Pappeln, Plumpe, Leder-Pillen

© Edition Else

Die Rüpel hatten das Militärgelände besetzt und jagten einer Lederpille nach, um sie mittels Fußstoßes durch ein notdürftig aufgestelltes Gestänge zu befördern. So etwa muss es sich dem unbedarften Zuschauer dargestellt haben als aus Berliner Brachen „Rasen der Leidenschaften“ wurden.

Unter diesem Titel ist seit kurzem ein Buch im Handel, in dem Christian Wolter 66 Berliner Fußballplätze und ihre Geschichte vorstellt. Dabei ist es dem Autor nicht allein darum gegangen, eine Art Lexikon Berliner Bolzplätze zu erstellen. Wolter gelingt es, auf diese Weise Stadtgeschichte zu erzählen, was dieses Buch nicht nur für Freunde des mehr oder weniger gepflegten Balltretens, sondern auch für allgemein interessierte Leser spannend macht.

So erfahren wir, dass das nördliche Pendant des Tempelhofer Feldes, der „Exerzierplatz an der einsamen Pappel“, ebenfalls von Fußballern okkupiert wurde. Während im Süden Germania 88 oder der Englische Football Club von 1883 kickten, schritt hier die Alemannia 90 als Kicker-Avantgarde voran. Es folgten der FC Hertha 1892, Rapide, Merkur und der BFC vom Jahre 1893. Die einsame Pappel kann noch heute vor dem Jahn-Sportpark an der Topsstraße besichtigt werden. Etwa 30 Meter ragt die Schwarzpappel in den Berliner Himmel. Allerdings wächst nun hier die Tochter des historischen Baums, der 1967 gefällt werden musste. Aus einem Reiser des historischen Baums wurde der neue gezogen und an die selbe Stelle gepflanzt. Nicht des Fußballs wegen, sondern sich unter seiner Krone  während der Märzrevolution 1848  die Berliner zu ihrer ersten großen Massendemonstration trafen.

So wie heute das Jahnstadion wurden aus manchen Berliner Bolzplätzen mit den Jahren große Arenen. Zum Besipiel die Olympia-Radrennbahn in Plötzensee. Heute fast vergessen. Dort, wo 1911 die beste Freiluft-Radsportbahn Berlins ein Fußballfeld einrahmte, grünt heute eine Gartenanlage. Nur ihr Name Olympia erinnert an jenes Stadion. Neben Radsportveranstaltungen war dieser Platz Austragungsort großer Fußballspiele. So kamen am 26. Februar 1922 immerhin 19 274 zahlende Zuschauer zum Städtespiel Berlin gegen München. Außerdem waren Tausende Zuschauer ohne Ticket auf die Traversen und die Betonbahn gelangt – teils als Schüler mit Freikarten, teils als „blinde Passagiere“. So sahen etwa 25 000 Menschen wie Berlin 2:1 gewann. Olympische Wettbewerbe indes erlebte die Bahn am damaligen Königsdamm (heute Heckerdamm) nie. Einziges spektakulär noch ein Ereignis im Zweiten Weltkrieg: ein Bomber der Royal Air Force stürzte auf die Bahn und setzte die Haupttribüne in Brand.

Verschwunden auch manch andere Stätte der Fußball-Geschichte. Die Mutation der legendären Plumpe, vom einst schönsten Fußballstadions Berlins und Heimstätte von Hertha BSC zu einem langweiligen Plattenbauviertel ist weitgehend bekannt.  Auch die Umwandlung des Polizeistadions zum Walter-Ulbricht-Stadion, dann in das Stadion der Weltjugend und heute zur Schlapphut-Zentrale des BND ist bemerkenswert.

Fast vergessen indes das alte Preussen-Stadion. Die Großkampfbahn auf dem Tempelhofer Feld, immerhin Kulisse des ersten deutschen Fußballfilms „König der Mittelstürmer“ musste 1936 dem Bau des Flughafens weichen. Weit weniger Aufsehen erregte der Niedergang des Sportplatzes der BSG KWO als Folge des Untergangs der DDR samt BSG. Kurios das Schicksal des  Ernst-Thälmann-Stadions in der Wuhlheide: Wildschweine untergruben permanent das Spielfeld. 2005 resignierte die Köpenicker Sportverwaltung.  An Stelle von Kickern wandeln nun Spaziergänger durch einen Modellpark der Region Berlin-Brandenburg – einer Art Legoland für Ossis.

Es gibt auch streitbare Punkte in dem Buch. So zum Hans-Zoschke-Stadion in Lichtenberg. Das Stadion, einst Eiland im Herrschafts-Areal von Erich Mielke, trotzte allen Einebnungs-Plänen des Stasi-Ministers. Der Autor begründet das mit fehlender Baukapazität und Verzögerungstaktik von Baubetrieben. Dass Friedel Zoschke, die Witwe des Namengebers Hans Zoschke, der 1944 im Zuchthaus Brandenburg von den Nazis hingerichtet wurde, mit ihrem Veto erfolgreich gewesen sei, bezeichnet Wolter als eine „urbane Stasi-Legende“. Er könne sie nicht mit Originalquellen belegen. Henry Berthy, Geschäftsführer vom hier ansässigen Verein Lichtenberg 47, meint dagegen, Friedel Zoschke hätte als Mitglied im Komitee der Antifaschistischen Widerstandskämpfer bei Erich Honecker genügend Rückendeckung gehabt. Immerhin saß der SED-Generalsekretär 1944 ebenfalls in Brandenburg ein. Und in solchen Dingen galt Honecker durchaus als sentimental.

Natürlich schreibt Wolter ausführlich über das Olympiastadion und Hertha BSC. Über den 1. FC Union und sein echtes Fußballstadion An der Alten Försterei lässt er den Union-Experten Gerald Karpa berichten.  TeBe und das Mommsen-Stadion gehört ohne Frage auch in die Kategorie wie das Poststadion, das Sportforum oder der Friedrich-Ludwig-Jahn-Sportpark.

Auch Statistik- Freaks kommen auf ihre Kosten. Im Angang des 280 Seiten umfassenden Werkes findet der Leser eine reiche Statistik über die wichtigsten Spiele, die in Berliner Stadien in den vergangenen gut 100 Jahren über den Rasen gegangen sind und eine nahezu vollständige Auflistung aller Fußballplätze von 1910 bis heute in Berlin und seinen Vororten. Und das sind weit mehr als die 66, über die hier Geschichte und Geschichten erzählt werden.

Das Werk ist wirklich eine Fundgrube für Fans und Freunde Berliner Stadtgeschichte. Ich kann es nur empfehlen.

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Christian Wolter, Rasen der Leidenschaften – Die Fußballpätze von Berlin, Geschichte und Geschichten, Edition Else, 2011, ISBN 978-3-00-036563-8, EUR 19,80

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