Tom Hanks und die Vatikankiller – Ron Howard verschwört sich mit Dan Brown für “Illuminati”

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Filmszene

Wie geht ein Geheimbund vor, der im Zeitalter der Mediendominanz einen fatalen Anschlag auf den Vatikan plant? Er sendet pünktlich ein Ankündigungsfax an die oberste Stelle. “Illuminati” steht in Großbuchstaben drauf. Dieser in den Jahrhunderten nach der Renaissance von der Katholischen Kirche verfolgte Wissenschaftlerverband steckt hinter allem, schlussfolgert  Professor Robert Langdon (Tom Hanks) genialisch. Langdon ist Spezialist für Kunst und alte Schriften, nicht durch besondere Kenntnisse, sondern weil die anderen Protagonisten  an den simpelsten Rückschlüssen scheitern. Wer hat nur das fett mit “Illuminati” signierte Fax geschickt? Ja, wer eigentlich? Die Welt ist voll von falschen Bekennern, Panikmachern und Scherzkeksen. Langdons zwingende Annahme, eine jahrhundertealte Geheimorganisation sei urplötzlich wieder aktiv geworden, weil deren Name, zeitangepasst auf einem Fax steht, ist ziemlich weithergeholt. Damit passt sie perfekt in Browns/Howards abstruse Komplotthandlung. Die spielt nach dem Tod des amtierenden Papstes zur Zeit des Konklave. Getreu ihrem Namens wollen die “Illuminati” Erleuchtung über den fortschrittsfeindlichen Vatikan kommen lassen. Und zwar ein für allemal, mittels einer gigantischen Explosion. Als wäre dies nicht unglaubwürdig genug, ist die Bombe eine Konstruktion aus Antimaterie, frisch mitentwickelt von der italienischen Wissenschaftlerin Vittoria Vetra (Ayelet Zurer) im schweizerischen CERN. Mit ihr sucht Langdon im Vatikan nach vier entführten Kardinälen, welche als Preferiti die bei der Papstwahl Bevorzugten waren, also die Favoriten, welche von den Verschwörern nacheinander ermordet werden sollen. Zur Freude späterer Krimiautoren hatten die großen italienischen Künstler Statuen nur errichtet, um so geheime Fährten zu unterirdischen Verließen zu legen. Und eine Errungenschaft der Kultur der Renaissance, in ihren Gemälden durch Fingerzeige ein Verweissystem zu konstruieren, dass allein Anlass für ein bildimmanenten Erzählen war, worin Raffael Meister wurde. Folge dem Fingerzeig des in Stein gehauenen Engels. Beim Kindergeburtstag heißt das Schnitzeljagd.

Ob er etwas gegen die Katholische Kirche habe, wird Langdon nach seinem abschätzigen Kommentar über einen statuenverstümmelnden Papst gefragt. Nein, nur gegen Vandalismus. Stimmt, der ist furchtbar. Besonders wenn er filmisch, historisch und kunstgeschichtlich quasi als unheilige Dreifaltigkeit praktiziert wird. “Illuminati” strotz derart von Unlogik, dass der Film geradezu grotesk wirkt. Die entführten Kardinäle liegen mittelalterlich in carcere et vinculis, die Vatikanbibliothek hingegen ist durch hochtechnologische Sicherheitsvorkehrungen geschützt. Für Langdon und Vittoria nicht sicher genug. Aus einem kostbaren Kunstbuch reißt Vittoria mal eben eine Seite heraus, um das zuvor von Langdon mit Handschuh und Pinzette gehätschelte Dokument grob in die Tasche zu knüllen. Keine üble Metapher für die Respektlosigkeit, mit der Howard und Dan Brown zu Werk gehen. Auch eine schwachsinnige Sache kann enorm viele Anhänger finden. Für schlechte Filme und Bücher gilt das wie für die Katholische Kirche. Zumindest hier ist Browns und Ron Howards Verknüpfung der beiden kongenial. Dan Browns 2003 erschienener Roman “Der Da Vince Code” wurde zum Bestseller. Gefundenes Futter für Hollywoodregisseur Howard. Dessen Leinwandadaption  wurde zu einem der schlechtesten Filme des Jahres 2006 gewählt. Unglücklicherweise war es auch einer der einspielfreudigsten. So nimmt sich Howard munter des 2000 erschienen Vorgängers an. Wieder ermittelt Tom Hanks als Professor Langdon, wieder wird Kirchen- und Kunstgeschichte zum Verschwörungskrimi verfälscht. Bei soviel Gemeinsamkeiten glaubt man eher an einen Geheimbund hinter den Kulissen als davor.

