Showboys – …erleben Melodramatische in Jean-Claude Schlimms „House of Boys“

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Beides erlebt Frank, nachdem er aus dem biederen Familienleben bei seinen mustergültig spießigen Eltern mit seiner besten Freundin Rita ins verruchte Amsterdam flieht. Die Grenzen der intoleranten Kleinstadtmentalität überschritt Frank mit seiner offen gelebten Homosexualität, in Amsterdams Schwulenszene kann er sich endlich austoben. Als sein Geld verbraucht, Rita weitergezogen und der 18-Jährige ohne Bleibe ist, fängt es an zu regnen. Nicht das einzige alberne Klischee, dass ein schiefes Grinsen verursacht. Offenes Lachen verhindern der Mangel an geistreichem Humor und die ernsthafte AIDS-Thematik, die Schlim mehr instrumentalisiert als seriös aufarbeitet. Frank sucht Unterschlupf im Strip-Club „House of Boys“ von „Madame“ (eine Paraderolle für Udo Kier). Tritt der nicht selbst in den grellen Bühnen-Shows auf, ziehen sich dort die im Etablissement wohnenden jungen Männer aus.

Das Leben im Rotlichtmilieu stellt sich Schlim familiär und fröhlich vor, mit üppigen Einkünften als kleinem Bonus. Gemütlich sitzen die Stripper zusammen, während die mütterliche Emma (Eleanor David) Kaffee serviert und Kekse bäckt. Um sich kompliziertes Charakterisieren zu ersparen, stellt Franks transsexueller Kollege Angelo (Steven Webb) die Bewohner der Liebeslaube beim Gemeinschaftsfrühstück vor; allesamt schwul, bis auf den Gitarre spielenden Jake (Benn Northover). Ausgerechnet ihm verfällt Frank selbstredend. Als beiden dennoch das Glück winkt, wirft eine unbekannte neue Krankheit ihren Schatten auf beider Liebe. Augenscheinlich wehmütig, dass das spaßige Filmdrehen nun zu Ende geht, fährt Schlim noch rasch alles an dramatischer Munition auf, was sein Repertoire zu bieten hat. Ein letztes gemeinsames Weihnachtsfest, bei dem die verunsicherte Madame wie Ebenezer Scrooge vor der Tür zaudert, Nahtodvisionen, Kindesmissbrauch, Familienzusammenführung und der letzte Wunsch muss auch noch erfüllt werden.

Schon der erste Dialogsatz ist irreführend. Zu einem klassischen Märchen herrscht im „House of Boys“ zu viel Extravaganz und Trivialität, für ein Kunstmärchen fehlt es an Eleganz und Hintersinn. Für ein authentisches Zeitbild bräuchte es mehr als die permanente eingespielten Achtziger-Jahre-Hits. Noch begieriger als sein Hauptcharakter auf das Strippen scheint Schlim auf das Regie führen gewesen zu sein. Drama, Komödie, Experimentalfilm, Tragödie, Romanze, Szenepanorama – jedem Genre öffnet das „House of Boys“ seine Tür. Sogar eine aus der Luft gegriffene Musical-Nummer gibt es. Mit schrillen Strip-Nummern, unverholenem Voyeurismus, Reißbrett-Charakteren, plakativem Sex und platten Dialogen nimmt sich „House of Boys“ wie eine schwule Version des 90er-Jahre-Kinoflops „Showgirls“ aus. Einzig die verzweifelte Bemühung um Ernsthaftigkeit und die wohlmeinenden Ambitionen hat die unausgegorenen Nummernrevue Paul Verhoevens Trash-Film voraus.

Dessen Hauptdarstellerin wurde später erfolgreiche Theaterdarstellerin. Nebendarstellerin Gina Gershon gewannen die lesbischen Sexszenen eine eingeschworenen Fangemeinschaft und „Showgirls“ genießt bis heute Kultstatus als Trash-Werk. Ein ähnliches Happy End wünscht man auch „House of Boys“, der so unbedarft und gutwillig auftritt. Nach Filmende ist es wie nach der Schultheateraufführung: keiner sagt Böses über so viele gute Intentionen – und alle sind erleichtert, dass es endlich überstanden ist.

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Titel: House of Boys

Land/ Jahr: Luxemburg, Deutschland/ 2009

Genre: Drama

Kinostart: 2. Dezember 2010

Regie: Jean-Claude Schlim

Drehbuch: Jean-Claude Schlim, Christian Thiry, Bob Graham, Laura Albert (alias J. T. Leroy)

Darsteller: Layke Anderson, Benn Northover, Eleanor David, Udo Kier, Steven Webb, Luke J. Wilkinson, Stephen Fry, Ross Antony

Kamera: Carlo Thiel

Musik: Gast Waltzing

Schnitt: Katharina Schmidt

Laufzeit: 113 Minuten

Verleih: Filmlichter/ RealFiction

www.realfictionfilm.de

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