Selbstreflektion durch die Beziehung zu Pferden – Katina von Werthern im WELTEXPRESS-Ex­klu­siv­in­ter­view

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Katina von Werthern. © Katina von Werthern

Steinau, Hessen, Deutschland (Weltexpress). Katina von Werthern, geboren am 15.6.1982 in Friedberg/Taunus, hat sich nach ihrem Studium der Sonder- und Heilpädagogik als Pferd–Mensch-Mediatorin, Fotografin, Künstlerin und Schriftstellerin selbstständig gemacht. Ihr erstes Buch erschien 2014 und trägt den Titel „Die Liebe, die sie schenken. Pferd und Mensch in Fotografie“ (Spiritbooks). Im März 2018 erschien ihr zweites Buch „Im Auge des Pferdes“ (Book & Art Affairs), worin sie aus eigener Erfahrung beschreibt, welch tiefgreifende Erkenntnisprozesse der Mensch durch die Beziehung zu Pferden durchlaufen kann. Die Pferde, denen sie im Laufe ihres Lebens begegnete, prägten nachhaltig ihr Verständnis von Beziehung nicht nur mit Pferden, sondern auch mit Menschen.

Das Interview

Paschel: Liebe Katina, wir sind uns begegnet vor ca. 15 Jahren in einem Frankfurter Reitstall, wo die schwerst traumatisierte Fuchsstute Merry Lou, damals 13 Jahre alt, mit dem 2-jährigen Fuchswallach Loyd zusammen auf einem Paddock standen. Kurz danach hast du Loyd, der von Landgraf abstammt,  für viel Geld gekauft. Zur gleichen Zeit konnte ich Merry Lou, von Malteser Gold, zum Schlachtpreis erwerben. Ich kann mich nur noch daran erinnern, dass du mit Loyd regelmäßig mit Doppellonge ins Gelände gingst. Warum hast du eigentlich nicht mit ihm auf dem Reitplatz gearbeitet?

Werthern: Lieber Bernd, erst einmal herzlichen Dank für Deine Anfrage zu einem Interview, die mich sehr gefreut hat! Früher oder später schließen sich die Kreise…Ja, ich habe Loyd damals zu einem völlig überteuerten Preis gekauft, aber es war mir egal, da ich mich von ganzem Herzen für genau ihn entschieden hatte. Aller Vernunft und finanzieller Möglichkeiten zum Trotz habe ich ihn gekauft und ihm versprochen, ihn von diesem Ort und seinem bevorstehenden Schicksal zu befreien. Auf meine Frage an den Hofbesitzer, was mit Loyd passieren würde, sollte ich ihn nicht übernehmen antwortete er sinngemäß „dann wird er demnächst von einem der Mädels eingeritten und im Schulbetrieb eingesetzt.“ Da ich neben meinem Studium den Großteil meiner Zeit auf dem Hof und mit den übrigen Pferden verbrachte, die zum größten Teil einfach nur noch resigniert ihr Dasein fristeten, wollte ich Loyd unter allen Umständen ein anderes Leben ermöglichen. Ich habe selten mit Loyd auf dem Reitplatz gearbeitet – nur wenn ich (nahezu) alleine am Hof war – weil ich mich den Einmischungen und Kommentaren der ganzen „Pferdeexperten“ am Hof einfach nicht aussetzen wollte. Schon damals befasste ich mich mit alternativen Wegen in der Ausbildung eines Jungpferdes und diese waren ziemlich gegensätzlich zu den Methoden des Schulbetriebs am Hof. Spätestens nachdem klar und jedem bewusst war, dass ich Loyd gekauft hatte, war mir der Neid der meisten sicher und viele ließen mich ihren Frust spüren. Also entschied ich mich, die ersten Ausbildungsschritte von Loyd ins Gelände zu verlagern. Zum einen, um ihn mit allem außerhalb des bekannten Hofgeländes vertraut zu machen und zum anderen um meine Ruhe von den Zickerreien zu haben. Es war mir einfach zu anstrengend, mich permanent von allen möglichen Menschen in meinem Umgang und der Ausbildung von Loyd eines Besseren belehren zu lassen. Es gibt dieses schöne Zitat von Gandhi „Zuerst ignorieren sie dich, dann lachen sie über dich, dann bekämpfen sie dich und dann gewinnst du.“ Dieses Zitat beschreibt sehr gut, wie ich mich damals gefühlt habe mit dem Unterschied, dass ich nicht darauf aus war zu „gewinnen“. Bevor ich Loyd gekauft hatte habe ich für kaum jemanden am Hof eine Rolle gespielt. Als ich ihn dann gekauft hatte und mit Bodenarbeit angefangen habe Loyd auszubilden, lachten viele über mich. Nach dem Lachen kam der Neid gepaart mit übler Nachrede, als sie mitbekamen, dass ich tatsächlich geschafft hatte, Loyd in entspannter und achtsamer Weise einzureiten, ohne dabei zu Schaden gekommen zu sein. Er hat mich – im wahrsten Sinne des Wortes – all die Jahre durch die Abgründe menschlichen Verhaltens getragen, die sich immer wieder vor uns aufgetan haben. Der Mensch sein zu können, der ich heute bin, habe ich Loyd zutiefst zu verdanken.

