Spieglein, Spieglein an der Wand – Grimms „Kinder und Hausmärchen“ des Verlags Mescheryakov sind unter den Schönsten im Bücherland

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Die altertümliche Erscheinung und brüchig gewordenen Seiten sind nur ein Tromp-de-l ´oeil. Aus der Urgroßeltern Zeit aufbewahrt zu erscheinen ist der besondere Reiz der Bücher dem Verlagshaus Mescheryakov. Kaum ein Detail wurde bei der liebevoll gestalten vergessen. Fadenscheinig ist das Leinen an den Innenseiten geworden und zwei ausgeblichene Stempelzeichen sind auf dem Deckblatt. Alte Bibliothekssignaturen? Das der letzte Besitzer die Ausgabe der „Kinder- und Hausmärchen“ nicht mehr hergeben wollte, ist nicht zu verdenken. Die klassischen Tusch- und Federzeichnungen des Illustratoren Hermann Vogel sind auf fast jeder Seite ein Blickfang. Sechs von ihnen sind in Farbe gestaltet, ganzseitig und gerahmt, wie es sich für kleine Gemälde gehört.

Sechzehn der populärsten und schönsten „Kinder- und Hausmärchen“ wurden für das handlichen Werk ausgewählt. Neben den beliebten Klassikern wie „Aschenputtel“, „Hänsel und Gretel“ und „Dornröschen“ finden sich selten erzählte Märchen wie „Die kluge Bauerntochter“, „Der arme Müllerbursche und das Kätzchen“ und „Die Gänsemagd“. Gemeinsam ist den Geschichten, dass sie allesamt Lieblingsmärchen sind. Doch sind die ersten Worte nicht „Es war einmal“, sondern „Brüderchen nahm sein Schwesterchen an der Hand und sprach“. Darin liegt auch der Name des Märchens verborgen. Von den Titelzeichnungen oder Vignetten, welche die grimmschen Erzählungen einleiten, ließe er sich nicht immer leicht erraten. Zwerge tummeln sich nicht nur um „Schneewittchen“, sondern im ganzen Buch. Sie huschen durch die Zeilen, kauern neben dem Text oder lugen aus einer Ecke der Illustrationen hervor. Einer flüchtet vor seinesgleichen, der sich als „Froschkönig“ verkleidet hat, zwei andere winken auf der Umschlagrückseite zum Abschied. So rasch ist die zauberhafte Reise schon vorbei, in die längst vergangene Zeit „als das Wünschen noch geholfen hat.

Eine Frage aber bleibt unbeantwortet. Gab es tatsächlich vor einem Jahrhundert solch eine Ausgabe der Brüder Grimm oder sind die „Kinder- und Hausmärchen“ von Mescheryakov eine Neukreation und ihr Altertümliches nur eine hübsche Fiktion? Denn wie der Märchenschatz der Gebrüder Grimm ist die Ausgabe kein reines Kinderbuch, sondern ein „Kinder- und Hausbuch“. Um den Jüngsten daraus vorzulesen, um selbst die Märchenwelt wiederzuentdecken und um ein wenig melancholisch zu werden. Beim Gedanken an all die herrlichen alten Bücher, die einst durch die eigenen Kinderhände gingen und nicht so malerisch erhalten geblieben sind.

Titel: Kinder- und Hausmärchen/ Autoren: Brüder Grimm/ Herausgeber: John B. Gruele/ Verlag: IDMI Verlag/ Jahr: 2010/ Seiten: 160/ Preis: 25,90 €

www.idmi-verlag.com

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