„satt? kochen.essen.reden“ – Neue Ausstellung rund ums Essen im Museum für Kommunikation Frankfurt

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"Imbiss" aus dem Ausstellungsbereich "Draussen essen".

Wie gut, daß das Reglement nicht so streng ist, denn den Zusammenhang von Reden und Essen kann man, muß man aber nicht dauernd mitimaginieren. Wobei noch zu klären wäre, ob die Selbstgespräche, die man eh immer führt, wenn man in Ausstellungen alleine unterwegs ist, zum Reden überhaupt zugehören, finden sie doch in den eigenen Gedanken statt. Mit den Erinnerungen fängt es an. Geschmackserinnungen. Klar, daß schließlich Marcel Prousts „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ doch in der Vitrine liegt, denn die von ihm angeführte Erinnerung an den Geschmack der Madeleine, dieses ovalförmige Gebäck, ist aus unserem kulturellen Gedächtnis nicht mehr wegzudenken. Aber hier geht es um unser eigenes Geschmackserinnern. Fangen Sie gleich mal an. Haben Sie etwas auf der Zunge liegen? Etwas, wo mit dem Geschmack – oder auch dem Speisegeruch – sich sofort die Umstände gleich miteinstellen? In der Ausstellung können Sie das aufschreiben und alle Texte werden aufgereiht und sicher irgendwo und irgendwie wiedergegeben.

Wir sind also zu Hause, suggeriert uns der erste Ausstellungsblock. Da gibt es keine einheitlichen Eßgewohnheiten. Es gibt das Ideal, daß alle Familienmitglieder beisammen sitzen und es sich gut schmecken lassen und dabei über des Tages Nöte und Freuden sich austauschen. Es gibt aber auch das vor dem Fernseher stumme Beieinandersitzen und vor sich hin Mampfen. Und dann gibt es auch das schnelle in den Mund Stopfen, direkt aus dem Kühlschrank, das auch dadurch nicht seltener wird, wenn man immer wieder betont, wie ungesund das ist. Das ist einem Leben geschuldet, wo schon in Kindertagen sozusagen mit Stoppuhr die nächsten Termine verfolgt werden müssen. In dieser Spanne zwischen Ideal und unrühmlichen Alltag bewegen sich die Fotografien (So ißt Deutschland), Gemälde und Texte an den Wänden.

Wir allerdings hätten mit den großen Farbaufnahmen, wo die Familien verschiedener Länder mit dem versammelt sind, was sie eine Woche lang essen und trinken, schon genug, will sagen: hier könnten wir für uns eine Ausstellung alleine machen. Besichtigungsdauer: mehrere Stunden. Denn das glaubt man einfach nicht, wie einem ein solch einfaches Mittel im Bild überdeutlich klar macht, wie abgepackt und konserviert wir sind, will sagen: essen. Da guck sich doch einer die deutsche Familie an. Einfach furchtbar, die Tüten und Dosen und Konserven und all das in Plastik Eingeschweißte von Wurst und Käse und eingewickeltem übrigen Zeug. Dagegen das Rot und Grün vom Gemüse in den Agrarländern, hier aus Guatemala. Mit unserem neuerworbenen Wissen um basische und saure Ernährung, sieht man hier auf einen Blick, wie gesund die Leute sind, die sich hauptsächlich davon ernähren. Das ist eine Ausstellung, die eben auch einen Kulturvergleich gleich mitliefert, wie sie auch unaufhörlich uns deutlich macht, daß unsere Eß- und Essensgewohnheiten überkommene sind, aus unserer kulturellen Geschichte zu erklären.

Selbst das griechische Symposion hat sich als Symposium – Zusammentreffen zu wissenschaftlichen Tagungen – noch im Wort erhalten, nicht aber in seiner Bedeutung, in der sicher – so wie nie wieder – das Essen und das Reden eine Einheit waren, man wegen beider zusammenkam. Nur Männer übrigens. Was nicht stimmt. Aber ohne die Hausfrauen, denn anwesende Frauen waren hochgebildete und hochschöne Hetären, deren Lebenszweck die Unterhaltung der Männer als deren Liebesdienerinnen war. Diese Gastmähler kann man sich gar nicht trinkfreudig genug vorstellen, man lag aufgestützt auf Kissen auf Klinen, aber zu solchen Exzessen wie in Rom, wo auf der anderen Seite schon der Spucknapf stand, in den man hineink”¦, wenn’s zuviel wurde, gab es im kultivierten Griechenland nicht. Der Begriff Gastmahl allerdings hat sich erhalten und damit die Tradition, zu bestimmten Festen und Ereignissen ein besonderes Essen aufzutischen und von der Einladung bis zur Speisefolge und der Tischdekoration das gemeinsame Essen zu etwas Feierlichem zu machen.