Paschel: Der Zickenkrieg auf den Höfen allgemein geht mir mittlerweile auch total auf die Nerven.

Ich habe den Hof mit Merry verlassen, weil ich überzeugt war, dass die panische Merry dort nicht die Ruhe finden konnte, die ein schwerst traumatisiertes Sportpferd braucht, um wieder zu sich selbst zu finden. Sie hat mich anfangs gebissen und nach mir getreten, wenn ich ihre Hufe heben wollte oder sie von der Koppel holen wollte. Zum Beschlagen wurde sie in die Klinik nach Gießen gebracht, weil sie sediert werden musste, damit sie die Hufschmiedin an sich ran ließ.

Werthern: Nicht derart heftig aber so ähnlich erging es mir damals auch mit Loyd. Er war am Hof verschrien als „gemeingefährlich“, da er einem Mädchen beim Füttern den Unterkiefer gebrochen hatte und von wenigen wirklich zu händeln war. Für mich war sein Verhalten in Hinblick darauf, dass er die meiste Zeit seines jungen Lebens in einer dunklen und kleinen Box gehalten wurde völlig nachvollziehbar. Bei der Übernahme war Loyd sehr abgemagert und total verwurmt. In den Jahren nach unserem Weggang von dem Hof ist er noch 10 cm gewachsen und jetzt 1,70 m groß. Eigentlich war mein Traum vom „ersten eigenen Pferd“ ein mittelgroßes, kräftiges, schwarzes Pony. Und dann kam Loyd und ich musste erkennen, dass das Leben andere Pläne mit mir hatte (lacht).

So wie Du es damals mit Merry Lou entschieden hast, so wollte auch ich für Loyd und mich einen Ort der Ruhe und Heilung finden. So schwer körperlich und seelisch traumatisiert wie Du es von Merry Lou erzählst war Loyd damals nicht, aber er zeigte trotz seines jungen Alters schon Ansätze seelischer Traumata und wirkte oft apathisch und resigniert.

Paschel: Jetzt sitzen wir hier auf deinem Hof, der Oberen Dielmühle, in Ürzell bei Steinau an der Straße gemütlich beim Kaffee. Ist das Zufall?

Obere Dielmühle 2020, BU und ©Katina von Werthern

Werthern: Ich glaube nicht an Zufälle (lacht)! Deshalb bin ich auch nicht „zufällig“ vor einiger Zeit im Internet wieder auf Dich gestoßen und habe Kontakt zu Dir aufgenommen. Nachdem ich mit Loyd aus Frankfurt weggegangen bin, habe ich den Kontakt zu den Menschen dieses Hofes nicht mehr gesucht, weil es kaum etwas gab, was ich auf meinen weiteren Lebensweg mitnehmen wollte. Die Begegnungen mit Dir gehörten zu den positiven Ausnahmen und als ich Deine Seite fand und gesehen habe, mit welcher Haltung Du Dich heute verschiedenen Pferdethemen widmest, bin ich neugierig geworden. Und so kam es, dass ich Dich angeschrieben habe und wir uns dann heute nach so langer Zeit hier in unserem Zuhause wiedertreffen. 15 Jahre in denen unfassbar viel passiert ist…

Paschel: Wir haben anscheinend eine ähnliche Entwicklung gemacht in den letzten 15 Jahren, was unser Pferdebild betrifft. Pferde sind für mich mittlerweile sehr sensible Wesen mit Verstand und Gefühlen, die besonders in ihren sinnlichen Wahrnehmungsfähigkeiten uns als Menschen deutlich überlegen sind. Früher habe ich gedacht, dass Pferde dumm sind und nur instinktgesteuert. Wie war das bei dir früher?

