Lexikon der Vertreibung – Berliner Ärztevertreter machten ihren jüdischen Kollegen das Leben zur Hölle

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Profiteure der Vertreibung waren »arische« Berliner Ärzte, die ihre jüdischen Kollegen verfolgten, entrechteten, ins Exil und in den Tod trieben – auch sie Hitlers willige Vollstrecker. Angesichts der hohen Arbeitslosigkeit waren vor allem junge Ärzte leicht gegen die jüdischen Kollegen als lästige Konkurrenz zu mobilisieren. Den Terror übten nicht nur die SA, sondern auch die »lieben Kollegen«.

Diese Bilanz ziehen Rebecca Schwoch und Judith Hahn in ihrem Buch »Anpassung und Ausschaltung – Die Berliner Kassenärztliche Vereinigung im Nationalsozialismus« , das am Dienstag von der Kassenärztlichen Vereinigung Berlin in einer festlichen Veranstaltung vorgestellt wurde. Es beschließt ein im Jahre 2005 begonnenes Forschungsprojekt, das die Rolle der deutschen Ärzteschaft bei der Durchsetzung der NS-Gesundheitspolitik beleuchtet. Die enge Verquickung der Ärzte mit dem Naziregime wird von der Tatsache bewiesen, dass 50 % der deutschen Ärzte Mitglieder der NSDAP waren. Die Autorinnen analysieren den mörderischen Mechanismus der Verfolgung von der Gesetzgebung bis zum Handeln einzelner Täter und Profiteure.

Treibendes Motiv der Arbeit: die Opfer dem Vergessen zu entreißen, ihnen ihre Namen zurückzugeben und hinter den Namen ihre Persönlichkeit sichtbar zu machen. In einem Gedenkbuch haben Schwoch und ihr Team vom Institut für Geschichte und Ethik der Medizin des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf die Biographien von 2018 jüdischen Berliner Kassenärzten erforscht – etwa zwei Drittel der Berliner Kassenärzte jener Zeit. Jeder Name ist im Foyer der KV Berlin in der Masurenallee in einer Lichtprojektion zu lesen, darunter Dr. med. Else Weil, Kurt Tucholskys erste Ehefrau. Sie wurde in Auschwitz ermordet. Das Buch verzeichnet scheinbar unbedeutende Details, z.B. die wechselnden Adressen der Ärzte. Sie wurden in immer kleinere Wohnungen gedrängt, weil sie immer weniger verdienen durften. Roman Skoblo, Vorsitzender des Bundesverbandes Jüdischer Ärzte in Deutschland – der geistige Vater des Projekts –, betonte, dass sich hier ein religiöses Gebot jüdischer Menschen und ein humanistisches Anliegen endlich erfüllt haben. Der Stadt Berlin werden diese Arztpersönlichkeiten »zurückgegeben« und den Kindern und Enkeln ihre Eltern und Großeltern, sagt Skoblo. Und nun, alles vorbei? Auf der Suche nach Spuren der Verfolgten erfuhr Rebecca Schwoch, wie die Tragödie noch heute auf den Familien lastet. Der heute über achtzigjährige Sohn der geflohenen Ärzte Martha und Kurt Jakob schrieb: »Die Nazis haben 6 Millionen Juden umgebracht, oder besser gesagt ermordet, aber auch Menschen wie meinen Eltern wurde ihr ganzes Leben zerstört, und das waren auch ein paar Millionen. Stellen Sie sich vor, im Alter von 40 Jahren alles aufgeben, Sprache, Kultur, Klima, Gerüche, und noch vieles mehr. Das war für viele so wie ein Tod, obwohl sie ja weiter lebten.«

Mager die Antwort des Buches auf die Frage, warum es erst jetzt erscheint , 64 Jahre nach der Befreiung. An einzelnen personellen »Kontinuitäten« sei abzulesen, »dass eine klare Abgrenzung gegenüber dem Geschehen und den Verantwortlichen der Jahre 1933 bis 1945 nicht stattfand.« Ja, Verschweigen, Leugnen und Verharmlosen hatten Methode – bei Ärzten, Juristen, Gestapoleuten, Offizieren, Konzernchefs und Bankiers, bei Museumsdirektoren und Künstlern. Manfred Richter-Reichhelm, langjähriger Vorstand der Kassenärztlichen Vereinigung Berlin, bekannte in der Pressekonferenz: »Roman Skoblo hat mich damals, im Jahre 2001, wachgerüttelt. Wir müssen immer wieder den Finger in die Wunde legen.« Richter-Reichhelm wurde zum tatkräftigen Förderer des Projekts. Das garantierte noch nicht dessen Finanzierung. Jahrelanges Klinkenputzen ging der Realisierung voraus. Prädestinierte Institutionen und Stiftungen lehnten die Förderung ohne Begründung ab. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft, die noch 1958 den Autor des Generalplans Ost, Konrad Meyer, finanziell gefördert hatte, erklärte sich für nicht zuständig.

Prof. Ernst-Peter Schmiedebach, Direktor des Hamburger Instituts, berichtet von den »eindrucksvollen« Verhandlungen: »Wir mußten uns … einer mehr als 12-köpfigen Gruppe von Vorsitzenden, Geschäftsführern, Justitiaren und anderen Vertretern der beteiligten Förderorganisationen stellen. Alle waren von der großen Sorge erfüllt, dass ihr Geld in die falschen Hände kommen und verschleudert werden könnte.« Und das bei einem Projekt, bei dem kein Zweifel bestand, dass neue »Erkenntnisse über die Ausschaltung jüdischer und politische mißliebiger Kassenärzte gewonnen werden würden.« Das Geld kam letztlich von ärztlichen Organisationen. Ärzte spendeten 80.000 Euro.

Dennoch bleibt unbegreiflich, dass die elektronische Gedenktafel in der KV Berlin (die laufende Unterhaltung eingeschlossen) von Roman Skoblo und Manfred Richter-Reichhelm privat finanziert werden mussten.

Und auch das gab es: »Ich kann es nicht mehr ertragen, in diese Millionen Gräber zu blicken.« – »Ich habe keine Zeit, ständig nach hinten zu schauen.« Schwoch berichtet von solchen Stimmen in Ärzteversammlungen und sagt, ihr Buch solle durchaus einen erzieherischen Aspekt haben. Skoblo resümiert das Thema: »Wir müssen widersprechen lernen.« Die »Lenker dieser Stadt« könne das Buch lehren, die Ausgrenzung von Migranten aus Süden und Osten zu stoppen. Neben dem physischen gebe es auch einen sozialen Genozid. Die Vorsitzende der KV Berlin, Angelika Prehn sieht es ganz praktisch: »Die Leute wollen ermutigt werden, Gesetze nicht blind umzusetzen. Wir brauchen Querdenker.» Beispiel: Schweinegrippeimpfung. Ziel erkannt.

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Judith Hahn und Rebecca Schwoch, Anpassung und Ausschaltung. Die Berliner Kassenärztliche Vereinigung im Nationalsozialismus. Verlag Hentrich und Hentrich, Berlin 2009, 227 Seiten, 19,80 Euro.

Rebecca Schwoch (Hg.), Berliner jüdische Kassenärzte und ihr Schicksal im Nationalsozialismus. Ein Gedenkbuch, Hentrich und Hentrich, Berlin 2009, 973 Seiten, 38,00 Euro

Erstveröffentlichung in junge Welt (www.jungewelt.de) vom 05.11.2009

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