Schönheit um jeden Preis

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„Lass uns in Kontakt bleiben.“ Mehrfach fällt der Satz: zwischen Su-young und dem undurchsichtigen Angestellten Jae-beom, zwischen Jae-beom und einem Geschäftspartner. Statt emotionale Verbundenheit auszudrücken, bezeichnen die Worte größtmögliche Distanz. Fallen sie, bahnt sich ein neues Abhängigkeitsverhältnis zwischen den Protagonisten an. „Dahinter standen immer finanzielle Probleme.“, sagt Regisseur Hyung-ki über das Wertesystem seiner Charaktere. Deren Geldnot zwingt sie zurück zu den Menschen, mit welchen sie am wenigsten Kontakt wollen. Die tief pessimistische Porträt einer emotional verkümmerten Gesellschaft zeichnet materielle Bedürfnisse als letztes verbliebenes Kommunikationsmittel. Die Geldbeschaffung, mit welcher sich die jungen Menschen plagen, ist der kleinste gemeinsame Nenner, der sie noch verbindet. Um an verbilligte Ware zu gelangen, die sie weiterverkaufen kann, hintergeht Su-young ihre Vorgesetzte. Nichteinmal ihrem Freund will sie mit dem erschlichenen Gut trauen. Als sie es dennoch tut, behält er den Profit und verschwindet: „Ich zahle es dir eines Tages zurück.“ So-youngs Betrug fliegt auf und die Schulden häufen sich. Ihre entfremdete Mutter wird ihr nicht helfen, der Betrieb will den Warenverlust erstattet haben, die Klinik für kosmetische Chirurgie drängt mit der Bezahlung.

Flüchtig umrissen wie die Modeskizzen, welche Su-young nebenher zeichnet, wirken die Charaktere in „Our fatastic 21. Century“ auf den ersten Blick. Scheu und zurückgezogen scheinen sie sich dem Zuschauer entziehen zu wollen. Gerade in jener Distanz erschließt sich die psychologische Tiefe der Figuren. Welche Art Eingriff das schweigsame junge Mädchen im Zentrum der Handlung vornehmen lassen möchte, verrät Ryu Hyung-ki in seiner leisen Tragödie nie genau. Die Operation bezeichnet eine Leerstelle, welche von den individuellen Wünschen des Betrachters ausgefüllt werden kann. Bitte füllen Sie ihre Sehnsüchte hier ein. Bei Su-young ist die größte Sehnsucht die Sehnsucht nach Veränderung ihrer selbst. Niemals spricht sie darüber, warum sie die Operation möchte. Tief in ihrem Inneren scheint sie von dem kindlichen Wunschdenken getrieben, danach sei alles anders. Vielleicht hätte sie endlich Erfolg, würde endlich geliebt werden. Alles ist möglich in unserem fantastischen 21. Jahrhundert, „Our fantastic 21. Cenbtury“. Schön sein, schlank sein, glücklich sein. Und alles hat seinen Preis. Die Einsamen und Getrieben in „Our fantastic 21. Century“ sind bereit, ihn zu zahlen. Koste es, was es wolle, auch das Leben.

Schließlich fließt Blut, doch nicht auf dem OP-Tisch. Wie ein Gespenst läuft Su-young auf einer nächtlichen Straße ihrem Traum entgegen. Ihr Handy klingelt: ein spukhafter Anruf, der sie weiter verfolgen wird, nachdem sie ihn abgewiesen hat. Den Geistern ihrer alten Existenz kann sie nicht entkommen. „Neo-wa na-eui i-shib-il-seki“ zeigt das wohl traurigste Happy End auf dieser Berlinale. Ein bitterer Abgesang auf jene schöne neue Welt, „Our Fantastic 21. Century“.

Titel: Neo-wa na-eui i-shib-il-seki – Our fantastic 21. Century

Berlinale Forum

Land/ Jahr: Republik Korea 2009

Genre: Drama

Regie und Drehbuch: Ryu Hyung-ki

Darsteller: Han Soo-yeon, Lee Hwan, Choi So-eun, Shin Hyun-ho

Laufzeit: 83 Minuten

Bewertung: ****

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