Werthern: Ja, ich denke auch, dass wir ähnlich Entwicklungen vollzogen haben in all den Jahren, aber für „dumm“ und „instinktgesteuert“ habe ich Pferde noch nie gehalten (lacht)! Wenn das „früher“ bis an meine ersten Erinnerungen an Pferde zurückreicht, dann waren es für mich irgendwie immer „Wesen von einem anderen Stern“. Loyd trat erst in mein Leben, als ich schon 20 Jahre alt war, aber mein ganzes Leben lang ließ ich keine Möglichkeit aus, Pferden in irgendeiner Weise nah sein zu können. Ich fühlte mich allen Pferden, denen ich in meinem Leben begegnete immer näher als den Menschen. Als junges Mädchen lernte ich sogar so täuschend echt zu Wiehern, dass die Pferde mir tatsächlich antworteten und immer sehr verwirrt waren, weil sie kein Pferd entdecken konnten (lacht). In der Begegnung und Kommunikation mit Pferden hatte ich immer das Gefühl, dass sie mir zutiefst erlauben „ich selbst“ zu sein. Durch die unzähligen Pferde, die mir im Laufe meines Lebens begegnet sind und die Beziehungen zwischen Pferden und Menschen, die ich begleiten durfte und darf, bin ich der Frage „Warum Pferde?“ sehr lange und tief auf den Grund gegangen. Seit 16 Jahren – angefangen mit Loyd – lebe ich nun an Seite der Pferde und meine früheren, kindlichen Gefühle im Zusammensein mit ihnen, haben sich in all den Jahren so vielfach und in WUNDER-voller Weise manifestiert. Ich habe in all den Jahren die Erkenntnis gewonnen, dass die Pferde in mein Leben traten, um mich alle Aspekte des Lebens zu lehren, allen voran die Menschlichkeit. Vielleicht klingt es schwer nachvollziehbar, aber die Pferde sind in mein Leben getreten, damit ich mein Selbst erkennen und realisieren kann. Durch jedes einzelne Pferd und mein Einlassen auf seinen bezeichnenden Wesenskern, eröffneten sich mir nach und nach die verschiedenen Aspekte meiner Seele.

Paschel: Nachdem ich dein Buch „Im Auge des Pferdes“ gelesen habe, konnte ich mir nur wage vorstellen, wie deine Arbeit mit Pferden aussieht. Jetzt nachdem wir einen Rundgang durch deine Mühle gemacht haben, die du mit deiner Familie wunderbar restauriert hast, konnte ich auch Deine Fotografien und gemalten Bilder bewundern, und mir ist klar geworden, dass du in deiner Beziehungsarbeit mit dem Pferd, Mensch und Pferd als Einheit betrachtest und erforscht, welche Aspekte des Pferdes den Menschen in seiner Persönlichkeitsentwicklung weiterbringen können. Kannst Du dem zustimmen?

