Per pedes durch Palermo – Die arabisch-normannische Altstadt der sizilianischen Hauptstadt ist wunderbar und Weltkulturerbe gemeinsam mit den Kathedralen von Monreale und Cefalù

© Münzenberg Medien, Foto: Stefan Pribnow, Aufnahme: Palermo, 2015

Sizilien

Zum sizilianischen Weltkulturerbe zählen zudem die archäologischen Stätten von Agrigent an der Südküste Siziliens, die Villa Romana del Casale, sie ist eine spätrömische Villa in der Nähe der Stadt Piazza Armerina, die äolischen Inseln Lipari, Vulcano, Salina, Strombolie, Filicudi, Alicudi und Panarea mit ihren vulkanischen Landschaften, die Städte des Spätbarocken des Val di Noto im Südosten der größten Insel des Mittelmeers, Syrakus und die Felsnekropolis von Pantalica sowie der Ätna, der aktivste und mit rund 3 323 Meter über dem Meeresspiegel höchste Vulkan Europas. An Natur und Kultur hat Sizilien Bestes zu bieten.

Die Autonome Region Sizilien kann also nicht nur mit 1 152 Kilometer Küste glänzen sondern auch mit Natur- und Kulturstätten. Die ungefähr 5 Millionen Sizilianer dürfte das freuen, dass Anfang Juli 2015 den Erbauern der arabisch-normannische Altstadt Palermos sowie den nicht weit von der Hauptstadt Siziliens gelegenen Kathedralen von Cefalù und Monreale posthum eine weltweite Würdigung erwiesen wurden. Das sollte einigen der auf rund 160 Quadratkilometern lebenden 700.000 Einwohnern Palermos, die ihre Stadt meist Palermu oder Paliemmu nennen, Auftrieb geben.

Palermo

© Münzenberg Medien, Foto: Stefan Pribnow, 2015

Auch Tommaso Pantè aus Messina, der mich in Englisch als mein Fremdenführer für die nächsten Tage begrüßt und darauf besteht, mit Tommaso angesprochen zu werden, stellt sich als waschechter Sizilianer vor, der aber auch Europäer und schließlich sogar Italiener sei. Er würde sich freuen, wenn der Kulturtourismus anziehen würde. Ideal für Kulturreisen seien der Frühling oder der Spätsommer und frühe Herbst, wenn die Temperaturen moderat seien, meint der stattliche wie sonnengebräunte Mann mit leicht grau meliertem Haar. Grob geschätzt dürfte er Mitte Vierzig sein. Vor allem im Frühling sei Sizilien grün und überall würden Blumen blühen. Dem schlanken Recken mit den wachen wie wissbegierigen Augen glaube ich das gerne. Wer im Sommer auf Sizilien seinen Urlaub verbringe, der solle nicht nur am Meer bleiben, sondern sich ins Hinterland, hoch in die Berge, die im Hochsommer nicht nur eine Erfrischung sondern auch Abwechslung vom Müßiggang am Strand böten, bewegen, meint Tommaso. Wir werden sehen.

Vorerst bewegen wir uns per pedes durch Palermo, um bürgerliche und kirchliche Bauten aus der Ära des Normannischen Königreichs Sizilien (von 1130 bis 1194) zu bestaunen: Der Palazzo Reale mit der Cappella Palatina, das Normannenschloß Castello della Zisa, die Kirchen San Giovanni degli Eremiti, Santa Maria dell ´ Ammiraglio und San Cataldo, die Kathedrale und der Ponte dell ´ Ammiraglio – alle Gebäude sind Sehenswürdigkeiten.

Laut Tommaso seien sie ein Beispiel des soziokulturellen Synkretismus aus westlicher, islamischer und byzantinischer Kultur auf Sizilien, das – by the way – sizilianisch Sicilia und griechisch Trinakria genannt wird, wobei die griechische Bezeichnung Dreikap die geografische Form der großen Insel vor der Stiefelspitze der Republik Italien anschaulich beschreibt.

