Kleinvieh macht auch Mist – „Nichts ist besser als gar nichts“ erfährt Jan Peters in seiner Kinoreportage

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„Was für ein Abenteuer!“ Mit Peters Ausruf verabschiedet sich die Authentizität von „Nichts ist besser als gar nichts“ kurz nach dem Abflug seiner Freundin. Ein experimenteller Dokumentarfilm über soziale Not will die Reportage sein. Doch wer real unter ihr leidet, erlebt Geldlosigkeit nicht als „Abenteuer“, sondern Alltag. Ärgerlich findet der Dokumentarfilmer an seiner Lage nur, dass der geplante abendliche Kinobesuch ausfallen muss. Seine Geschäftsidee setzt er zuerst mit dem Ziel um, genug für eine Kinokarte zu verdienen. Not macht Jan Peters erfinderisch. Zu einem überzeugenden Dokumentarfilmer macht sie ihn nicht. Die Ausgangssituation ist leicht als gestellt durchschaubar. Peters vermeintliche Notlage ist keine. Mit einem Personalausweis lässt sich problemlos ohne Bankkarte Geld abheben. Ob der Ausweis ebenfalls im Urlaub ist, wird – augenscheinlich gezielt – verschwiegen. Peters lebt kurzerhand in der Wohnung seiner Freundin. Mangel an Essen, an Waschmöglichkeiten, der Rausschmiss oder Kälte drohen ihm dort nicht. Seinen materiellen Rückhalt erwähnt Peters erst spät und nur flüchtig. Umso ausführlicher zeigt er, wie einfach es sich mit „Nichts“ angeblich lebt.

Der Auszubildende Sven freut sich etwa auf das Gebäudereinigen, dem sein Vater eine große Zukunft in Dubai prophezeit. Dort schießen die Wolkenkratzer aus dem Boden und die Fassaden sollen funkeln. Das Geld liegt auf der Straße: dort lassen sich Zeitungen verkaufen oder Flaschen sammeln. Was macht es schon, von abfälligen Blicken begleitet stundenlang in der Kälte zu stehen oder im Müll zu kramen? Mutter Natur hat den Tisch für die Bedürftigen reich gedeckt. Nur emsig wie ein Bienchen muss man sein, dann fließen Milch und Honig. Letzten erwirtschaften die Imker, denen sich Peters im Stadtpark anschließt. Und wer weiß, ob sich dazu nicht noch ein paar Grillreste finden, möchte man ergänzen. Des armen Menschen Charcuterie… Nur eine Geschäftsidee brauche es, verrät ein Unternehmensberater. Peters optimiert sein Erscheinungsbild mit Berufsuniform und Werbeslogan: „Sei fit, fahr mit“. Schnell auf den Doku-Film-Zug aufgesprungen. Optimale Präsentation ist alles, instruiert besagter Unternehmensberater Oberschüler. „Man muss lügen.“, schlussfolgert einer der Jungen. „Lügen nicht.“, beschwichtigt der Unternehmer. „Aber die Wahrheit sehr positiv darstellen.“

Diese Lektion setzt „Nichts ist besser als gar nichts“ nolens volens um. Zu spät erinnert die Reportage an die Schattenseiten der Mittellosigkeit. Die optimistischen Filmszenen von zahlreichen wartenden Geschäftsideen und hilfsbereiten Mitmenschen suggerieren, dass diejenigen, die durch das soziale Netz fallen, mit liebevollen Armen aufgefangen werden. „Aber vielleicht war das ganze nur ein Märchen, das nicht einmal der Onkel glaubte, der es erzählte.“, sagt Peters in einer Szenen verräterisch. Dafür gibt es trotz steigender Ölpreise eine Füllung Feuerzeugbenzin gratis – für ein Minimum sozialer Wärme. „Das Mädchen mit den Schwefelhölzern“ erfror trotzdem.

Titel: Nichts ist besser als gar nichts

Land/ Jahr: Deutschland 2010

Genre: Dokumentarfilm

Kinostart: 4. November 2010

Regie und Buch: Jan Peters

Kamera: Marcus Winterbauer

Musik: Pit Przygodda

Schnitt: Nina von Guttenberg, Sandra Trostel

Laufzeit: 89 Minuten

Verleih: Filmtank

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