Werthern: Danke, dass du das Buch gelesen hast! Dem kann ich vollkommen zustimmen und inzwischen kann und möchte ich die Begleitungen von Pferd-Mensch-Begegnungen /Beziehungen gar nicht mehr als „Arbeit“ bezeichnen. In meinen Augen – jetzt wird es etwas philosophisch (lacht) – entspringen alle Seelen (Wesen) dieser Erde aus der Einheit der Schöpfung und bleiben immer in Verbindung, nur gerät dieses Bewusst-Sein im Laufe unser aller Leben mehr oder weniger völlig in Vergessenheit. Pferde waren die Tiere in meinem Leben, die mich in tiefster Weise wieder diese Einheit haben spüren lassen. Sie ermöglichen uns die Erfahrung der Einheit sowohl seelisch, durch die bedingungslose Annahme unseres Selbst in allen Facetten des Lebens, als auch körperlich, indem sie bereit sind, uns zu tragen. Ich denke, dass jeder Mensch an der Seite der Pferde, den tiefsten seelischen Wunsch nach dieser Einheit verspürt, auch wenn es bei sehr vielen Menschen von außen betrachtet nicht den Anschein macht. In allen Begleitungen von Pferd-Mensch-Paarungen und nicht zuletzt durch die Beziehungen zu den Pferden an meiner Seite, haben sich im Kern wesentliche Punkte immer wieder herauskristallisiert: Wir sehnen uns nach bedingungsloser und liebevoller Annahme. Wir sehnen uns danach, hin und wieder durch schwierige Zeiten getragen zu werden. Wir sehnen uns nach einem Leben in friedvoller und achtsamer Gemeinschaft. Wir sehnen uns zutiefst nach uns selbst, dem Selbst, welches befreit ist von falschen Vorstellungen, Zwängen und Lebensentwürfen. Die Pferde haben mich – allen schweren und schmerzhaften Erfahrungen zum Trotz – begleitet, um wieder ich selbst sein zu können. Daher sehe ich mein Wirken in der Begleitung von Pferd-Mensch-Paarungen als ein Erinnern, Realisieren und Manifestieren der seelischen Einheit in dem jeweiligen individuellen Lebensprozess.

Paschel: Du hast dazu noch einen Raum in Deiner Mühle, wo du mit deinem Mann eigene Musik produzierst, die u. a. deine Pferdevideos bei Youtube begleiten. Ich muss schon sagen, mir ist selten ein dermaßen kreativer Pferdemensch begegnet. Lass uns noch eine Fotoreportage zu deinen Bildern und Fotografien machen

Werthern: (lacht) Ja gern, und „Danke“ für das Kompliment. Die Musik, Fotografien und Zeichnungen sind die Konsequenz aus meinem Erinnern, Realisieren und Manifestieren der seelischen Einheit durch die Beziehung zu den Pferden…

Paschel: Merry Lou war in der Tat ein geschundenes Sportpferd, dass sich ein Leben lang der menschlichen Gewalt widersetzt hat. Ich habe mich sehr stark mit ihr identifiziert, denn meine Jugend war auch geprägt durch Prügel und Druck, die ich wahrscheinlich nur durch meine starke Resilienz einigermaßen unbeschadet überleben konnte. Mein Leben danach war geprägt von Kämpfen nicht nur im Sportfechten sondern auch beruflich. In der Zeit mit Merry ist es mir gelungen, loszulassen von meinem eigenen Druck, der mich veranlasste gegen Alles und Jeden zu kämpfen, der meinem Verständnis von Gerechtigkeit entgegenstand. Der Kampf für das Wohlergehen der Pferde ist geblieben.

Damals war mir das allerdings nicht bewusst, erst jetzt nachdem ich Dein Buch gelesen habe, wird mir erst richtig klar, was ich Merry verdanke.

Merry Lou, befreit von Eisen am Huf und im Maul und dem Druck, über Hindernisse zu springen, die ihr Angst machten. Frankfurt 2005, BU und© Bernd Paschel

