Seit hundert Jahren: Orchestra Dell` Accademia Nazionale di Santa Cecilia – Römisches Spitzenorchester auf Europatour in der Alten Oper in Frankfurt am Main

Blick auf die Alte Oper in Frankfurt am Main

Weil das Orchester eine respektable Geschichte hat, aber erst jetzt so richtig wahrgenommen wird, einige Daten. Dem Orchester hängt an, daß Italien, italienische Musik wie auch das Musikmachen selbst immer und ewig auf die italienische Oper bezogen wird, so als ob schon in der Schule alle arienträllernd aufgezogen werden. Dabei wurde es schon 1908 gegründet und hatte damals Dirigenten wie Gustav Mahler, Claude Debussy, Igor Strawinsky, Arturo Toscanini, Wilhelm Furtwängler, Herbert von Karajan und eben 1909, 1913, 1923 und 1936 Richard Strauss mit „Ein Heldenleben“ zu Gast. Nach der heiligen Cäcilie ist dies Orchester aus gutem Grund benannt. Denn diese, die Heilige der Musik, insbesondere der Kirchenmusik, soll um 200 in Rom gelebt haben und wegen ihres Glaubens am 22. November 230 zur Märtyrerin gemacht worden sein. Sie hatte sich nämlich als Jugendliche mit Jesus Christus verlobt und als sie einen Burschen heiraten sollte, von diesem verlangt, sich vom Papst taufen zu lassen, damit er den christlichen Engel an ihrer Seite als ihren Schutz sehen könne.

So geschah es und er erblickte den Engel, beschützte die Jungfrau Cäcilia in einer Josephsehe, wurde ein eifriger Missionar, während sie die Poesie und Kompositionen inspirierte, denn sie ist auch die Patronin der Komponisten und Dichter, der Sänger und Orgelbauer, all derer, die damals zu Gottes Lob Musik machten und deshalb auf vielen mittelalterlichen und späteren Bildern mit ihren Attributen wie Orgel oder Geige dargestellt worden. Wie sollte also ein Nationalorchester aus Rom auf einen anderen Namen kommen? Bruno Cagli, der Intendant der Accademia Nazionale di Santa Cecilia hatte viel zu erzählen aus der abwechslungsreichen Geschichte des Orchesters, die jetzt mit dieser Europatournee nach dem Musikvereinssaal in Wien und der Aufführung in Bratislava erneut in der Alten Oper zu Gast war und ein Programm auflegte, daß auch in Rom zu hören war.

Während des Einspielens fiel auf, daß das Orchester viele jüngere Mitglieder hat, auch viele Frauen. Antonio Pappano, zwar italienstämmig, aber in London geboren und musikalisch angelsächsisch erzogen, ist sehr früh in die Fußstapfen von großen Vorgängern getreten. Wir haben ihn kennengelernt, als er mit 32 Jahren Musikdirektor des Theatre Royal de la Monnaie in Brüssel wurde. Gleich anschließend begann die Weltkarriere, die auch zahlreiche Auszeichnungen für CD-Einspielungen beinhaltet. Ludwig von Beethovens Fünfte, das Konzert für Klavier und Orchester Nr. 5 Es-Dur op.73, ist ein so bekanntes, oft gespieltes, beliebtes wie vertracktes Stück. Es kommt buchstäblich auf jeden Ton an und auf eine gemeinsame Auffassung von Pianistin und Orchester/Dirigent. Obwohl die Einsätze reibungslos klappten, hatte das Orchester schon bei Beethoven heldenhafte Töne, auch einen Allerweltsklang, der auf Eindruck und Lautstärke setzte, aber die sinnhafte Entwicklung dieser Musik, die das Klavier vorgibt, außer acht ließ.

