Tödliche Tupperware – Werner Bootes Dokumentarfilm sieht die Erde als „Plastic Planet“

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 “Ist Plastik unser Golem? Zerstört die wunderbare Schöpfung ihren Schöpfer?“ Die Frage, welche Boote in seiner Dokumentation stellt, ist exemplarisch für die Ungenauigkeit, mit welcher er sich seinem Thema nähert. Was der Regisseur zu meinen scheint, ist Frankensteins Kreatur, ein aus verwesenden Substanzen geschaffenes Ding, welches mörderische Absichten entwickelt. Proklamatisch für gewisse Undifferenziertheiten seiner Reportage ist ein Aufkleber, den er in einem Supermarkt auf Plastikverpackungen heftet. „Plastik tötet“. Wer Boote einen Plastikball zuwirft, wird von ihm vermutlich des versuchten Mordes angeklagt. Ist die Gummiente unser Todfeind? „Ich habe mich auf Geheimdienste, Waffenhändler und internationale Terroristen eingelassen.“, behauptet ein Anwalt im Interview mit Boote. Nur so einer kann es mit der dämonischen Plastikindustrie aufnehmen, suggeriert die Szene. Was jener laut Hintergrundkommentar “berühmt-berüchtigte“ Anwalt genau mit Plastik zu tun hat, wird nicht erklärt. „Plastik umgibt uns wie eine Hülle.“, behauptet Boote und zeigt eine Haartrockenhaube, die sich bedrohlich über einen Kopf senkt. Glaubt man Boote, besteht bei Plastik Suchtgefahr. “Da habe ich als Kind schon gern dran gerochen.“, so der Regisseur, der als Enkel eines Plastikproduzenten reichlich Gelegenheit dazu hatte. Auch vor der Kamera schnuppert er ausgiebig an Folien. Werden die Klebstoffschnüffler in der Schulhofecke in Wahrheit nicht von dem Uhu-Extrastark high, sondern der Plastiktüte?

Womöglich haben die giftigen Plastikdämpfe auch Boote nicht gut getan. Seine Reportage erinnert an ein Amateurwerk von jemandem, der zu viele Michael-Moore-Filme gesehen hat. Plastik kann gesundheitsschädigende Effekte haben, doch in „Plastic Planet“ fehlt eine objektive Gegenüberstellung von Nutzen und Schädlichkeit des Materials. Gute Absichten allein reichen nicht, um einen überzeugenden Dokumentarfilm zu drehen. Wie eine moderne Version der Lehrfilme, welche in den Fünfzigern Grundschüler von den fabelhaften Eigenschaften des Kunststoffes überzeugen sollten, wirkt Bootes Dokumentarfilm, nur ist die Intention eine andere. „Ich hätte nicht gedacht, dass wir soviel Plastik im Haus haben.“, intoniert eine in einem Berg von Kunststoffgebrauchsgegenständen sitzende Protagonistin. Auf Schulkinderniveau erklärt auch ein Wissenschaftler den Begriff: „Plastik ist so etwas wie Lego für Erwachsene.“ Plastik wird zur Herstellung überflüssiger Konsumgüter verwendet, mit denen leichtfertige Konsumenten unseren Planeten zumüllen, lautet Bootes Botschaft. Als Paradebeispiel menschlicher Eitelkeit dient die 56-jährige Fitnesstrainerin, deren Brustimplantaten sich „Wie ein Teil von mir“ anfühlten. Indirekt verweist die Szene auf dem gravierenden Mangel der Dokumentation. In Forschung, Technologie und Medizin ist der Kunststoff unersetzlich. Ohne Plastik gebe es statt elektronischer Prothesen, welche sogar Nervenregungen umsetzen können, Holzbeine wie bei Captain Ahab. „Indem wir ein Problem eliminieren, erschaffen wir ein größeres.“, erklärt die Sprecherin eines Konzerns diesen Konflikt. Von der Gefährlichkeit des Stoffes sollen stattdessen infantile Trickfilmsequenzen überzeugen. Daß die wenig mit der Realität zu tun hat, deutet sich schon darin an, dass ein animierter Boote darin jugendlich und schlank auftritt. Schuld daran, dass der in Wahrheit anders aussieht, ist natürlich…

„Plastik verursacht Übergewicht, verringert die Spermienproduktion und blockiert Testosteron“ Noch schlimmer: „Es werden mehr weibliche Babys geboren.“ Und wenn die sich später alle Plastik-Brustimplantate machen lassen… Jeder Widerstand sei zwecklos, verkündet Boote drohend. Ernie aus der Sesamstraße wird das Kichern schon vergehen, wenn er wegen seines Quietsche-Entchens an Krebs verreckt. Wäre er keine Handpuppe, würde er vielleicht enden wie die Leichen Gunther von Hagens. Das Leben beginne und ende mit Plastik, verkündet der selbsternannte „Plastinator“ von Hagen. Das Filmzitat, welches in den Sinn kommt, passt auch auf „Plastic Planet“: Hasta la vista, Baby.

Titel: Plastic Planet

Land/ Jahr: Deutschland 2009

Genre: Dokumentarfilm

Kinostart: 25. Februar 2010

Regie und Buch: Werner Boote

Kamera: Thomas Kirschner

Laufzeit: 94 Minuten

Verleih: farbfilm verleih

www.farbfilm-verleih.de

www.plastic-planet.de

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