Werthern: Es freut mich sehr zu hören, dass Dir mein Buch ein tieferes Verständnis der Beziehung von Merry und Dir ermöglicht hat. Ich habe die vielfältige Erfahrung gemacht, dass wir in der Beziehung zu Pferden eine mehrdimensionale Rückspiegelung unseres Selbst erfahren können. Sie stehen in ihrem Wesen sowohl für einen bestimmten Aspekt unseres Selbst, als auch für die Ganzheit aller Aspekte und unser volles Potential. Du beschreibst, dass Merry aufgrund ihrer traumatischen Erfahrungen gegen „Alles und Jeden“ kämpfte. So wie auch Du, aufgrund Deiner traumatischen Erfahrungen. Ihr seid euch begegnet und Du hast in Merry Dich selbst erkannt. Wir alle werden in den ersten Jahren unseres Lebens in unterschiedlicher Weise geprägt und aus diesen Prägungen erwachsen unsere scheinbaren „Kern-Wahrheiten“, die uns lebenslang begleiten. Wir halten diese Kern-Wahrheiten für unser Selbst, weil es das einzige ist, was uns auf den Lebensweg mitgegeben wurde. Doch unser Selbst besteht aus völlig anderen Wahrheiten, als denen, die uns über uns erzählt wurden. In der Begegnung mit Merry hat sie Dich mit einer Deiner Kern-Wahrheiten „Ich muss kämpfen“ konfrontiert. Doch zeitgleich – neben allen potentiellen Kampfschauplätzen eures Zusammenseins – hat sie Dich in unzähligen Momenten ermutigt, die Kämpfe zu beenden. Es sind all jene Momente eines Pferdes, die manchmal so unscheinbar sind, dass wir ihnen kaum Beachtung schenken: In der Sonne zu Dösen, genüsslich am Gras zu rupfen, liebevoll einander das Fell zu pflegen, miteinander zu spielen, uns ohne Widerstand durchs Leben zu tragen, unsere Nähe und Berührungen zuzulassen. In all diesen Momenten hat sie Dir signalisiert, dass es keines Kampfes mehr bedarf, dass sie nur darauf wartet, den Kampf ums Überleben endlich zu beenden. Und mit jedem Schritt, den Du im Umgang mit ihr – und damit um Deiner Selbst Willen – in Sanftmut, Frieden und Freude gegangen bist, hat sie Dich in eben dieser Weise begleitet. Jede noch so zarte Entscheidung, alte zerstörerische Muster in uns aufzulösen, ebnet den Weg der Heilung in Begleitung der Pferde. Jede Auflösung unserer Blockaden legt das uns innewohnende Potential frei. Und dadurch das des Pferdes an unserer Seite gleichermaßen, wenn wir uns darauf einlassen, die Überzeugung der Trennung fallenzulassen…

Mit Loyd durfte ich diesen Erkenntnis- und Entwicklungsprozess durchschreiten und er hat mich wieder an Wunder glauben gelehrt. Unsere gesamte gemeinsame Geschichte im Detail zu erzählen würde hier den Rahmen sprengen, aber es haben sich ein paar einschneidende Situationen ereignet, die ich benennen möchte. Vor einigen Jahren habe ich alle Pferde an meiner Seite einem bestimmten Lebensaspekt zugeordnet. Meines Erachtens trägt jeder Mensch all diese Aspekte in sich und sie werden in individueller Weise belebt. Ähnlich der Eigenschaften des Sternzeichens in dem wir geboren wurden, verhält es sich mit meiner Benennung der Lebensaspekte, wobei ich es in anderer Weise erfasst habe. Durch Loyd hat sich der Aspekt der Väterlichkeit manifestiert und an seiner Seite bekam ich die Möglichkeit, mich diesem Aspekt in mir in vielfältiger Weise zu widmen. Loyd hat sich über all die Jahre – in denen er in ganz unterschiedlichen Herdenkonstellationen lebte – als sogenanntes „Leittier“ jeder Herde kampflos etabliert. Die längste Zeit seines Lebens war er eher einzelgängerisch und in gewisser Weise unnahbar. Berührungen blockte er grundsätzlich ab und ich hatte immer den Eindruck als „schwebe er über den Dingen“. In seinem Wirken als Leittier all der Herden habe ich ihn immer als sehr souverän, fair und umsichtig erlebt. Er hat sich nie in irgendeiner aggressiven oder assozialen Weise gebärdet. Wenn ein neues Pferd in die bestehende Herde eingezogen ist, hat Loyd dieses Pferd für einen bestimmten Zeitraum abgeschirmt und vor „seiner“ Herde beschützt. Er hat dann irgendwann selbstständig entschieden, wann er den Neuankömmling der Herde „freigibt“. Ich habe selten etwas so Berührendes erlebt im Zusammensein von Pferden.

In all den Jahren hat Loyd mich durch sein Verhalten gelehrt Grenzen zu ziehen, ohne dabei in Aggression oder Stress zu verfallen. Zu Anfang unseres gemeinsamen Weges hatte ich hohe Ansprüche an mich selbst in Hinblick auf seine Ausbildung und war sicher nicht immer fair und geduldig. Manches hat er in ähnlicher Weise beantwortet, aber über allem stand immer eine Art gleichmütige, väterliche Güte, so als würde er sagen „Mach Du mal Mädel“ (lacht).