© Münzenberg Medien, Foto: Stefan Pribnow, 2015

Palermo per pedes verlangt nach einer Pause. Nahezu perfekt erscheinen die Parkanlagen der Stadt. Der Parco della Favorita am Fuß des Monte Pellegrino ist zwar der größte und auch der Botanische Garten ist, weil Johann Wolfgang von Goethe dort nach der Urpflanze suchte, fürs Anschauen mit Anekdoten gut geeignet, doch im kleinen Park Giardino Garibaldi vor dem großen Palazzo Chiaramonte und nah an einer Marina für Millionäre mit beachtlichen Segel- und Motoryachten wachsen gigantische, großblättrige Feigenbäume wie sonst nur in Australien.
Wer nicht nur Grün sondern auch Ruhe will, der besichtige Friedhöfe.

Warum auch nicht? Auf dem Friedhof Santa Maria dei Rotoli liegt der  Bildhauer und Jugendstilarchitekt Ernesto Basile, dessen Bauwerke sich hier und da auf Sizilien finden lassen und der für das Teater Massimo in Palermo nach dem Tod seines Vater die Federführung übernahm.

© Münzenberg Medien, Foto: Stefan Pribnow, 2015

Das Teatro Massimo auf der Piazza Verdi dürfte als Italiens größtes und Europas drittgrößtes Opernhaus nicht nur für Dienstleistungs-Gewerkschaftler ein Das-muss-ich-gesehen-haben sein, weil eine Büste von Giuseppe Fortunino Francesco Verdi vor der Tür steht, sondern auch für Cineasten, denn Francis Ford Coppola wählte das Teatro Massimo als Schauplatz für die Schlussszenen in Der Pate – Teil drei. „Verdi eröffnete das Teatro Massimo übrigens“, erklärt Tommaso, um mich von Ver.di abzulenken, „mit der in Mailand uraufgeführten Oper Falstaf“, während wir im großen Opernsaal, der 3 200 Personen Platz zum Sitzen bietet, unter einer kolossalen Kuppel stehen und staunen. Heute wird das Teater Massimo, das – keine Frage – mehr als einen neuen Anstrich benötigt, für viele Arten von Veranstaltungen genutzt, nicht nur für eine mehr oder minder komische Oper mit lustigen Weibern von Windsor.

Großes Theater bieten auch lokale und regionale Politiker in Palermo, doch für die ist in diesem Artikel kein Platz, wohl aber für Paläste. Wer sich auf einem der Märkte wie dem Mercato della Vucciria, der einst der Markt der Metzger war, mit Obst und Gemüse, Fleisch und Fisch eingedeckt hat, der strebt zu den Häusern der Herren, um diese zu bewirten. Die farbenfrohen Lebensmittelmärkte, die Vucciria, seien, so Tommaso, ein Geheimtipp, „um einen Einblick in die Vielfalt und Frische saisonaler und regionaler Gärten mit mediterranen Produkten zu gewinnen“. Das glauben wir gerne und gehe weiter zu den Gewinnern.

© Münzenberg Medien, Foto: Stefan Pribnow, 2015

Die Reichen, die selten schön sind, lebten in hohen Häusern, die im Mittelalter meist festungsartig gestaltet wurden. Paradebeispiel sei der Palazzo Chiaramonte, sagt Tommaso, und führt uns vor das spätgotische Gebäude des 14. Jahrhunderts auf Sizilien. Blicken sollten Besucher auch auf den Palazzo Sclafani, den Palazzo Abatellis, den Palazzo Pretorio, in dem sich heute das Rathaus befindet, dem Palazzo Aiutamicristo und vor allem dem Normannenpalast, der an der höchsten Stelle des mittelalterlichen Stadtgebietes steht, die einst von zwei Flüssen umschlungen waren. Im 9. Jahrhundert nach unserer Zeitrechnung wurde dort für den Emir von Palermo eine Sommerresidenz gebaut. Emir müsste man sein oder Roger der Zweite, für den die Residenz zu einem Regierungssitz umgebaut wurde, obwohl dort weiterhin residiert wurde. Statt Emire aus Arabien waren fortan normannische Könige Herren im Haus, weswegen der Palazzo Reale (Königspalast) auch Palazzo dei Normanni (Normannenpalast) genannt wird. Wessen Füße so weit tragen, dessen Wunsch sollte sein, hinein zu gehen. Heute sitzen im Palast die Parlamentarier der Autonomen Region Sizilien und wandeln Reisende wie wir, vor allem durch die mit dem gespendeten Geld des Großbourgeois Reinhold Würth zwischen 2003 und 2008 restaurierte Cappella Palatina (Palastkapelle), die vor lauter Blattgold glänzt. Darauf ein Goldwasser!

