Mein Vater, der Held – Taika Waititi lässt seinen Titelhelden „Boy“ bei Berlinale Generations erwachsen werden

 

Die Gedankenwelt von Kindern ist drastischer, als manche Erwachsenen es wahr haben wollen. Nicht nur aufgrund dieser Erkenntnis eignet sich Waititis tragisch-komisches Drama über die Schwierigkeiten des Aufwachsens in einer brüchigen Familie auch für ältere Zuschauer. Boy lebt mit seinem Bruder Rocky und einer Schar jüngerer Cousins in einem Kaff im ländlichen Neuseeland bei seiner unfreundlichen Tante, die sich mit diversen Nebenjobs durchschlägt. Ausgerechnet Boys Identifikationsfigur fehlt in seinem Leben: Alamein, in dr Fantasie seines Sohnes Rugby-Profi, Kriegsheld, naher Verwandter Michael Jacksons und Gefängnisausbrecher. Letztes ist der Realität noch am nächsten. Zwar bricht der Kleinganove Alamein nicht aus, sondern wurde ganz unspektakulär entlassen, doch eines Tages steht er tatsächlich vor der Tür. Er und Michael Jackson sind Boys Vorbilder. Selbstverständlich hilft Boy seinem Vater bei der Such nach der versteckten Beute, welcher Alamein vor seinem Haftantritt vergraben hat. Boys anfängliche Bewunderung für seinen Vater wird auf eine harte Probe gestellt. Denn Alamein glänzt weder als Held noch als Vaterfigur.

Im Handlungsjahr 1984 sah die Welkt noch besser aus. Michael Jackson ist relativ schwarz, der elfte September ein gewöhnlicher Tag und man selbst war noch nicht geboren. Nostalgie und Melancholie vermischen sich in der in Waitits Heimatort Waihau Bay angesiedelten semi-biografischen Komödie. „Wer bin ich?“, lautete das Thema, über welches Boy referieren soll. Mehr als über sich erzählt er von Familie, Freunden und seinem Vater. Sich selbst definiert der Junge durch andere, vor allem den abwesenden Alamein. Mit dessen angeblichen Heldentaten versucht er sich aufzuwerten. Unter seinem selbstbewussten Äußeren ist Boy kein Angeber, sondern tief verunsichert. Die eigenen – ebenfalls angeblichen – Abenteuer erzählt er nur seinem Hausschaf Leaf. Die verborgene Tragik um Boys Einsamkeit verleiht der nach außen hin humorvollen Filmhandlung ihre Dramatik. Die inneren Konflikte der Figuren offenbar sich vor allem in den Details. Von seinen nativen Wurzeln ist Boy so weit entfernt wie von seinen familiären. Die Eltern geben ihren Kindern keine traditionellen Namen, sondern die von Film-Boxern oder dem Adoptivsohn Tarzans. Der raue Umgangston der Kinder, deren Gespräche sich nicht selten um Drogen, erste romantische Erfahrungen und heftiges Fluchen drehen, ist ein Vorbote der harschen Realität, welche auf sie als Erwachsene wartet. Alamein war dieser Realität nicht gewachsen und flüchtet sich in ein infantiles Verhalten. In Boys Namen klingt an, dass diese Stagnation auch ihm droht. Will er nicht so enden wie sein Vater, muss Boy das Idealbild aufgeben, welches er sich von ihm konstruiert hat.

Für Boy gilt es, sein eigenes Potential zu nutzen – selbst, wenn der Lehrer lieber Feierabend macht, als ihm die Bedeutung des Wortes zu erklären. Letztendlich muss Boy sie ohnehin selbst entdecken. Mit den wachsenden Problemen der Titelfigur schrumpft zwar das Tempo der Handlung, der Charme der witzigen Dialoge und originellen Figuren bleibt jedoch ungebrochen. Manche Filme mag man einfach schon wegen den ersten paar Szenen. Nicht nur, wenn man Stephen King ist.

Titel: Boy

Berlinale Genreations

Land/ Jahr: Neuseeland 2009

Genre: Kinderfilm

Regie und Drehbuch: Taikta Waititi

Darsteller: James Rollestone, Cherilee Martin, Te Aho Eketone-Whitu, Takita Waititi,

Laufzeit: 90 Minuten

Bewertung: ***

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