Als kurz nach unserem Umzug in die Mühle ein junger Welsh-Pony-Wallach zum Absetzen von seiner Mutter zu uns kam, offenbarte Loyd seine Väterlichkeit gänzlich. Der junge Wallach – Nurmi – sollte eigentlich nur einige Monate bei uns bleiben, aber Loyd und unsere Stute Loreana schlossen sich schlagartig als Elternpaar zusammen und adoptierten Nurmi innerhalb der ersten Stunde nach seinem Einzug. Seit diesem Tag weichen die drei nicht mehr voneinander. Seit Nurmis Einzug hat sich die Beziehung zwischen Loyd und mir vollkommen verändert und parallel dazu auch die – vielfach blockierte – Beziehung von meinem Vater und mir. Loyd hat mich auf die positivsten Aspekte der Väterlichkeit in mir zurückgeführt und mich in den letzten 16 Jahren dabei begleitet, diese in mir selbst zu manifestieren. Dadurch ist es mir gelungen, meinen Vater und unsere Beziehung neu zu betrachten, nicht mehr zu bewerten und Wege der Heilung zu beschreiten. Allein durch meinen Prozess – ohne das in Richtung meines Vaters kommuniziert zu haben – hat sich unsere Beziehung in heilsamer Weise verändert. Zu meinem diesjährigen Geburtstag kam er just in dem Moment auf den Hof, als ich gemeinsam mit einer Freundin eine Wunde an Loyds Vorderbein versorgte. Mein Vater kam in den Stall, hielt eine Kletterrose im Arm und blickte mit der Frage „wird das wieder?“ zu Loyd. Ich beruhigte seine Sorge und dann trug er zwei weitere Rosenstöcke und Kletterpflanzen in den Stall und umarmte mich so herzlich zu meinem Geburtstag, wie in den letzten Jahren nicht. Es war ein sehr symbolischer, berührender und heilsamer Moment unter Loyds gütigem Blick.

Loyd „die Väterlichkeit“ 2019, BU und ©Katina von Werthern

Paschel: Wie ich in deinem Buch gelesen habe, hast du noch mit einem weiteren Pferd ähnlich intensive Lernerfahrungen gemacht.