Die an den Haaren herbeigezogene Handlung erweckt statt Spannung unfreiwillige Komik. “You can show how real cops act!“, ermutig Langdon die unfähigen Carabinieri. Ließe man doch nur die Amerikaner im Vatikan ran, dann würden sich die Illuminati nicht hinterm Kruzifix vortrauen. Ohne die Tollpatschigkeit Langdons und seiner Helfer würde den Verschwörer ihre umständliche Ermordungsserie kaum gelingen. Ein über Flammen aufgehängtes Opfer lässt Langdon ungeschickt ins Feuer fallen und widmet sich dann einer Schießerei, während der Gottesmann im wahrsten Sinne schmoren darf. Drehbuchautor David Koepp erspart dem Publikum einige von Browns bizarrsten Ideen, wie ein durch künstliche Befruchtung gezeugtes Papstkind. So erscheinen allerdings bedeutende Handlungen der Charaktere unmotiviert. Das Ganze ließe sich als belangloses Popcornkino abtun, wäre nicht die unverschämte Arroganz. “Ihr Typen lest nicht mal eure eigenen Geschichte, oder?”, fragt Langdon, der so amerikanisch ist, dass er eine Mickey-Maus-Armbanduhr trägt, die Italiener. Die folgende Geschichtsbelehrung Langdons dient jedoch hauptsächlich dazu, die amerikanischen Zuschauer über die historischen Hintergründe zu informieren. Den für ihre Unkorrektheit berüchtigten Büchern Browns steht “Illuminati” dabei kaum nach. Da können in der überzogenen Inszenierung noch so hochtrabend Weihrauchgefäße geschwenkt und Siegel in Zeitlupe gebrochen werden: “Illuminati” bleibt eine unselige Blamage. Insbesondere für die Nebendarsteller: Ewan McGregor, Nikolaj Lie Kaas als Attentäter und Armin Müller-Stahl verdienen bessere Rollen. Wer hofft, dass Brown nun alle Geheimbünde durchgeleiert hat, vergisst die Freimaurer. Denen soll Langdon im nächsten Roman nachjagen. Ob in der Verfilmung wieder Ron Howard und Tom Hanks als Langdon dabei sind? Die reinste Verschwörung!

Wer allerdings über der Sache steht, und sich nicht dem Krimi widmet, sondern den Film als reine Bilderschau betrachtet, der kommt voll auf seine Kosten. Endlich einmal werden Kunstwerke der Renaissance und des Barock von Rom auf der ganzen Leinwand sichtbar und die Bilder aus dem Vatikan, erst recht die Kameraaufnahmen, die von oben in die heiligen Stätten geworfen werden präsentieren uns Abbildungen, die sonst nie zu sehen sind und schon gar nicht so groß. Das ist die List der Geschichte, die man nutzen kann, denn dass ein Dan Brown überhaupt solche Bestseller so publikumswirksam hinlegen kann, hängt mit der Thematik zusammen, die auch den weniger belesenen Leuten als Sehnsucht eingegeben ist, die Grundlagen unserer Kultur und unseres kulturellen Gedächtnisses kennenlernen zu wollen. Heißen die Themen nun Illuminati oder der Kampf um Troja. Am besten in Hollywoodschinken.

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Titel: Illuminati – Angels and Demons

Genre: Mystery-Thriller

Land/Jahr: USA 2009

Kinostart: 14. Mai 2009

Regie: Ron Howard

Drehbuch: David Koepp

Darsteller: Tom Hanks, Ewan McGregor, Ayelet Zurer, Nikolaj Lie Kaas, Armin Müller-Stahl

Verleih: Sony Pictures

FSK: Ab 12

Laufzeit: 138 Minuten

Internet: www.illuminati-derfilm.de

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