© Münzenberg Medien, Foto: Stefan Pribnow, 2015

Wenn von Kapellen die Rede ist, dann sind Kirchen nicht weit. In der Kürze der Zeit eines Kulturreisenden bleiben manchmal nur Blick auf und in Kathedralen. Doch die Bedeutendste, die Kathedrale Maria Santissima Assunta, lohnt für Leibhaftige deutscher Zunge, die beim Spaziergang vom Normannenpalast nicht aus dem Halse hängt, denn der Weg ist ein leichter und nicht weit. Die Kathedrale beinhaltet nämlich Kaiserknochen. Der im normannisch-arabischen Stil errichtete Bau beherbergt die Gräber der Staufer Heinrich VI. und Friedrich II. samt seiner Mutter Konstanze von Sizilien.

Kommen wir von dieser Kathedrale in Palermo zu den Kathedralen von Cefalí¹ und Monreale und zwar auf mindestens zwei Rädern. Ortsüblich mit einem Motorroller, vorzugsweise mit einem Roller einer italienischen Marke wie Aprilia, Benelli, Gilera, Lambretta, Malaguti oder Vespa, der Umwelt zuliebe mit einem Elektromotorroller.

Monreale

© Fototeca ENIT, Photo by Vito Arcomano

Langsam und immer geradeaus fahren wir erst die Via Vitorio Emanuele entlang und verlassen unser Kalsa genanntes Viertel in der Altstadt von Palermo, um dann den Corso Calatafimi entlang Richtung Monreale zu rollen. Zum Schluß sind es noch ein paar Kurven auf der mit SS186 bezeichneten Straße nach Monreale hinauf. Gut, günstig und echt öko erreichen wir nach rund einem Dutzend Kilometern, für die wir gefühlt eine Stunde brauchten, Monreale.

Von dort oben am Hang des Monte Caputo schweifen unsere Blicke über ein zersiedeltes Tal bis ans Meer. In der Ferne sehen wir die Hochhäuser von Palermo, allesamt Wohnsilos in schmuckloser Eindimensionalität. Doch Tommaso zieht uns in die Geschichte zurück.

„Wilhelm der Gute“ ließ als sizilianischer König ab 1172 hier ein Kloster, einen festungsartigen Gebäudekomplex mit Kathedrale, Palais und Palast erbauen. Benediktiner, Erzbischöfe und Könige wohnten bisweilen hier“, fährt er fort, während ich nur noch die Kathedrale mit dem Kreuzgang sehe. Mehr sei nicht erhalten geblieben, bedauert Tommaso, und wir schauen uns in dem eher armen Ort mit reicher Vergangenheit um, bevor dieser Tagesausflug vorbei ist und der nächste ins von Palermo eine Stunde Autofahrt entfernte Cefalù ansteht.