Dieses machte Mitsuko Uchida wett mit ihrem Klavierspiel, das wie ein Zwiegespräch von ihr mit dem Klavier, besser noch eine Dreierkommunikation einschließlich des Orchesters erschien, in dem sie jeden Ton in dieser Sekunde erfindet, so nachdenklich, so zart und doch so bestimmt und mit aller pianistischen Raffinesse virtuos und auch kraftvoll, wo es angebracht war. Ihre Wiedergabe des genau vor 200 Jahren komponierten Konzertes bleibt den Hörern in Erinnerung, da sind wir sicher. Der nicht endenwollende Beifall bescherte als Zugabe einen Satz der Bachschen Französischen Suite Nr. 5. Die ist in G-Dur, aber den Es-Dur-Auftakt des Klavierkonzertes setzte die nach der Pause folgende Sinfonische Dichtung „Ein Heldenleben“ von Richard Strauss fort. Diese Programmusik genannte Komposition ist deshalb untertitel in: Der Held – Des Helden Widersacher – Des Helden Gefährtin – Des Helden Walstatt – des Helden Friedenswerke – Des Helden Weltflucht und Vollendung.

Eigentlich ist das völlig egal, welchen Inhalt die Hörer den Klangwolken entnehmen, die das Orchester jetzt hervorzauberte und immer von neuem nach leiser Zurücknahme den musikalischen Jubel anschwellen ließ. Dirigent Pappano machte den Eindruck, daß er dies alles in der Hand hatte und wie auf der Kommandobrücke nur noch Einsätze gab, die die perfekt eingestellten Musiker begeistert und gekonnt aufnahmen. Der Schwung der Strauss’schen Wiedergabe setzte sich in drei stürmisch bejubelten Zugaben fort: Nach einem lieblichen Satz von Edwar Elgar, eine dramatische Zuspitzung des Ungarischen Tanzes Nr. 5 von Johannes Brahms und der davonstürmenden Seligkeit des Endes vom „Tanz der Stunden“ aus der Oper „La Gioconda“ von Amilcare Ponchielli. Es hatte schon etwas Besonderes, und im zweiten Teil gar nicht Angesprochenes, daß beide Konzerte nicht nur in Es-Dur stehen, sondern jeweils die bewußten Endprodukte einer Komponistentätigkeit sind. Beethoven hatte mit der Fünften seine Klavierkonzerte abgeschlossen, weil er mit ihnen alles Sagbare ausgedrückt hatte, und Strauß hatte mit dem Heldenleben seinen Sinfoniezyklus und gleichzeitig das 19. Jahrhundert abgeschlossen.

Daß das Konzert ein Erfolg wurde, war nicht nur dem Veranstalter, dem Orchester und dem Dirigenten wichtig, sondern sozusagen ganz Italien. Es hatte nämlich vor dem Konzert Matteo Marzotto, Präsident von ENIT, der staatlichen Tourismusorganisation, zusammen mit dem für Mitteleuropa zuständigen ENIT-Direktor Marco Montini eine Pressekonferenz abgehalten, wo nicht nur der schon erwähnte Intendant Bruno Cagli über die hervorragende römische Spielstätte im Auditorium Parco della Musica mit 2700 Sitzen – entworfen von Renzo Piano – berichtete, sondern die staatliche Zusammenarbeit des Orchesters mit einer Italienwerbung verbunden wurde, die allerdings nicht nur die Kultur umfaßt, sondern auch die operative Gesellschaft des italienischen Ministeriums für Landwirtschaft und Ernährung, denn Essen und Trinken gehört zu einem Italienaufenthalt einfach dazu. Das sagen Matteo Marzotto die Zahlen der Italienurlauber, von denen 20 Prozent aus Deutschland kommen.

Die Zahlen konnte auch Claus Witzeck freudestrahlend für FIAT-Deutschland kommentieren, die seit 1996 in Frankfurt am Main sitzen und dieses Jahr das zweitbeste Ergebnis in Deutschland mit 180 000 verkauften Wagen hatten. „Bezahlbare Mobilität“ sei das, was FIAT liefere, weshalb seine Rede dahinging, mit einem Fiat erst in die 1894 gegründete Fabrik in Turin zu fahren und dann weiter nach Apulien zum Beispiel, wo unterwegs dann auch die Accademia Santa Cecilia besucht werden kann, deren Jahresprogramm verteilt wurde. Nett, daß die FIAT- Group mit dem Erlös von so vielen gekauften Autos dann auch den Auftritt der Römer in Frankfurt sponserte.

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www.santacecilia.it

www.enit.de

www.alteoper.de

www.fiat.de