Werthern: Ja, das war Josh. Er ist meine Zwillingsseele im Körper eines Pferdes. Jedes der Pferde an meiner Seite verkörpert Aspekte meines Selbst, aber in Josh manifestiert sich mein tiefst verankerter Wesenskern: geboren im Zwilling habe ich mein Leben damit verbracht, die Dualität zu erfahren und im ständigen Wechsel zwischen lichten und dunklen Erfahrungen hin- und herzupendeln. Als er in mein Leben trat, war er ein Bündel aus Angst, ständig auf der Flucht. Ich kaufte ihn trotz des Hinweises, dass sich irgendwann bei ihm ein Schalter umlegt, der ihn unkontrollierbar werden lässt. Eigentlich hatte ich ein Pferd kaufen wollen, um meine stetig steigende Schülerzahl besser abdecken zu können. Josh war das letzte Pferd, das ich zu diesem Zweck hätte einsetzen können. Es war so gesehen die unvernünftigste Entscheidung, die ich hätte treffen können. Aber wie bei jedem anderen Pferd in meinem Leben wurde diese Entscheidung nicht von meinem Verstand, sondern von meiner Seele getroffen. Damals waren die hochmütigen Egos in mir ohnehin der Meinung, diesem Pferd gewachsen zu sein, Schalter hin oder her. Kurz nach Abwicklung des Kaufes zog er in unserem damaligen Stall ein und nach einer Zeit der Gewöhnung fasste ich den Entschluss anzufangen, Josh zu reiten. Ich war mit zwei meiner damaligen Einstellerinnen in der Reithalle und wollte einfach ein bisschen Schritt reiten, um Josh kennenzulernen. Er war in seinem Grundtempo sehr schnell und stand massiv unter Spannung. Wir gingen ein paar Runden Schritt und als ich nur die Zügel ein wenig nachfasste, um ihn etwas zu verlangsamen, legte sich der angekündigte Schalter um. Josh riss das Maul auf, den Kopf hoch und rannte aus dem Schritt einfach los. Er nahm in kürzester Zeit eine solche Geschwindigkeit auf, die ich bei keinem Pferd zuvor erlebt hatte. Und es gab nichts, womit er sich wieder zum Anhalten bringen ließ. Er rannte und ich spürte, dass ich nicht ewig die Kraft haben würde auf ihm zu bleiben. Mir blieben nur die Möglichkeiten entweder irgendwann entkräftet herunter zu stürzen oder einigermaßen kontrolliert abzuspringen. Die Bande der Halle bestand aus einer holzverschalten Betonmauer und ich trug keinen Helm. Unkontrolliert zu stürzen und mit dem Kopf an die Bande zu schlagen hätte mein Leben höchstwahrscheinlich beendet. Also sprang ich ab. Als ich zu Boden ging, blieb Josh kurz darauf stehen und kam gesenkten Kopfes zu mir gelaufen. Mein linker Meniskus war beschädigt, aber ansonsten war ich unverletzt. Ich lag dort am Boden und ich wusste, dass dies definitiv die deutlichste und letzte Aufforderung war, alle Fluchten in meinem Leben zu beenden. Ich ritt Josh seit diesem Ereignis für 2 Jahre nicht mehr, widmete mich ausschließlich unserer Beziehung und vor allem der Aufarbeitung meines Lebens. Josh forderte mich in so unglaublicher Weise dazu auf, die ständige Zerreißprobe meiner Seele zwischen den Extremen zu beenden und stattdessen die Ganzheitlichkeit meiner Seele zu realisieren. Um diese Erkenntnis zu gewinnen musste mich Josh erst an die Schwelle des Todes tragen. Durch Josh habe ich mich im tiefsten Punkt meines Seins erkannt und durch seine Begleitung entwickelte ich die Fähigkeit, all meine brachliegenden Potentiale wiederzubeleben. In den Jahren nach unserem Unfall fing ich wieder an zu Schreiben, zu Zeichnen, zu Fotografieren und zu Musizieren. Ich legte alle pferdetechnischen Dogmen ab und widmete mich fortan intensiv der Betrachtung der Pferd-Mensch-Beziehung in mehrdimensionaler Weise. Das Leben an Joshs Seite ließ mich die Erfahrungen machen, mit einem Pferd seelisch und körperlich zu verschmelzen; dass Wunder entstehen, wenn wir uns dem Leben offenen Herzens und bedingungslos vertrauend hingeben und dass alles, was wir in Liebe fühlen, denken und handeln vom Leben in Liebe beantwortet wird. Josh hat mir gezeigt, dass ein einziger Moment in der Begegnung Heilung bringen kann.

Josh „Heilung in einem Moment“ 2019, BU und ©Katina von Werthern

Paschel: Lass uns zusätzlich zum Interview noch eine Fotoreportage machen mit den tollen Schwarz-Weiß Bildern aus Deiner Sammlung und jetzt noch etwas zu unseren Gemeinsamkeiten. Durch Merry Lou habe ich auch gelernt, die Hufe selbstständig zu bearbeiten und in diesem Zusammenhang ist mir nicht nur die ganzheitliche Hufbearbeitung, sondern speziell die „Artgerechte Haltung“ ein besonderes Anliegen geworden.

Ich habe zwei Hufkurse gemacht und danach eine zeitlang die Hufe von fast zwanzig Ponies auf unserem gemeinsamen Hof in Frankfurt ausgeschnitten. Mit den unterschiedlichen Hufschulen kenne ich mich mittlerweile gut aus und muss sagen, dass dort viel Konkurrenz existiert, obwohl die Unterschiede zuweilen gar nicht so groß sind, wie es in Foren dargestellt wird. Bei Hufkrankheiten und -deformationen spalten sich allerdings die Geister. Wie ich gesehen habe, haben deine Pferde überwiegend gesunde Hufe.

