkappten Schließungen oder Abwicklungen von Orchestern kommt, sieht Mertens nicht.

Wo immer man jetzt Koonzerte hören und sehen kann, stellt man fest, dass alle Musiker die Hygieneregeln sehr verantwortungsbewusst befolgen, ob in Berlin, Venedig oder Zürich. Man sieht es ihnen an – sie wollen endlich wieder spielen, und sie können und wollen es unter allen Umständen.