Schläft die Vernunft oder träumt sie? Und welche Folgen hat das jeweils? – Helmut C. Jacobs „Der Schlaf der Vernunft. Goyas Capricho 43 in Bildkunst, Literatur und Musik“

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In der Tat ist es genau andersherum und die Dichter und Denker und die bildenden Künstler genauso haben das im Menschen liegende Unbewußte, das Vorbewußte und das Es immer schon zum Thema ihrer Kunst gemacht. Was wären wir in der Erkenntnis der Psychoanalyse heute beispielsweise ohne die griechischen Tragödien, von denen nicht umsonst „Ödipus“ in den allgemeinen Sprachgebrauch gelangte, nicht nur in den psychoanalytischen.

Nummer 43 der Caprichos also. Das ist vielleicht doch sinnvoll, erst einmal von diesen zu sprechen. Der spanische Maler Francisco de Goya y Lucientes war nicht nur Maler, sondern auch als Grafiker tätig. „Los Caprichos“, was man übersetzen kann mit „Die Launen“ oder „Die Grillen“ sind 80 Aquatinta Radierungen, die zusammengehören und in den Jahren 1796 und 1797 entstanden. Sie sind alles in allem eine scharfe Kritik des Künstlers an der spanischen Gesellschaft einschließlich ihrer Wortanführer und Machthaber, der Oberen genauso wie des Klerus, aber eigentlich geht es ihm insgesamt um das gesellschaftliche Klima, wo der Mensch dem Mensch ein Wolf ist.

Die Erstauflage 1799 geriet gleich in den Beginn der Inquisition und wurde sicherheitshalber zurückgezogen. Seit damals gibt es viele Ausgaben, auch viele Ausstellungen der berühmten Folge. Die Literatur dazu kreist fast immer um das Blatt Nummer 43, das auf dem Holzblock, auf den der Schläfer den Kopf gebettet hat, – es sieht aus wie ein Schreibtisch, denn da liegt der Pinsel – an der Seitenwand stehen hat: „El sueno de la razon produce Monstruos“, was gemeinhin mit „Der Schlaf“ oder „Der Traum der Vernunft gebiert Ungeheuer“ übersetzt wird, wobei im Deutschen die Worte Schlaf und Traum überhaupt nicht identisch sind und darum sich schon an der Übersetzung die Konflikte entladen, die wir hier nicht ausdiskutieren, aber andeuten wollen, daß einerseits die Vernunft schlafen kann mit den bösen Folgen, daß das Irrationale die Herrschaft antritt, was wir mit der Aufklärung verhindern müssen oder eben die Vernunft träumt und sich im Traum dann auch aufgibt, in dem sie ihre Prinzipien über Bord wirft und selbst antiaufklärerisch wird .

Jacobs hat eine bewundernswerte Arbeit auf sich genommen und dieses vielleicht meistdiskutierte und gedeutete Blatt spanischer Kunst in seine Bestandteile zerlegt und läßt uns an diesem Diskussionsprozeß teilhaben. Das geht in die Vollen, weil es über die Deutungshoheit im Kunstbetrieb hinausgeht. In fünf Kapiteln werden erst einmal die Entstehungsgeschichte, Struktur und Gehalt des Bildes, das Bild und Text vereint wie ein Comic dargeboten. Ein zweiter Teil nimmt die körperbezogene und anthropologische Dimension in der Gesten- und Körpersprache des Schlafenden auf. Ein dritter Teil hat zum Mittelpunkt die Phantasie zwischen Vernunft und Wahnsinn und damit das Zentrum unserer heutigen Welt angesprochen. Denn von heute her sieht man noch viel klarer, wie die gesamten Caprichos in ihrer entfesselten Phantasie die Basis dessen gebildet haben, was wir die Ästhetik des Monströsen nennen, von denen nicht nur die Bildwerke und die Texte, sondern seit dem 20. Jahrhundert auch die Filme voll sind.

Es ist also Goya, der den Bund von Schönheit und Bildkunst auflöst, in dessen Zentrum das Häßliche zwar eine Funktion hatte, in dem aber auch dem gesellschaftlichen Gegner beispielsweise immer noch zugestanden war, in Schönheit zu sterben, so wie im hellenistischen Griechenland um 225 vor Chr. der „Sterbende Gallier“ es tun durfte, während andererseits in Nordeuropa schon immer die Künstler stärker das Abweichende, Häßliche und Nichtzubesiegende thematisierten so wie Hieronymus Bosch. Das Antiklassische ist eigentlich eine Sache Nordeuropas, aber Goya hat es in die Hände genommen.

Ohne Helmut C. Jacobs hätten wir zumindest keine Kenntnis von den Bildern und den schriftlichen Kommentaren, die schon damals zum Capricho 43 erstellt und verfaßt wurden und die den vierten Teil ausmachen. Im fünften Teil schließlich geht es um die Rezeption und Transformation des Blattes in Literatur, Malerei und Druckgraphik des 19. Jahrhunderts; dasselbe dann für das 20. Jahrhundert einschließlich intermedialer Transformationen. Insbesondere dieser letzte Teil begeistert ob der Vergleichsbeispiele, wenn Eugène Delacroix, Ary Scheffer, viele Blätter von Grandville, Gustave Doré, íˆdouard Manet, James Ensor, wiederum viel von Max Klinger bis heute dann Filme, Installationen und Zeichnungen sowieso. Dasselbe gilt für die Literatur unserer Zeit, die Jacobs minutiös auf die Zusammenhänge mit Goya untersucht hat. Ein erstaunliches Buch.

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Helmut C. Jacobs, Der Schlaf der Vernunft. Goyas Capricho 43 in Bildkunst, Literatur und Musik, Schwabe Verlag Basel 2006

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