Cefalù

© Fototeca ENIT, Photo by Sandro Bedessi

Wie Palermo und Monreale wurde auch Cefalù, eine Stadt am Meer in der Provinz Palermo, mit dem tollen Titel Weltkulturerbe bedacht. Ein romantischer Fischerort ist Cefalí¹ schon längst nicht mehr, auch wenn noch das eine oder andere Szenario daran erinnert. Ein Sandstrand lädt immer noch zum Baden ein und scheint beliebt bei Jung und Alt, Dick und Dünn. Vor allem die Altstadt der 14 bis 15 000 Einwohner zählende Stadt am Fuß der Rocca di Cefalù, einem 270 Meter hohen Burgberg voller Kalk und an den Ausläufern der Madonie, einer Gebirgskette in der Mitte an der Nordküste Siziliens, gelegen, ist sehenswert und bleibt beliebt. Mitten in der ab dem 12. Jahrhundert nach unserer Zeitrechnung gebauten Altstadt steht eine Normannenkirche. Diese Kathedralkirche von Cefalú ist nun ebenfalls ein Erbe der Weltkultur. An der Abtei Thelema, einer von Aleister Crowley gegründeten „Tu-was-du-willst“-Landkommune unweit der Hafenstadt Cefalù, wird dieser Kelch bestimmt vorübergehen, denn Welterbestätten der Kultur scheinen vor allem Kirchen zu sein.

Der aus Palermo bekannte Roger II. gilt als Gründer auch dieser Kirche, so will es die vom textsicheren Tommaso vorgetragene Sage, denn dieser König von Sizilien habe den Klabautermann gesehen, seine Seemannschaft sich mit Schiff und König jedoch nach Cefalù retten können. 1131 begannen Arbeiter mit dem Bau der Kirche, deren Fassade erst 1240 fertiggestellt wurde. Augenscheinliche Fassenteile wurden noch später gebaut und sollen aus dem Jahr 1472 stammen. Richtig, auch diese Kirche ist ein großes Sammelsurium verschiedener Generationen von Bauherren und Bauarbeitern. Doch nicht nur diesen, auch Cineasten ist Cefalí¹ bekannt. „Szenen des preisgekrönten Films Cinema Paradiso von Giuseppe Tornatore wurden“, weiß Tommasso zu erzählen, „hier gedreht.“

Nicht nur Palermo und die Provinz Palermo sondern die ganze Insel Sizilien scheint reich an Kultur, sowohl geprägt von Kirchen- als auch von Kinogängern. Die Geschichte des Weltkulturerbes auf Sizilien, so viel ist sicher, wird weitergehen. Und ich fahre mit Tommaso weiter: ins Hinterland, in die Berge.

Reisehinweise:

Reisezeit: für eine Kulturreise eignet sich besonders der Frühling.

Einreisebestimmungen: Reisepass oder Personalausweis ist für Erwachsene erforderlich. Für Kinder sind Kinderausweis oder Kinderpass nötig.

Flughafen: Der Flughafen Palermo-Punta Raisi liegt unterhalb der Berge, dem Kap Punta Raisi und zwar direkt am Meer. Von dort geht es mit Bahn oder  Bus und Auto über 35 Kilometer Küstenautobahn bis nach Palermo weiter.

Übernachtungen: Das Grand Hotel Piazza Borsa ist ein 4-Sterne-Hotel in altehrwürdigen Gebäuden im Altstadtviertel Kalsa, Via dei Cartari 18, 90133 Palermo, Telefon: +39 091 320075, Fax +39 091 6116700, Email: piazzaborsa@piazzaborsa.com, Web: http://www.piazzaborsa.com/index.php/de/

Fremdenführer: Vieles über und von Fremdenführer Tommaso Pantè ist unter http://www.sunway.it zu finden. Telephone/WhatsApp: + 39 347 185 6950, www.facebook.com/tommaso.pante

Infos: beim Italienischen Fremdenverkehrsamt namens ENIT, www.enit.at und www.enit.de

Unterstützungshinweis:

Die Recherche wurde von ENIT unterstützt.

Vorheriger ArtikelWikiLeaks lebt – Assange will deuschen Abgeordneten ungeschwärzte NSA-Listen übergeben
Nächster ArtikelDer 43. AvD-Oldtimer-Grand-Prix 2015 – Gewinnen Sie 3×2 Wochendkarten vom 7. bis 9. August 2015