Werthern: Ja, lass uns das sehr gerne machen, denn in meinen Fotos und Zeichnungen drückt sich noch einmal jenseits der Sprache die Tiefe der seelischen Verbindung der Pferd-Mensch-Beziehung aus.

Loyd hat auch mich dazu veranlasst, die Hufe all unserer Pferde selbst zu bearbeiten, nachdem er bei der letzten Huforthopädin, die ich vor einigen Jahren engagiert hatte, plötzlich anfing zu Steigen. Er gab mir immer unmissverständliche Zeichen (lacht). Ich habe mich in Folge eines Hufkurses intensiv in die Thematik eingearbeitet und einfach angefangen, die Hufe selbst zu bearbeiten. Dabei orientiere ich mich so wie Du an dem Ansatz der ganzheitlichen Hufbearbeitung, wobei ich – ebenso wie in den unterschiedlichen Ausbildungs- und Reitweisen – keinem Dogma folge. Es gibt sicher sinnvolle und beachtenswerte Orientierungspunkte im Thema der Hufbearbeitung, aber auch in diesem Thema lehrten mich die Pferde Flexibilität und individuelle, situative Betrachtung und Herangehensweise. Über die überwiegend gute Beschaffenheit der Hufe unserer Pferde bin ich sehr dankbar und bisher geben mir die Pferde eine positive Rückmeldung zu meiner Bearbeitung (lacht). In Foren, bzw. grundsätzlich im Internet zum Thema Pferde bin ich wenn überhaupt nur gezielt unterwegs. Spaltungen und Geister, gleich welcher couleur, haben mich schon immer sehr angestrengt (lacht). Meine Erfahrung ist, dass keine Technik – so gut sie auch sein mag – gleichermaßen auf jedes Pferd anwendbar ist. In der Weise, in der ich mich individuell auf einen Menschen und dessen Bedürfnisse einlasse, so tue ich das auch in Hinblick auf die Pferde.

„Mühlenwächter“ 2018, BU und ©Katina von Werthern

Paschel: Die „artgerechte Haltung“ ist immer nur eine Annäherung an den Zustand in der freien Wildbahn, den es in der ganzen Welt nur noch vereinzelt zu 100% gibt. Die Idealgröße von ein HA pro Pferd erreichst du nicht, aber deine Koppel, auf der die Pferde das ganze Jahr verbringen, hat zwei gegenüberliegende steile Hänge, die durch einen Bach geteilt werden. Allein beim Grasen gymnastizieren die Pferde sich selbstständig. Manchmal ist ein Video aussagekräftigerals alle Worte.

Werthern: Ja, die Pferde sind konditionell in einem guten Zustand. Sie galoppieren zuweilen in der Herde bergab, wobei ich bei manchen Pferden oft Angst habe, dass sie die Bremse nicht mehr finden (lacht). Es ist richtig, dass ich die sogenannte Idealgröße von einem HA pro Pferd nicht gewährleisten kann, aber das ist hierzulande tatsächlich kaum mehr zu realisieren. Dadurch, dass die Pferde das Gelände der Mühle ganzjährig zur Verfügung haben, machen sie einen sehr zufriedenen Eindruck. Es ist das Maß an Freiheit, das ich ihnen hier an diesem – für uns – paradiesischen Ort gewähren kann. Doch letzten Endes gehen körperliche und seelische Freiheit Hand in Hand, denn ein Wesen kann körperlich frei und seelisch gefangen sein und umgekehrt. Mir war es schon immer wichtig, dass die Pferde an meiner Seite „im Sinne eines Pferdes“ leben konnten. Ich habe ihnen – als Aspekten meines Selbst – körperlich die (Bewegungs-)Freiheit zugestanden, die ich mir als Mensch dann im Laufe all der Jahre im Erkennen und Heilen unserer seelischen Einheit erschlossen habe.

Paschel: Vielen Dank, liebe Katina. Ich freue mich sehr, dass ich dich wieder getroffen habe.

Anmerkungen:

Weiterführende Informationen unter https://www.katinavonwerthern.de und www.oberedielmühle.de im Weltnetz.

Mehr Bilder zum Beitrag in der Fotoreportage: Selbstreflektion durch die Beziehung zu Pferden von Katina von Werthern.

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