Liebe Leute, wir sind immer noch in der ersten Abteilung! Beim Draußenessen wird man gebildet und erfährt, woher der Begriff Picknick beispielsweise kommt, daß dies mit dem Volk zu tun hat, das einen Maler erst „Das Frühstück im Freien“ malen, sein so wunderschönes Werk aber nicht mal in den jährlichen Salons ausstellen ließ, wofür er heute um so berühmter ist, köstlich die Geschichte der Currywurst, der der Weltexpress schon einmal einen eigenen Artikel gewidmet hatte und hier wird auch genau erklärt, was sich am Imbiß vom „Wurstmaxen“ bis zum Döner geändert hat, der übrigens eine deutsche Erfindung, eine Erfindung von Türken in Deutschland ist, die nun den Siegeszug durch die Türkei und die Welt nimmt.

Schauen Sie sich die Speisezüge an, auf den Fotos der Mitropa – also, warum einem die Leute nie glauben, daß diese Reichseinrichtung dann von der DDR weitergeführt wurde, während sich im Westen die Deutsche Schlafwagen- und Speisewagengesellschaft (DSG) gründete – zeigt sich, was das für Zeiten waren, als Speisewagen noch die soziale Stätten für die Besseren waren, die Schöneren, die edel Gekleideten. Die Filme der Dreißiger und Vierziger Jahre sind voll davon. Heute dagegen finden Eheanbahnungskontakte eher in den Pizzerien statt, nein, die sind auch schon wieder vorbei, aber das auswärts Essengehen bleibt bestehen. „Öffentlich essen“ und vor allem „Richtig essen“, müssen Sie nun ohne uns. Aber es ist sowieso sinnvoll, gleich mal in der Ausstellung vorbeizuschauen, wie gesagt, wir taten es mehrfach. Und nicht vergessen: anschließend essen, wenigstens eine Kleinigkeit im dortigen Café und mit den Museumsbesuchern reden!

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Info:

Eine gute Idee entnehmen wir dem Begleitheftchen. „Schlemmen in der Steinzeit“, heißt eine Führung am Sonntag, 11. Oktober 2009 im Archäologischen Museum. Damit fängt – alphabetisch – der Museenverbund in Frankfurt rund ums Essen erst an. Nach und nach werden seit Juni Bibelhaus, Deutsches Filmmuseum, Dommuseum, historisches Museum, Kronberger Haus, Liebieghaus, Museum der Weltkulturen, Museum für Angewandte Kunst, das Senckenberg Museum, Städel und sogar und erst recht das Struwwelpetermuseum per speziellen Führungen abgeklappert und sogar Kochkurse gibt es im Angebot. Seit dem 17. Juni gibt es zudem im Museum Judengasse – das ist da, wo einst die jüdische Synagoge stand, die auf dem Gemälde von Max Beckmann im Städel noch einmal so feierlich leuchten darf, nach der Zerstörung wurde dort das städtische Gaswerk angesiedelt – eine kulturhistorisch besonders interessante Ausstellung: 100 Prozent Kosher. Du Darfst – koscher essen.“

Katalog: Satt? kochen. essen. reden, hrsg. von Corinna Engel, Helmut Gold und Rosemarie Wesp. Der Katalog bündelt die vielfältigen Ausstellungsthemen und faßt sie mit Angabe der Exponate noch einmal zusammen. Daraus ist ein kleines Kompendium geworden, was einem auch nach Schluß der Ausstellung, der noch lange nicht kommt, hilfreich dient, einfach, weil viele grundsätzlichen Dinge rund ums Essen angesprochen und ausgeführt werden. Was wir ätzend finden, ist die Kleinschreibung der Überschriften und des Ausstellungstitels, was uns auch kein Mensch erklären konnte und was etwas hilflos aussieht.

Ausstellung: bis 7. Februar 2010

Das ausführliche Begleitprogramm entnehmen Sie bitte der Webseite: www.mfk-frankfurt.de

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