Ring, Ring, Wunder bring! – Im Grimm-Jahr 2013/14 stehen die Familienkonzerte der Berliner Philharmoniker unter dem Motto »Alles Märchen« – Den »Bremer Blechmusikanten« folgte »Der Trommler«

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Die Deutsche Bank hatte pünktlich gesponsert, doch noch fehlte die zündende Idee. Ein Märchen musste es sein – von wegen Grimm-Jahr. Klar. Aber welches? »Dornröschen«? Von Tschaikowski abgenudelt.  »Rotkäppchen«? Längst zur Sektmarke mutiert. »Rapunzel«? Keine Friseurwerbung, bitte. Genervt  pochte Frau Tober mit den Fingerspitzen auf die Tischplatte. Da sagte einer: »Der Trommler«, und ein anderer: »Platz 193 im Märchenbuch der Brüder Grimm«, und der nächste: »Der Moritz Rinke könnte den Text ja   etwas aufpeppen… « – »… und die Birke Jasmin Bertelsmeier dazu eine Musik schreiben!« – »Mit schönen Trommelsoli für Simon Rössler.« – »í…ndreas Hueck müsste den Erzähler geben.« – »Bettina Geyer die Regie machen.« – »Janet Kirsten sich eine zauberhafte Bühnengestaltung einfallen lassen.« Die Ideen sprudelten nur so. Und irgendwann waren viele davon umgesetzt und der Tag des Familienkonzerts gekommen.

Wie gewohnt war der Kammermusiksaal bis auf die vorletzten Plätze gefüllt. Das erwartungsvolle Stimmengewirr wurde kurzzeitig von einem jungen Mann gedämpft, der behauptete, lieber zu trommeln als  Blockflöte zu üben, was jedoch seine Mama von ihm verlange. Zu allem Überfluss belohne sie ihn mit einer Lesung aus dem Märchenbuch, er kenne jedoch sämtliche Geschichten längst auswendig. Kein Wunder, dass er der Stimme aus seinem Suppenteller folgt. Die gehört einer – natürlich verzauberten – Prinzessin, die von einer bösen Hexe gefangen gehalten wird. Auf dem Glasberg, den noch nie ein Mensch bestiegen hatte, weil noch nie ein Mensch den tiefen, tiefen und von grimmigen Riesen bevölkerten Wald durchqueren konnte. Der Junge schafft das selbstverständlich – mit Hilfe seiner Trommel, eines mehr oder minder herrenlosen Pferdesattels und der wunderschönen Prinzessin. Heirat aber ist nicht. Die rotäugige Hexe will das Königskind nur hergeben, wenn der Trommler in einer einzigen Nacht mit einem Fingerhut den Teich ausschöpft und zu allem Überfluss auch noch die Fische nach Farbe und Größe sortiert. In der nächsten Nacht soll er sämtliche Bäume des Waldes mit einer stumpfen Axt fällen, zersägen, die Scheite ordentlich aufschichten und ein ordentliches Feuer machen. Bitte sehr, bitte gleich. Wiederum dreht die Prinzessin an ihrem Zauberring, raunt: »Ring, Ring, Wunder bring!«, alle Kinder im Saal flüstern mit – und schon ist die Sache gebacken. Der Junge schubst die olle Hexe ins Flammenmeer, rafft ihre Schätze zusammen und macht sich mit der schönen Prinzessin auf den Heimweg. Mama und Papa will er aus undefinierten Gründen erst einmal allein gegenüber treten. Die Prinzessin fleht ihn an, die Eltern nur auf die linke Wange zu küssen, sonst werde er sich nicht mehr an sie erinnern können. »Ha, ich dich vergessen?« ruft der Junge – und verteilt seine Küsse links und rechts. Und prompt er ist einverstanden mit der Braut, die die Eltern ihm ausgesucht haben. Die ist zum Glück neidisch auf das goldene, das silberne und auf das Kleid, dass wie der Sternenhimmel funkelt und die alle der vergessenen Prinzessin gehören. Diese tauscht natürlich Gewänder gegen Mann. Und endlich kann die Hochzeit gefeiert werden.

Eine rechte Stimmung oder gar Feierlaune will auch jetzt im Saal nicht aufkommen. Die Kinder konnten oder wollten auf Dauer der langatmigen Erzählung des Jungen nicht folgen. Angerührt von seinen Worten und Taten fühlten sich offensichtlich die wenigsten. Da war kein Oh, kein Ah und kaum ein Lacher zu hören – dafür ständig allgemeines Geflüster und Babygeschrei.  Auch die Musik vermochte sie nicht zu fesseln. Keine Melodie blieb hängen. Die Intuitionen der Komponistin werden zwar im Programmheft wortreich geschildert, vermittelt – wie in zahlreichen anderen Familienkonzerten – wurde sie den kleinen Zuhörern leider nicht. Die Philharmoniker können das besser.

Vielleicht erinnerte sich später dieser oder jener Konzertbesucher daran, dass der Dirigent (Raphael Haeger) kurzzeitig auch die rotäugige Hexe gab und die Flötistin (Jelka Weber) die Prinzessinnengewänder vorführte. Doch die zahlreichen kleinen Lillifees im Saal hätten  sicherlich ieber die Bekanntschaft mit der wunderschönen Märchenprinzessin gemacht. Die blieb unsichtbar.

Einigen werden der aus zahlreichen weißleuchtenden Regenschirmen zusammengesetzte Glasberg, die aus duftigen Stoffbahnen geformten Wasserwellen, die tatsächlich wandernden Riesenstapfen und weitere hübsche Einfälle der Bühnengestaltung im Gedächtnis bleiben. Und vielleicht fühlte sich eine Mama oder ein Papa sogar an die eigene Kindheit erinnert und an das Hörspiel vom »Trommler«, gesprochen von Klaus Piontek, Jutta Hoffmann, Kurt Böwe  Hans Teuscher und Ruth Glöss, Musik von Hans-Dieter Hosalla, herausgegeben  vom VEB Deutsche Schallplatte. Möglicherweise noch irgendwo  aufzutreiben. Ring, Ring, Wunder bring.
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Vor dem Konzert hatten im Foyer kleine »Vokalhelden« eine Probe ihrer Bemühungen hören lassen, bei einem besonderen Chorprojekt aus dem Education-Programm der Berliner Philharmoniker mitzumachen. Der Spaß an der Freud war den Kindern anzusehen, die in ihren Stadtbezirken mit Chor-Assistenten eifrig geprobt hatten und nun erstmals vor einem Publikum bestehen mussten. »Crowd out – ein Chorwerk für 1000 sprechende, singende, rufende und raunende  Stimmen« wurde vom New Yorker Komponisten David Lang geschrieben. Es soll am 14. und 15. Juni im Rahmen des Sommerfestes auf der Piazzetta am Kulturforum unter der Leitung von Simon Halsey aufgeführt werden. 1000 Berliner sind eingeladen, mitzumachen – auch ohne musikalische Vorerfahrungen! Bewerben kann man sich in einer der offenen Chorgruppen in Moabit, Schöneberg und Hellersdorf.

Weitere Informationen unter: www.crowd-out.de

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