Nachhilfe in Bibelkunde – Christoph Hagel bebildert im Berliner Dom die Johannespassion von Johann Sebastian Bach

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Sänger, Tänzer, Berliner Symphoniker und Berliner Symphoniechor geben sich alle Mühe, dem Publikum mit der Johannespassion die letzten Tage und die Hintergründe des Leiden und Sterbens des Jesus von Nazareth nahe zu bringen.

Die grandiose Bachsche Musik, die eindringlichen Arien und Chöre, die über die Bedeutung des Ereignisses für den einzelnen Menschen und die Menschheit insgesamt reflektieren, bereiten leider nicht ganz den Genuss, den die Zuhörer möglicherweise erwartet haben. Was nicht den Symphonikern angekreidet werden soll. Sie folgen wie immer souverän des Meisters körperbetontem Dirigat. Und auch der Chor gibt sein Bestes. Gegen das berüchtigte hallige Klangbild des neogotischen Prachtbaus jedoch ist schwer anzukommen. Das Programmheft, in edlem Schwarz gehalten, hilft im Dämmerlicht kaum weiter.

So ist dem Bühnengeschehen die volle Aufmerksamkeit sicher. Auf dem mit 5 Tonnen dunkler Gartenerde bedeckten Podium – »denn auf Golgatha gab es keine Teerstraße, sondern nur Steine und Dreck, und die Geschichte ist ja auch äußerst dreckig« (O-Ton Hagel) – werden von leichtgeschürzten jungen Männern, Frauen und Kindern – einige tragen dunkle  Kopftücher, die die Gedanken in bestimmte Richtung lenken – dramatische Volksszenen vorgeführt. Sie sind das Volk, der Mob, sind Hohepriester, Kriegsknechte, Jünger Jesu. Jeder ist alles. Gruppenweise gehen sie gegeneinander vor, weichen zurück, werden gekonnt zurück geworfen, umschlingen einander, verknäulen sich und wälzen sich vor allem im Staube. Abwechselnd umkreisen sie einen Menschen, der Liebe predigt, Kranke heilt und für sich nur in Anspruch nimmt, ein König zu sein, dessen Reich nicht von dieser Welt ist. Das passt zunächst den Hohepriestern nicht in den Kram. Sie geben dem Volk – das immer seine Gründe hat – Gelegenheit, mal Dampf abzulassen. Jesus wird umkreist, verlacht, bespuckt, getreten. »Kreuziget ihn!« Eine Entscheidung treffen soll Pilatus, der römische Statthalter. Der tut sich schwer.  Aber letztlich kann er nicht anders. Vorgeführt werden Verführung, Gewalt, Folterung und schließlich ein politischer Mord. Von der Liebe als einer reformistischen Idee, die Jesus in eine Welt gebracht hat, die von Brutalität, Machtkämpfen und Habgier bestimmt war, ist nichts übrig geblieben. Das ist sehr heutig.

Grübeln kann man da über die Filmsequenz, die Hagel zu Beginn über dem Altar abspielen läßt: Ein amerikanischer Gefängsnisdirektor berichtet von einem jugendlichen Mörder, der sich vor seiner Hinrichtung von ihm verabschiedete mit den Worten: »Ich liebe dich«. Das habe ihn so bewegt, dass er daraufhin sein gern ausgeübtes  Amt niederlegte und seither als Strafverteidiger arbeite. Soweit – so edel. Vor allem im Gedächtnis jedoch bleibt seine Aussage: »Aber erst einmal musste ich meine Arbeit tun.« Diesem Satz fühlten sich bekanntlich im Laufe der Geschichte immer wieder Menschen verpflichtet: erstellten Transportlisten, zogen Signale, fuhren tagein-tagaus Züge in die Todeslager … Und gingen anschließend in die Kirche. Andere fahren Wasserwerfer, Panzer, lenken Drohnen ”¦ Seit Pontius Pilatus nichts Neues: Man ist bewegt, hat bessere Einsichten, muss aber seine Arbeit tun. Befehlsnotstand!

Über diesen Satz sollte man stolpern.

Die Kinobranche übrigens hat längst erkannt, dass mit christlichen Stoffen Geld zu machen ist. Der Mel-Gibson-Film »Die Passion Christi« (2004) erbrachte innerhalb weniger Wochen ein Einspielergebnis von mehr als 600 Millionen US-Dollar und ist laut Guinness-Buch der erfolgreichste religiöse Film aller Zeiten. Wer würde da nicht neidisch?

Über weitere Vorführungen: www.johannespassion-im-dom.de

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